Die Normannen setzen sich in Süditalien fest

Der Aufstieg Rainulfs von Aversa zum Grafen

Rainulf von Aversa war es gelungen ein eigenes Lehen in Süditalien zu erringen. Nun brauchte er nur warten bis sich Langobarden und Byzantiner gegenseitig zerfleischten

Die nächsten Jahre verbrachte Rainulf von Aversa damit, sein Lehen und seine Stellung zu sichern und auszubauen. Zu diesem Zweck schloss er sich 1034 mit dem Mann zusammen, den er zuvor bekämpft hatte: Pandulf von Capua. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er Pandulfs Nichte und unterstützte den Fürsten von Capua bei seinem Aufstieg zur größten Macht im Lande. Dabei waren sich beide sehr wohl bewusst, dass Rainulf nicht nur ein sehr wichtiger Verbündeter war, sondern auch ein potentieller Rivale.

Die Ausschaltung Pandulfs

Tatsächlich hielt das Bündnis nicht lange. Pandulf war – selbst nach den rauen Maßstäben des Mittelalters – kein angenehmer Zeitgenosse. Er war verschlagen, gierig und grausam - vor allem gegenüber der Kirche. So ersetzte er den Erzbischof von Capua durch einen seiner unehelichen Söhne und sperrte den Abt des Klosters Monte Cassino ein, um sich die Einkünfte des Klosters und seiner Ländereien zu sichern. Die versuchte Vergewaltigung einer Nichte des Fürsten von Salerno, Gaimar V., brachte das Fass schließlich zum Überlaufen und lieferte den perfekten Vorwand, um den mächtigen Fürsten von Capua in seine Schranken zu weisen. Rainulf wechselte mit jener Leichtigkeit die Seiten, der die Normannen ihren Aufstieg in Süditalien verdankten.

Ein Kaiser will Frieden bringen

Gaimar wiederum wusste, dass es keine endgültige Lösung des Konflikts ohne kaiserliche Unterstützung geben würde. Er richtete sowohl an den byzantinischen, als auch den deutschen Kaiser ein Gesuch um Schlichtung. Während die Byzantiner dieses Schreiben ignorierten – sie waren zu dieser Zeit mit innenpolitischen Fragen zu beschäftigt – marschierte Konrad II. 1038 nach Süditalien, um die Ordnung wiederherzustellen. Seine erste Station war Monte Cassino. Er entsandte Boten zu Pandulf, die diesem befahlen alle Ländereien und sonstiges Eigentum des Klosters wieder zurückzugeben. Pandulf, von allen einflussreichen Verbündeten verlassen, heuchelte zunächst Reue. Er bot dem Kaiser größere Geldsummen als Wiedergutmachung und seine Kinder als Pfand für zukünftiges Wohlverhalten an. Konrad akzeptierte, aber Pandulf zeigte bald schon wieder sein wahres Gesicht. Nachdem sein Sohn seinen Bewachern entkommen war, floh Pandulf nach Sant’Agata dei Goti und verschanzte sich dort in der Hoffnung, dass der Kaiser bald wieder abziehen würde und er sein Treiben fortsetzen könnte. Doch Konrad dachte gar nicht daran. Im Gegenteil: Seine Geduld mit dem widerspenstigen Untertan war erschöpft und mit Unterstützung von Rainulf und seinen Normannen setzte er Pandulfs Verbündeten nach und machte kurzen Prozess mit ihnen. Danach kehrte er nach Capua zurück und hob Gaimar feierlich auf den Thron. Pandulf war damit vollständig entmachtet und isoliert. Ihm blieb nur noch eine Möglichkeit: er floh nach Konstantinopel. Obwohl von dort keine Antwort auf Gaimars Gesuch gekommen war, hatte man dort jedoch auch die Geduld mit Pandulf verloren. Anstatt ihn mit offenen Augen zu empfangen, wurde er ins Gefängnis geworfen.

Rainulfs Aufstieg zum Grafen

Noch im selben Sommer kehrte Konrad Süditalien den Rücken. Er konnte zufrieden mit sich sein. Pandulf war besiegt, Monte Cassino wiederhergestellt und mit Gaimar hatte er einen energischen, starken Machthaber installiert, der die Fäden in der Hand behalten konnte und gleichzeitig ihm zu Dank verpflichtet war. Doch Konrad war nicht naiv. Zur Sicherheit hatte er noch Rainulf von Aversa offiziell in den Rang eines Grafen erhoben. Damit standen er und seine Normannen einmal mehr auf der Seite der Sieger. Die Belohnung war mehr als großzügig für bezahlte Krieger und Rainulf dürfte langsam eine Vorstellung davon gewonnen haben, was in der neuen Heimat möglich war. Es dürfte zu dieser Zeit gewesen sein, dass er ein neues Ziel anvisierte: die Errichtung der normannischen Vorherrschaft in Süd-Italien. Gut möglich, dass Konrad dies ebenso gesehen hat, denn mit der Ernennung zum Grafen stellte er gleichzeitig sicher, dass Rainulf Gaimar als Vasall weiterhin dienen musste.

Das Erscheinen der ersten Hautevilles

Entscheidend für die weitere Entwicklung in Süd-Italien war aber noch ein anderer Faktor. Ein Faktor in Gestalt von drei jungen Männern, die seit 1035 in Diensten Rainulfs standen. Ihre Namen: Wilhelm, Drogo und Humphrey de Hauteville. Sie waren die ältesten Söhne eines kleinen, unbedeutenden Provinzbarons der Normandie: Tankred von Hauteville-la-Guichard, einem kleinen Dorf nordöstlich von Contances. Sein Verdienst war es, eine ganze Reihe von ungewöhnlich tatkräftigen Söhnen hervorzubringen, die die Geschichte Siziliens und Süd-Italiens verändern würden. Im Dienst von Rainulf von Aversa machten sie die ersten Schritte und lernten schnell, wie unruhig und unsicher das Land war. Sie erlebten, wie leicht die Großen und Mächtigen stürzen und junge, tatkräftige Männer aufsteigen konnten. Sie erfuhren, wie brüchig Allianzen waren, und dass Diplomatie ebenso wichtig war, wie ein scharfes Schwert und ein wacher Verstand. In Rainulf hatten sie zudem ein lebendiges Vorbild, dass auch Landfremde es in 20 Jahren zu Reichtum, Besitz und Einfluss bringen konnten.

Sarah Essing - Werdegang: Lehramtsstudium Deutsch und Geschichte in Bielefeld, Volontariat, Lokal-Redakteurin, Referendariat, ...

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