Armut 2020: Information als Maßstab für Reichtum

Wer frisst wen? - Tom Koehler, Hamburg
Wer frisst wen? - Tom Koehler, Hamburg
2bAHEAD - Zukunftskongress zum Weltbild 2020: Die Schere zwischen Arm und Reich, Onlinern und Nonlinern und die soziale Sprengkraft solcher Prozesse.

Am 15.06.2010 veröffentlichte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin eine viel beachtete Studie zur Einkommensentwicklung in Deutschland. Passgenau dazu die Arbeitsgruppe auf dem 2bAHEAD Zukunftskongress. Das DIW prognostiziert ein weiteres Auseinanderdriften zwischen den Armen und Reichen. Die Entwicklung ist nicht nur quantitativ, sondern leider auch qualitativ intensiver. Arme werden noch ärmer, die "Mittelschicht" wird durch das Tempo des Vorgangs stark verunsichert, die Zahl der Beschäftigten geht kontinuierlich zurück.

Was denken Denker darüber?

Verleger Konstantin Neven Dumont entwarf als erster Referent ein düsteres Szenario: Derzeit gebe es 15 Prozent Arme in Deutschland. Die Aussichten sind nicht gut. Massive Altersarmut, auch bei den derzeit 20 Millionen Rentnern, ist die Zukunft. Dem stehen die reichen Pensionäre gegenüber, die sich bald in abgeschirmten Siedlungen ihres sorgenfreien Lebensabends erfreuen. Eine Verlotterung, so Neven Dumont, ist im Anmarsch. Wo Müll sich sammelt, kommt weiterer hinzu. Doch nicht nur die harten Worte waren Teil seiner Ausführungen. Ihm geht es um ein neues Verständnis für die ärmste Bevölkerungsgruppe, Hilfe zur Selbsthilfe und Solidarität. Die Milliarden, die für den Sozialstaat ausgegeben werden, versanden zum Teil in seiner Verwaltung. Hilfe auf Gegenseitigkeit, die Wahrung der Würde des Einzelnen und durch Geben sehr viel empfangen - ein grundsätzlicher Appell des Verlegers an die Gesellschaft und die Politik.

WILDCARD

Ein eigens zur Veranstaltung engagierter Inhaber einer Wildcard durfte zu jedem Zeitpunkt die Diskussion "stören". Sein Einwurf: Diese Parallelgesellschaft bildet eine Parallelregierung. Die Leistungen des Schwarzmarktes und des Tauschhandels übersteigen das Bruttosozialprodukt! Neven Dumont: "Ich bin gegen die 1-Euro-Jobs. Die Schaffung eines zweiten Arbeitsmarktes ist wichtiger, als die Förderung des Dritten." Die Unterstützung und Hilfe ist wichtiger, als Forderungen und Schuldzuweisungen. Allerdings befürchtet auch er massive soziale Unruhen. Teilnehmer kritisierten in diesem Zusammenhang das Denkverbot bei neuen Ansätzen, die mangelnde Diskussion von Modellen. Das Versagen der Gesellschaft ist offensichtlich

Ewiges Summen

Gleich den Vuvuzelas in Südafrika summt das Netz via Twitter gleichmäßig brummend. Dies postuliert Prof. Knut Föckler, Marketing- und Medienexperte. Dieser oft belanglose Kram bedürfe bald eines Twitter-Führerscheines. Es ist ein neuer Weg der Informationsverbreitung. Aber man dürfe, so Föckler, Digits nicht mit Publikationen oder journalistischen Erzeugnissen verwechseln. Ein Graben öffnet sich auch bei den Onlinern und Nonlinern. Wer kann es sich leisten, die richtigen Informationen aus den richtigen Quellen zu bekommen? Qualitätsinformationen werden zu elitären Produkten. Sie sind das Kapital der nächsten Jahre. Wer in der Wissensgesellschaft nicht organisierte Informationen erhält, versinkt in der Datenflut. Oder er hat von fremder Hand gefilterte Informationen aus zersparten Medienkonglomeraten, die durch Abbau der Experten unrecherchierte Informationen durchwinken. In Abwandlung eines konfessionellen Spruches: Unselig sind die, die informations-arm sind.

Der sechste Sinn der Welt

Ein Seismograf der besonderen Art sei das, vielen unheimlich erscheinende, Twitter-Dings. Es ist der sechste Sinn der Welt, so Prof. Dr. Marc Drüner. Er ist Experte für Innovationsmanagement. Ihn stört, dass nach seiner Rechnung 180 Millionen Arbeitsplätze mit Zukunftstechnologie zu tun haben - es aber immer noch althergebrachte Ausbildungen gibt. Die Menschen auf das vorzubereiten, was wirklich wichtig ist, was in Riesenschritten auf uns zukommt, hat oberste Priorität. Die Teilhabe aller am virtuellen Datenverkehr und Informationsfluss fordert Drüner. „Freies W-Lan für alle!“ Die Verhältnisse verschieben sich langsam zugunsten der Nutzer, der Kunden. Ihr Social Brand, ihr Social Capital bewegt zunehmend das Netz. Freunde und Nutzer einer Marke tauschen sich in Echtzeit über Produkte und Dienstleistungen aus, bewerten, benoten sie. Wer aktiv im Netz ist, zahlreiche Freunde in seinen Profilen aufweist, bekommt Besuch vom Brand Ambassador. Firmen gehen aktiv auf Kunden zu, kommunizieren mit ihnen, nutzen sie als Verteiler.

Der Kampf ist entbrannt

Dürner: "Die Menschen wollen kein Entweder/Oder, sie wollen ein UND. Sie sind aktiv Handelnde, schalten Kleinanzeigen auf Twitter." Dort sind Scouts unterwegs, die mit der Aggregation eines Prozents beschäftigt sind, des einen Prozent an wirklich wichtigen Informationen. Nutzer praktizieren aktiv Empfehlungsmarketing vom Feinsten. Sie sind, so der Professor, nicht mehr zu greifen. Sie fragen in den "sozialen Gral" hinein: Ist das Produkt etwas für mich, ist es gut?" Er prophezeit sogar einen Spill-Over-Effect aus der Online- in die Offline-Welt. Der Kampf ist entbrannt - zwischen Social Capital und (Old) Financial Capital.

Tom Köhler, Hamburg, Tom Köhler, Hamburg

Tom Köhler - Tom Köhler, Journalist, Fotograf, Netzwerker, Inhaber der Agentur Abenfarben in Hamburg. www.abendfarben.de

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