Die Peergroup als wichtige Sozialisationsinstanz

Peergroup als Sozialisationsinstanz - Stefan Dassler
Peergroup als Sozialisationsinstanz - Stefan Dassler
Die Peergroup ist im Sozialisationsprozess für Jugendliche neben Familie, Schule und Beruf heute von großer Bedeutung.

Dieser Beitrag befasst sich mit der Peergroup (Gruppe der Gleichaltrigen; „Freundesgruppe“) früher und heute, den Charakteristika der Jugendphase sowie konkreten Sozialisationsaufgaben der Peergroup.

Die Peergroup – früher und heute

Früher wurden Eltern und Lehrer oft mit Autorität und Gehorsam gleichgesetzt und spielten die Hauptrolle im Sozialisationsprozess der Kinder und Jugendlichen. So konnte es nur sehr wenig Einfluss durch die Peergroup geben. Heute beginnt die Suche nach einem Partner oder einer Partnerin aufgrund der früher einsetzenden biologischen Reife sowie anderer Wertvorstellungen, Rollenerwartungen und Normen wesentlich früher als im 19. Jahrhundert. Damit erfolgt stärker die Loslösung vom Elternhaus und der Sozialisationsinstanz Familie. Um die dadurch fehlende Sozialisationsunterstützung auszugleichen, ist heute die Peergroup für Jugendliche von großer Bedeutung.

Merkmale der Jugendphase

Die Jugendphase ist gekennzeichnet durch Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Loslösen von den Eltern sowie durch das zunehmende Gewinnen von Identität im Jugendalter. Nach aktuellen Studien orientieren sich die meisten Jugendlichen an ihren Eltern und ihrer Peergroup – je nachdem um welchen Lebensbereich es geht. Laut Shell Jugendstudie 2006 sind die häufigsten Freizeitbeschäftigungen von Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren „Musik hören“ (63 Prozent), „Fernsehen“ (58 Prozent), „Sich mit Leuten treffen“ (57 Prozent), „Im Internet surfen“ (38 Prozent) und „Discos, Partys, Feten“ (31 Prozent). Der Einfluss der Eltern herrscht beispielsweise in den Bereichen Religiosität, Schule, Berufsausbildung und Zukunftsplanung vor. Die Peergroup ist in den Bereichen eigener Lebensstil, Musikvorlieben, Mode, Freizeitgestaltung und Umgang mit legalen und illegalen Drogen von Bedeutung.

Individuelle und gesellschaftliche Funktion der Peergroup

Die Peergroup hat bei Jugendlichen eine individuelle und eine gesellschaftliche Funktion. Ausgehend vom individuellen Aspekt soll die Peergroup den Übergang von gefühlsmäßigen zu sachlichen Beziehungen erleichtern (beispielsweise von den gefühlsmäßigen Beziehungen zu den Eltern zu sachlichen Beziehungen zu Experten). Aus Sicht der Gesellschaft soll die Peergroup die Jugendlichen zur Zustimmung zu den Rollen der Erwachsenengesellschaft motivieren (beispielsweise spätere Rolle als Vater/Mutter, Rolle als Berufstätiger).

Aufgaben der Peergroup

Der Mensch durchläuft einen lebenslangen Sozialisationsprozess. Die Peergroup hat in diesem Prozess unter anderem folgende konkrete Sozialisationsaufgaben:

  • Direkter Austausch von Erfahrungen. Beispiel: Austausch über Familien-, Schul- und Beziehungsprobleme, Mode und Musik in der Gruppe der Gleichaltrigen.
  • Ersatz. Beispiel: In der Pubertät durchlaufen die Jugendlichen einen Ablösungsprozess von den Eltern und suchen neue Bindungen und Ersatz für die Eltern in der Freundesgruppe.
  • Beziehungsvorbilder. Beispiel: Die „Pärchen“ in der Clique werden zum Vorbild für Beziehungen.
  • Geborgenheit. Beispiel: Wenn man in der Kindheit in schwierigen, entscheidenden Situationen allein gelassen wurde, so können diese traumatischen Erfahrungen durch die Geborgenheit in der Peergroup aufgefangen werden.
  • Eigene Kultur. Beispiel: In der Gruppe der Gleichaltrigen werden den Gruppenmitgliedern eigene kulturelle Wertvorstellungen und Normen (beispielsweise eigene „Sprache“) vermittelt – eine Eigenkultur der Jugendlichen, die sich von anderen Altersstrukturierungen unterscheidet.

Die Peergroup kann auch einen negativen Einfluss haben. In einem ungünstigen, problematischen Umfeld können die Jugendlichen durch die Peergroup zu Gewaltanwendung, Drogenkonsum und übermäßigen Risiken veranlasst werden. Identitätsschwache, labile Jugendliche können durch Aufnahmerituale, Mutproben und Erpressungen der Gruppe stark geschädigt werden.

Literaturhinweis:

Dassler, Stefan: Sozialkunde FOS/BOS. Band 3: Gesellschaftliche Strukturen und Prozesse als Grundlage der Politik. Bildungsverlag EINS 2009. Schulbuch. 109 Seiten. Euro 10,95.

Stefan Dassler, Dipl.-Handelslehrer, Stefan Dassler

Stefan Dassler - Dipl.-Handelslehrer (Studium der Wirtschaftspädagogik mit Schwerpunkt Organisationspsychologie an der Universität ...

rss