Die Heimat der Pirahá liegt im brasilianischen Regenwald am Maici, einem Nebenfluss des Amazonas. Abgeschieden von der Außenwelt leben die 310 bis 350 Mitglieder dieses Volks in einem etwa 240 Kilometer langen Reservat als Jäger und Sammler. 1977 besuchte der Linguist Daniel Everett erstmals die Pirahá, um sie zum christlichen Glauben zu bekehren und die Bibel in ihre Sprache zu übersetzen. Insgesamt verbrachte er von 1977 bis 2006 etwa sieben Jahre bei dem Stamm. Seine Erlebnisse hat er auch in einem Buch festgehalten. Heute ist er Professor für Linguistik an der Universität von Illinois und beherrscht „Apaitsiioo“, die Sprache, die „aus dem Kopf geboren ist“, wie kein Zweiter Nicht-Pirahá.
Eigenheiten der Sprache der Pirahá
Es handelt sich um eine Sprache, bei der Bedeutungsunterschiede durch unterschiedliche Tonhöhen der Vokale angezeigt werden. Die Pirahá kennen die Vokale a, o und i und verwenden nur acht Konsonanten. Letztere sind aber auch eher unbedeutend. So kann die Sprache auch gepfiffen oder gesungen werden. Die Grammatik von „Apaitsiioo“ ist ebenfalls stark eingeschränkt. So verwenden die Pirahá nur drei Pronomen und kaum Zeitwörter. Ihre Verben haben keine Vergangenheitsformen. Konjunktiv, Passiv und Nebensätze sowie Zahl- und Farbwörter fehlen vollständig. Das liegt daran, dass das Volk einfach keinen Bedarf an derart komplexen Ausdrucksmöglichkeiten hat. Denn die Pirahá leben stets im „Hier und Jetzt“. Dies macht abstrakte Gedanken und Überlegungen über Vergangenes unnötig. So kennt der Stamm auch keinen Schöpfungsmythos, keine eigene Kunst und betreibt auch keine Vorratshaltung. Was gejagt oder gesammelt wurde, wird sofort gegessen.
Das mathematische Verständnis der Pirahá
Das einzige Wort, das noch am ehesten die Eigenschaften eines Zahlworts aufweist, lautet „hói“. Es kommt der Zahl „eins“ nahe, kann aber auch „klein“ bedeuten oder bei einem Vergleich die geringere Menge bezeichnen. Weitere Zahlwörter fehlen und es lässt sich auch kein wortloses Abzählen, zum Beispiel an den Fingern, beobachten. Dieses Phänomen brachte den Psycholinguisten Peter Gordon dazu, Untersuchungen zu den mathematischen Fähigkeiten der Pirahá anzustellen. Dabei stellte sich heraus, dass sie mit Zahlen absolut nichts anfangen können. Dies brachte Gordon zu der Vermutung, dass das vollständige Fehlen von Zahlwörtern exaktes Zählen oder gar Rechnen unmöglich mache. Bei Tauschgeschäften mit Nachbarn ziehen die Pirahá auch meist den Kürzeren, was ihr Ansehen in der Region eher gering macht. Doch alle Versuche Everetts, dem Volk das Zählen auf brasilianisch beizubringen, waren erfolglos. Nach acht Monaten vergeblichen Bemühens gab er auf. Dabei lässt sich ausschließen, dass die Pirahá schlicht zu dumm sind. Sie haben einfach keinen Bedarf und kein Interesse an Zahlen.
Streitfrage der Linguisten
Noam Chomsky ist einer der wichtigsten Sprachtheoretiker der Welt. Nach seiner These ist in jedem Menschen genetisch eine Art universale „Ur-Grammatik“ angelegt, die das Sprechen möglich macht. Voraussetzung für die Herausbildung eines sprachlichen Regelsystems ist laut Chomsky die „Rekursion“. Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit, einzelne Gedanken einander unterordnen und zu komplexen Ideen zusammenfügen zu können. Die Unterordnung der Einzelteile erfolgt in der Grammatik durch Nebensätze. Dass die Sprache der Pirahá völlig ohne Nebensätze auskommt, widerspricht Chomskys Annahme, dass ohne Rekursion keine Sprache entstehen kann. Allerdings ist es sehr schwierig, Beweise für oder gegen die besagte Theorie zu finden. Man müsste belegen, dass die Pirahá wie alle anderen Menschen rekursiv denken können, sich dies aber nicht in ihrer Sprache niederschlägt, weil ihre Kultur einfach nicht danach verlangt. Über diese Frage diskutieren die Linguisten weltweit heftig.
Glücklich im „Hier und Jetzt“
Den Pirahá selbst ist das wahrscheinlich herzlich egal. Auch ihre Missionierung scheiterte letztendlich. Das Volk unterscheidet nämlich bei dem, was man benennt, zwischen Dingen, die man gerade selbst sieht und solchen, die man nicht sieht. Als Everett erzählte, dass er Jesus nie selbst gesehen habe, verloren die Pirahá auch sofort das Interesse an seinen Geschichten. Doch scheinen sie in ihrer eigenen Welt durchaus glücklich zu sein, wie der Linguist in seinem Buch ausführt. Pirahá wird übrigens „Pidaha“ ausgesprochen und bedeutet so viel wie „gerader Kopf“. Alle Nicht-Pirahás werden im Gegensatz dazu als „krummer Kopf“ bezeichnet. Es bleibt zu hoffen, dass ihre einzigartige Kultur erhalten bleibt.
Quellen:
- Artikel in der "Zeit"
- Artikel in der "Frankfurter Rundschau"
- Artikel im Spiegel
- Suite 101-Artikel "Erfolgloser Missionar bei den Pirahá-Indianern im Amazonas" von Dina Zwimpfer vom 19.10.2010
- Suite 101-Artikel "Dan Everett - Das glücklichste Volk- die Pirahá am Amazonas" von Swen Gummich vom 06.07.2010
- deutsche Website über Noam Chomsky
