Die Plastiktüte – ein aussterbendes Kulturgut

Dem Gebrauchsgegenstand, Werbeträger und Kunstobjekt droht das Ende

Mülltüten - Burkhard Trautsch/aboutpixel.de
Mülltüten - Burkhard Trautsch/aboutpixel.de
Die Plastiktüte hat sich in Deutschland seit den 60er Jahren als Universalverpackung, Werbeträger und Kunstobjekt etabliert. Nun steht der Umweltsünder vor dem Verbot.

1953 wurde sie erfunden, in den 60er Jahren eroberte die so genannte Polyethylentragetasche den deutschen Markt und verdrängte unaufhaltsam die Papiertüte.

Anfangs hielt sich die Begeisterung der Kunden noch in Grenzen; denn die frühen Druckfarben färbten ab, die instabile Konstruktion ließ sich nicht wie ihr Papierkollege hinstellen und die ersten Versuche der Griffbefestigungen hielten oft nicht, was sie versprachen. Da die Plastiktüte aber wasserdicht und reißfest war, machte sie in stetig verbesserten Versionen schließlich doch das Rennen.

Der erste Boom und die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten der Plastiktüte

In den 50er und 60er Jahren lösten Supermärkte nach Vorbildern aus den USA flächendeckend die traditionellen deutschen Tante-Emma-Läden ab. Die an allen Kassen bereitgehaltenen Tüten schufen eine ungeahnte neue Freiheit für den Kunden, der nun spontan zu jeder Zeit seinen Konsumgelüsten frönen konnte, auch wenn er gerade keinen Korb dabei hatte. Größer und stabiler werdende Henkeltragetaschen kurbelten die durch die Ladeneinrichtung ohnehin angeregte Kauflust weiter an und wirkten außerdem Ladendiebstählen entgegen, da ein Kunde ohne mitgebrachte Taschen weniger Stauraum hatte.

Aber das praktische Plastikteil hatte als Verpackung der Einkäufe noch längst nicht ausgedient. Es etablierte sich über die Jahrzehnte in allen möglichen Bereichen, zum Beispiel als Regenverpackung für Gipsarme und -beine, provisorische Duschhaube oder Regenhut und erfreute sich bei Generationen von Kindern im Winter großer Beliebtheit als Rodelgerät.

Kurzer Dämpfer durch die Ölkrise: "Jute statt Plastik“

Einen kurzfristigen Dämpfer bekam der Tütenboom durch die Ölkrise 1973, die ein Umdenken zur Mehrfachverwendung des Wegwerfgutes erforderte. Mit dem Slogan "Jute statt Plastik“ und in Geschäften erhobenen Kostenbeiträgen für Einwegtaschen sollten Käufer zu sparsamem Gebrauch der Erdölprodukte angehalten werden.

All diese Maßnahmen konnten den Vormarsch des Plastikkultobjekts aber nicht nachhaltig bremsen, die Produktion stieg bis heute deutschlandweit auf fünf Milliarden Tüten pro Jahr, was pro Kopf 65 Tragetaschen entspricht. Allerdings werden sie seit den 70er Jahren tatsächlich nur noch aus Polyethylen hergestellt, wodurch zumindest der Ausstoß giftiger Gase bei der Produktion weitgehend gebannt wurde.

Die Plastiktüte als Werbeträger, Kunstobjekt und Meinungsmacher

Dass sich die Tüte als laufendes Plakat anbietet, wussten schon die Geschäftsleute des 19. Jahrhunderts, die den Vorläufer aus Papier zum Abbild der Moden und Trends ihrer Epochen machten. Spätestens seit den 1980er Jahren stand das Plastiktütendesign in seiner höchsten Blüte. Kultige Trendtüten vieler Mode- und Kosmetikfirmen entwickelten sich zu absoluten "Must-Haves“, modischen Accessoires und Prestigeobjekten, mit denen die Käufer stolz und gerne auch noch für kostenlose Bewerbung des Unternehmens sorgten.

Avantgardekünstler wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein erkannten die Bedeutung der Plastiktüte als Sinnbild der Wegwerfgesellschaft und Spiegel des menschlichen Konsumverhaltens und erhoben das Kulturgut mit ihren Signaturen zu Kunstobjekten. Pop-Art- und Fluxus-Tüten gehören bis heute zu den begehrtesten Sammlerobjekten, für die locker vierstellige Eurobeträge geboten werden.

In Deutschland setzte Joseph Beuys die Tüte außerdem als politischen Meinungsbildner ein: 1971 gründete er die "Organisation für Direkte Demokratie durch Volkabstimmung“, die maßgeblich von seinen Straßenaktionen lebte, bei denen er Plastiktüten mit der Aufschrift "So kann die Parteiendiktatur überwunden werden!“ verteilte und seine Idee eines von unten nach oben organisierten Staatsapparats den Passanten erläuterte.

Die Polyethylen-Tüte als Umweltschädling steht vor dem Verbot

Die herkömmlichen Plastiktüten sind trotz all ihrer Funktionen und ihrer künstlerischen und alltagsgeschichtlichen Bedeutung auch Umweltschädlinge, die in einigen Staaten der Welt bereits aus dem Verkehr gezogen wurden. Sie werden überwiegend aus Erdöl, einem nicht nachwachsenden Rohstoff, produziert und überdauern nach ihrem Gebrauch etwa 100 bis 400 Jahre, bis sie in kleinere Teile zerfallen, aber niemals restlos abgebaut werden. Zwar ließe sich die Polyethylen-Plastiktüte vollständig recyceln, die Recycling-Quote liegt jedoch weltweit erheblich unter der für Papiertüten, so dass sie meistens als Abfall auf Deponien oder im Meer landet, wo Korallen, Robben, Wale und Haie an der unverdaulichen Kost sterben. Verbrennen lässt sie sich gefahrlos nicht; denn dabei wird giftiges Formaldehyd freigesetzt. Die übermäßige Produktion der vergangenen Jahrzehnte hat bereits einen Plastikmüllteppich zwischen Kalifornien und Hawaii entstehen lassen, der etwa den Umfang Mitteleuropas aufweist.

Tütenalternativen aus Mais- und Kartoffelstärke gehört die Zukunft

Auch wenn Papiertüten, die aus dem raren Naturstoff Holz produziert werden, keine einwandfrei umweltfreundlichere Alternative darstellen, droht der Plastiktüte aus Polyethylen auch in Deutschland wohl das endgültige Aus.

Vielleicht wird sich jedoch die Kunst an der Tüte auf den Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen, wie Kartoffel- oder Maisstärke, fortsetzen, die bisher nur als Bio-Müll-Beutel in Produktion gegangen sind, aber deren große Stunde bald kommen könnte.

Elke Geyer, Elke Geyer

Elke Geyer - Ich erblickte 1974 in Hildesheim das Licht der Welt und entschied mich nach der Schulzeit zunächst für die Juristenlaufbahn. ...

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