
- Cover Kertzer, Die Päpste gegen die Juden - Propyläen
Eine der Errungenschaften des Pontifikats von Johannes Paul II. war die Verbesserung des Verhältnisses der katholischen Kirche zum Judentum. Die hierzu unternommenen Schritte waren nicht nur theologischer Natur, sondern beinhalteten erstmals auch die Bereitschaft zur Aufarbeitung der Geschichte des kirchlichen Antijudaismus. Obwohl durch die Öffnung der vatikanischen Archive viele neue Quellen vor allem zum 19. Jahrhundert zugänglich wurden, enthielt die im März 1998 veröffentlichte Erklärung der Vatikankommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum wenig neue Erkenntnisse. Man registrierte den religiös motivierten Antijudaismus als Verfehlung der Kirche. An der Entstehung des modernen Antisemitismus sei der Vatikan allerdings nicht beteiligt gewesen. Er habe ihn stets verurteilt und allenfalls nicht entschlossen genug gegen ihn protestiert.
Antijudaismus aber kein Antisemitismus?
Gegen diese vatikanoffizielle Lesart der Geschichte wendet sich das Buch des amerikanischen Historikers David Kertzer. Er stellt vor allem die kategorische Unterscheidung zwischen dem vormodernen, religiös motivierten Antijudaismus und dem modernen, rassistisch motivierten Antisemitismus in Frage, da sich im 19. Jahrhundert die neuen Formen der Judenfeindlichkeit aus den alten entwickelten. Hieran sei der Vatikan maßgeblich beteiligt gewesen. „Der Übergang von den mittelalterlichen Vorurteilen gegen die Juden zur modernen, politischen antisemitischen Bewegung (…) hatte in der katholischen Kirche einen seiner wichtigsten Architekten.“ (S. 16)
Der Vatikan als letzte Bastion gegen die Judenemanzipation
Überzeugend weist Kertzer nach, dass der Vatikan, solange er im 19. Jahrhundert einen eigenen Staat bildete, hartnäckig an der traditionellen Diskriminierung der Juden festhielt. Eine Tendenz, die nicht zuletzt als Trotzreaktion gegenüber äußeren Einflüssen wie der Französischen Revolution (1798 Franzosen erobern den Kirchenstaat) und der italienischen Nationalbewegung (Revolution 1848, Auflösung des Kirchenstaats 1870) zu verstehen ist. Die Emanzipation der Juden galt fortan als Symptom einer säkularisierten Moderne und einer gottlos gewordenen Welt. Der Vatikan war der letzte europäische Staat, der die Juden ghettoisierte. Nach der Wiederherstellung des Kirchenstaats 1814 wurde die von den Franzosen gewährte Judenemanzipation rückgängig gemacht, obwohl die Segregation von Juden und Christen in der sozialen Praxis längst nicht mehr durchsetzungsfähig war. Die Versuche zur Bekehrung der Juden schreckten vor mittelalterlichen Zwangsmaßnahmen nicht zurück. Die Folgen der gewaltsamen Zuführung der Familienmitglieder eines Taufwilligen und der Gültigkeit der Kindertaufe ohne Einwilligung der Eltern schildert Kertzer am Beispiel von Edgardo Mortara (1858) und weiteren Fällen. Als die Ghettomauern 1870 fielen, hatte sich aus ultramontaner Sicht die gottgewollte Ordnung aufgelöst. Die Juden waren frei und der Papst Gefangener im Vatikan.
Ultramontanismus und antisemitische Bewegungen
In den 1880er Jahren lancierten die vatikanischen Zeitungen Civilta Cattolica und Osservatore Romano antisemitische Kampagnen, die vor allem Ritualmordvorwürfe und Antitalmudismus zum Thema machten, aber auch Stereotypen des modernen Antisemitismus bedienten. So die angebliche Herrschaft der Juden über Presse und Börse und die Rede von Rassengegensätzen. Antisemitische Organisationen in katholischen Ländern wie Frankreich, Österreich und Polen konnten auf vatikanische Rückendeckung hoffen. In ultramontaner Manier düpierte die römische Zentrale die nationalen Bischöfe, wenn sie eine Verurteilung des Antisemitismus erwirken wollten, und paktierte mit dem niederen Klerus, der in den antisemitischen Bewegungen involviert war. Vollkommen unnachgiebig blieb der Vatikan in seiner religiösen Gegnerschaft zum Judentum, indem er selbst am absurden Vorwurf des jüdischen Ritualmordes bis ins 20. Jahrhundert festhielt. Dagegen fand die rassentheoretische Fundierung des Antisemitismus nicht die Billigung der Kirche, vor allem weil der im Gewand der Wissenschaftlichkeit daherkommende Rassismus zu den modernen Zeitirrtümern gezählt wurde. Zu Recht verweist Kertzer darauf, dass im Vatikan andere Ideologeme des modernen Antisemitismus, wie die „Verjudung“ der christlichen Gesellschaft, die wirtschaftliche Übermacht des Judentums, die Identifizierung von Judentum und verhasster Moderne, aber durchaus konsensfähig waren. (S. 275)
Fazit
Die vatikanoffizielle Differenzierung zwischen einer Beteiligung am Antijudaismus und der Ablehnung des modernen Antisemitismus knüpft an Rechtfertigungsstrategien des 19. Jahrhunderts an und beruht allein auf der Zurückweisung von Rassentheorien. Andere Elemente des modernen Antisemitismus fanden im Vatikan aber sehr wohl Anklang und bauten auf dem kompromisslos verteidigten traditionellen Antijudaismus auf. Die Modernität des katholischen Antisemitismus lag nicht in der Nutzung von Rassentheorien, sondern in der Haftbarmachung der Juden für alle Übel einer entchristlichten Moderne.
Wenn sich die Kirchengeschichte überhaupt mit dem Thema Antisemitismus befasst, dann geht es zumeist um das Verhältnis der Kirche zum Dritten Reich, häufig auch noch zugespitzt auf die spekulative Frage, warum Pius XII. zum Holocaust geschwiegen hat. Kertzers Studie ist eine wichtige Bereicherung für diese Debatte, da sie endlich einmal den Blick zurück ins 19. Jahrhundert lenkt. So wird deutlich, dass eine Verurteilung der nationalsozialistischen Verfolgungspraxis wohl nicht nur an diplomatischen Erwägungen scheiterte, sondern auch an den eigenen lieb gewonnenen antisemitischen Denkmustern im Vatikan.
Der einzige Makel von Kertzers Studie ist, dass sie einen „top- down- approach“ bevorzugt, der davon ausgeht, dass der Antisemitismus von der höchsten kirchlichen Ebene in manipulativer Absicht zum Einsatz gebracht wurde. Dem Autor gelingt es jedoch nicht immer, die direkte Involvierung der Päpste und Kardinalstaatssekretäre überzeugend nachzuweisen. Einige von ihm angeführte Dokumente wirken eher wie standardisierte Antwortschreiben, die nicht auf eine detaillierte Kenntnis antisemitischer Vorgänge und Inhalte schließen lassen. Der ultramontane Versuch, die „Herde“ von Rom aus zu lenken, war oftmals mehr Anspruch als Wirklichkeit.
