Im Zusammenhang mit dem, was landläufig unter Drogenabhängigkeit verstanden wird, spielen die Opiate und unter Ihnen das Heroin die größte Rolle. Opium wird aus dem Milchsaft des Schlafmohn gewonnen. In oxidierter Form dunkelbraun bis schwarz gefärbt stellt der Saft schon das Rohopium dar, das ohne weitergehende Verarbeitung konsumiert werden kann. Morphium (Morphin) ist eines der vielen im Opium enthaltenen Alkaloide und wurde erstmals zu Beginn des 19. Jh. von Friedrich Wilhelm Sertürner extrahiert. Heroin (Diacethylmorphin) wurde von Heinrich Dreser 1898 entwickelt und wird ebenfalls den Opiaten zugeordnet. Alle anderen narkotischen Analgetika, wie bspw. Polamidon, Morphium, Polamidon oder Methadon sind den Opiaten zwar nahe verwandt, werden aber wegen ihrer vollsynthetischen Herstellung als Opioide bezeichnet.
Schmerzstillend und stimmungshebend
Opium war für Jahrtausende das stärkste und gleichzeitig vielseitigste Arzneimittel der Menschen. Von den Sumerern wurde es schon im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung als schmerzstillendes und stimmungshebendes Arzneimittel geschätzt. Von Mesopotamien aus verbreitete sich das Opium in nördlicher Richtung über Ägypten in das antike Griechenland, von dort durch die Römer weiter nach Westen und war gegen Ende des Mittelalters bis zu den Alpen vorgedrungen. Über Persien kam es in östlicher Richtung nach China und Indien, wo es unter dem Einfluss des Islam (Alkoholverbot) schnell Verbreitung erlangte.
Von Asien nach Europa
Um 1000 vor unserer Zeitrechnung genoss das Opium im ganzen islamischen Raum allgemeine Wertschätzung - nicht nur als Heilmittel, sondern auch als Rauschmittel, welches bei vielen archaischen Mysterienkulturen, Religionen und Ritualen, von den Sumerern, über die Perser, Inder und Chinesen bis zu den alten Griechen und Römern Anklang fand. Gegen Ende des Mittelalters fand Opium auch im süd- und westeuropäischen Raum Anhänger. Der englische Pionierwissenschaftler Thomas Sydenham stellte 1665 eine Tinktur gegen Durchfall, Erbrechen und Schmerzen her, die hauptsächlich aus Opium und Portwein bestand, genannt „Laudanum“. Der Laudanum-Saft spielte im englischen Industrieproletariat zur Zeit des Frühkapitalismus, seiner gegenüber Alkohol preisgünstigen Erhältlichkeit wegen, eine bedeutende Rolle.
In Deutschland bildete sich die „Heroinszene“ erst Anfang der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Zu dieser Zeit wurde die Verfolgung und Stigmatisierung von Konsumenten illegaler Drogen verschärft mit der Folge einer Professionalisierung des Drogenhandels, welcher immer mehr in den Strukturen organisierter Kriminalität aufging.
Wirkungen und Nebenwirkungen
Entgegen der landläufigen Meinung sind die physischen und psychischen Auswirkungen des Opiatkonsums bei weitem nicht so fatal, wie die Folgen von Prohibition und Schwarzmarkt: Die beiden wichtigsten erwünschten Effekte auf den Körper sind die analgetische (schmerzlindernde) und die euphorisierende Wirkung von Opiaten, insbesondere des Heroin. Zwar werden Schmerzen weiterhin wahrgenommen, jedoch in stark verminderter Intensität und außerdem subjektiv als wesentlich weniger unangenehm. Somit gehören sie zu den stärksten Schmerzmitteln der Menschheit. Die durch Opiate ausgelöste Euphorie, unter Heroingebrauchern oft als „Kick“ oder „Flash“ bezeichnet, scheint in ihrer Intensität von keiner anderen Droge erreicht zu werden. Die genannten Akut-Effekte führen gleichzeitig zur starken körperlichen und seelischen Abhängigkeit. Weitere Bedeutung haben die Opiate durch ihre antidepressive Wirkung.
Als unerwünschte Nebeneffekte können vor allem im Zusammenhang mit akuten Überdosierungen und bei erstmaligem Konsum die folgenden Störungen auftreten: Übelkeit, Erbrechen, Schwindelgefühl, Trägheit, Obstipation und als schwerste, lebensbedrohliche Folge die Atemdepression, die infolge von Überdosierungen zu einer völligen Lähmung des Atemsystems und damit zum Tod führen kann. Unter diesem Aspekt betrachtet, führt gerade die Illegalisierung der Substanz, die Schwarzmarkt und Handel mit gestrecktem Heroin in unberechenbaren Konzentrationen erst ermöglicht, zu den Tausenden von Drogenopfern, die europaweit Jahr für Jahr zu beklagen sind.
Die Folgen einer fragwürdigen Drogenpolitik
Der chronische hochdosierte Gebrauch von Opiaten führt selbst nach Jahrzehnten nicht zu irreversiblen Schädigungen des Organismus und ist in dieser Hinsicht sogar weniger gefährlich als bspw. chronischer Alkohol- oder Nikotinkonsum (Scheerer, Sebastian / Vogt, Irmgard (Hg.): Drogen und Drogenpolitik - Ein Handbuch, Frankfurt am Main: Campus 1989, 299-309; DER SPIEGEL 26/2000, S. 186). Dies gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es sich um reine Dosierungen handelt. Da aber auf der Straße erhältliches Heroin unter den Bedingungen der Prohibition und des Schwarzmarktes lediglich einen Reinheitsgrad von ca. 5 - 10 % aufweist und sich die meisten Konsumenten daher mit jedem Schuss ca. 90 - 95 % von für sich genommen teilweise schon hochgiftigen Streckmitteln in die Venen jagen, sind sie für allerlei Infektionen höchst gefährdet. Andere Bedingungen belasten den sozialen und gesundheitlichen Zustand der Konsumenten ebenfalls schwerwiegend: Da ist zunächst der Umstand, dass Heroin auf der Straße, unbeachtet des ohnehin geringen Reinheitsgrades, für das Vielfache seines eigentlichen Wertes gehandelt wird. Dies zwingt Abhängige dazu, ihren Lebensunterhalt und die Beschaffung der Droge durch Kleinkriminalität, Drogenhandel, Prostitution etc. zu decken. Durch Unterernährung, Anämie, Vitaminmangel etc. körperlich oft schon stark geschwächt, ist die Anfälligkeit gegenüber einer ganzen Reihe Erkrankungen deutlich erhöht. Viele von ihnen leiden deshalb unter Lungenentzündungen, TBC, venerischen Infektionen oder Endokarditis. Dazu treten noch die besonderen Komplikationen, die auf mangelhafte Hygienebedingungen während der Injektionen zurückzuführen sind. Dazu gehören neben Hepatitis und AIDS, allerlei Hautinfektionen und Abszesse mit zum Teil langwierigen Folgekrankheiten. In jedem Jahr sterben allein in Deutschland über tausend Menschen an den Folgen der Illegalisierung von Heroin und der Kriminalisierung und Verfolgung der Suchterkrankten - ein tödliches Ergebnis repressiver Drogenpolitik. Hinzu kommt das alltägliche Leid von weiteren Zehntausenden von Menschen...
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