
- Schiffswerften waren häufiges Motiv in diesem Stil - Jerzy Sawluk
In den zwanziger Jahren begann die deutsche Kunstszene, sich weg vom Expressionismus zu einer anderen Kunstform zu bewegen - zur neuen Sachlichkeit. Dieser Stil war geprägt vom alltäglichen Leben und sozialen Problemen, welche er mit einem geradezu nüchternen Blick betrachtete.
Anfänge der neuen Sachlichkeit
Die ersten Anzeichen des neuen Stils zeichneten sich Anfang der zwanziger Jahre ab. Der zuvor in Deutschland dominierende Expressionismus wurde von der neuen Art der Darstellung abgelöst, da sich die Künstler ab 1919 stärker in eine Richtung hin orientierten, die eine naturalistische Malweise zeigte. Dieser neue Weg der Darstellung der gegenständlichen Welt zeichnete sich in der europäischen Malerei schon in den letzten Jahren des ersten Weltkrieges ab.
So veränderte sich die französische Malerei zu einer neuen Gegenständlichkeit, an der ehemalige Kubisten wie zum Beispiel Picasso oder Jean Metzinger mitwirkten. Und auch Künstler der italienischen Pittura metafisica wie Giorgio de Chirico und Carlo Carrà malten schon seit 1917 Bilder im plastischen Realismus. All diese Künstler fungierten nun als Vorbilder für deutsche Maler, da diese den Mix aus Realismus und traditioneller Klassizität bewunderten.
Um 1920 begannen nun vermehrt Künstler, welche in den neunziger Jahren geboren worden waren, in distanzierter und dabei gegenstandsbezogener Weise zu malen. Diese Entwicklung fand dabei nicht nur in den großen Städten wie Berlin statt, sondern zeigte sich auch in den kleineren Provinzen. Zwischen 1922 und 1924 bildete sich die neue Sachlichkeit schließlich als ein eigener, anerkannter Stil heraus.
Die neue Art der Darstellung in neuartiger Umgebung
Anders als im zuvor vorherrschenden Expressionismus zeigt die neue Sachlichkeit einen nüchternen Blick auf die Gesellschaft der zwanziger Jahre. Sie gilt als bodenständige Kunstform, die das bescheidene Leben mit dem kleinen Glück und den bestehenden sozialen Zwängen verdeutlichen will. Ihr Ziel ist es, die uns umgebende Welt mit einer neuen Sicht zu sehen. Dazu illustrierten die Künstler alltägliche Situationen, die in Gassen, Fabriken, Schiffswerften oder auch Bordellen passierten.
Unterschiedliche Ausrichtungen in der neuen Sachlichkeit
Die neue Sachlichkeit, die im Allgemeinen eine realistische Darstellungsweise zeigt, wurde in unterschiedlichen Arten verstanden – und zeigt somit auch verschiedene Ausrichtungen. Man kann in einen rechten und in einen linken Flügel unterscheiden. Der Oberbegriff „neue Sachlichkeit“, welcher von dem Kunsthistoriker und Direktor der Mannheimer Kunsthalle Gustav Friedrich Hartlaub stammt, soll hierbei die gesamte Spannbreite beinhalten.
Der rechte Flügel ist eher konservativ ausgerichtet und erinnert an den traditionellen Klassizismus. Er wirkt naturalistisch und stellt eine fast schon poetische Malerei dar. Das Ziel ist hierbei, die Gegenstände akribisch genau zu zeigen. Dieses klassizistische Verständnis der neuen Sachlichkeit etablierte sich vor allem in München. Bekannte Künstler sind hierbei Georg Schrimpf und Alexander Kanoldt.
Der linke Flügel verstand sich als veristisch und war mehr auf die Zeit angepasst. Die Maler waren geprägt durch den Expressionismus und des Dadaismus und wollten deren Weltanschauung auf die neue Gegenständlichkeit anwenden. Sie zeigten sich kritisch gegenüber der Politik der Weimarer Republik und wünschten sich eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dazu versuchten sie, die für die Lebensumstände prägenden gesellschaftlichen Strukturen aufzudecken. Die Veristen bildeten die verdrängte und unästhetische Seite der Realität ab. Diese Ausprägung der neuen Sachlichkeit war vorwiegend in Berlin zu finden und wurde durch Künstler wie George Grosz, Otto Dix und Georg Scholz vertreten.
Das Ende der neuen Sachlichkeit
Einen konkreten Zeitpunkt für das Ende der neuen Sachlichkeit gibt es im allgemeinen Sinne nicht. Jedoch verursachte die politische und wirtschaftliche Krise der Weimarer Republik in den Jahren 1930 bis 1936 eine Krise des Kunstmarktes, was viele Künstler in die soziale Not brachte. Es kam dazu, dass das verschärfte politische Klima die Veristen nicht mehr anzog sondern abstieß. Um die soziale Not wieder abzuwenden, passten sich viele Maler an und bewegten sich zur Romantik und zur Nazikunst hin.
Zwar waren die Nationalsozialisten nicht generell gegen die Form der neuen Sachlichkeit, jedoch mochten sie die revolutionäre, provokante Haltung der Künstler nicht. Weiterhin missfiel ihnen die Systemkunst der Weimarer Republik, sodass die neue Sachlichkeit langsam in den Schatten rückte. Ab 1933 begann schließlich der Prozess des Ausschlusses von Künstler aus Lehrämtern an Kunstschulen, womit dieser Stil mehr und mehr an Anhängern und Aufmerksamkeit verlor.
Quellen: Neue Sachlichkeit, Hans-Jürgen Buderer, Manfred Fath, Verlag: Prestel
