Olga Neuwirth, Jahrgang 1966, gehört inzwischen zu den bekanntesten und vielfach gewürdigten Komponisten der Gegenwart. Die erste internationale Anerkennung erreichte sie mit dem bei den Wiener Festwochen 1999 uraufgeführten Musiktheater "Bählamms Fest" nach einer Textvorlage von Leonora Carrington in Bearbeitung von Elfriede Jelinek. Seitdem sind neben weiteren Opern und Instrumentalwerken auch ihre Filmmusiken, wie zum Beispiel für "Das Vaterspiel" von Michael Glawogger, bekannt geworden.

Jugend-Workshop bei Hans Werner Henze und Studium in Wien, San Francisco und Paris

Olga Neuwirth wuchs im österreichischen Schwanberg auf und erhielt seit ihrem siebten Lebensjahr Trompetenunterricht. Nachdem sie aufgrund eines Unfalls das Trompetespiel hatte aufgeben müssen, nahm sie als Jugendliche 1985 bei einem Kompositions-Workshop mit Hans Werner Henze teil und entdeckte ihre Faszination.

Sie studierte zunächst Komposition an der Hochschule für Musik in Wien und befasste sich in ihrer Magisterarbeit "Über den Einsatz von Filmmusik in `L'amour à mort´ von Alain Resmais" bereits mit den musikalisch-technischen Möglichkeiten des Films, derer sie sich in ihren Kompositionen häufig bedient. Anschließend studierte sie in San Francisco, wo sie neben der Musik am Arts College auch Malerei belegte, und in Paris.

Verwirrende Klangmuster ohne gewohnte tonale Strukturen

Die Kompositionen Olga Neuwirths sollen keinesfalls Wohlklang verbreiten, sondern den Zuhörer irritiert und verstört, dafür aber wach und aufnahmebereit zurücklassen. Stets werden die klanglichen Szenarien von Chaos beherrscht, das keinerlei bekannte Strukturen, Klangfarben oder Rhythmen kennt. Olga Neuwirth selbst bezeichnet ihre Musik als "Katastrophenmusik", die allerdings weit entfernt bleibt von lethargischer Verzweiflung oder dumpfer Depression, sondern unbändige Energie aus der Empörung schöpft. All die Aggressivität wird gelegentlich durch sarkastisch-höhnische Einlagen unterbrochen, die den Eindruck des Grauens noch verstärken. Um den Stücken folgen zu können, müssen die Zuhörer einige Aufmerksamkeit aufbringen und sich nach vielfach überraschenden Wendungen immer wieder neu einstellen. Neuwirths Kompositionen werden treffend als labyrinthische Klangmuster beschrieben, in denen sich der Hörer verloren fühlt wie in einem Spiegelkabinett.

Olga Neuwirths Stilmittel: Verfremdungen und Medienkombinationen

Auch wenn Olga Neuwirth immer Überraschungen parat hält, gehören einige Stilmittel zu ihrem bevorzugten Repertoire: So bezieht sie häufig verschiedene moderne Medien, wie Videoinstallationen oder Live-Filmsequenzen ein und lässt die Agierenden aus der Retorte oder dem Nebenraum in scheinbare Kommunikation mit den Akteuren auf der Bühne treten. Anleihen bei Techniken des Films, zum Beispiel Schnitt oder Überblendung, kommen darüber hinaus auch in ihrem musikalischen Ausdruck zum Tragen, der stark von Kontrasten, schnellen Wechseln und klanglichen Überlagerungen geprägt ist.

Vielfach kristallisieren sich gewohnte Klänge oder Geräusche heraus, die jedoch so stark verfremdet wurden, dass sie nur unbewusste Assoziationen hervorrufen, aber spontan nicht richtig zugeordnet werden können. Zurück bleibt ein mulmiges Gefühl der vagen Erinnerung, das als sehr irritierend empfunden wird. Dafür setzt Olga Neuwirth zum Beispiel traditionelle Konzertinstrumente ein, die sie elektronisch verändert und verzerrt. Auffallend an allen ihren Vokalwerken ist weiterhin die bevorzugte Besetzung eines Countertenors, dessen androgyne Stimmlage einen weiteren Schritt in die irreale Welt kennzeichnet.

Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek bei "Lost Highway" und "Der Tod und das Mädchen II"

Schließlich legt Olga Neuwirth, die auch selbst einige ihrer Libretti allein oder in Zusammenarbeit verfasste, größten Wert auf passende zeitgenössische Texte, bei denen sie moderne Umgangssprache in künstlerisch bearbeiteter Form bevorzugt. Seit vielen Jahren arbeitet sie regelmäßig mit der befreundeten Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zusammen, diese schrieb zum Beispiel das Libretto der Oper "Lost Highway" von 2007 in Anlehnung an den Film von David Lynch.

Schon die frühen Kurzopern "Der Wald – ein tönendes Fastfoodgericht" von 1990 und "Körperliche Veränderungen" von 1991 basierten auf Texten Elfriede Jelineks, ebenso fußt auch das Ballett "Der Tod und das Mädchen II" auf ihrer Bearbeitung des Schubert-Liedes auf der Textgrundlage von Matthias Claudius.

Olga Neuwirth erhält nach vielen bisherigen Ehrungen, wie etwa mit dem Paul-Hindemith- und dem Ernst-Krenek-Preis, im April 2010 als erste Frau in der Sparte Musik den österreichischen Staatspreis.