"Die Polnische Wirtschaft"

Ein hartnäckiges Klischee erörtert

Szczecin - A. Toll
Szczecin - A. Toll
"Die Polnische Wirtschaft" ist eine Geringschätzung Polens, die ihren Ursprung mit dem Ende der Jagellonen hat.

Polen war einst eine europäische Großmacht. Erst recht nach dem Sieg über den Deutschen Orden. Was in Deutschland mit Tannenberg und Hindenburgs Propagandasieg von 1914 verknüpft ist, fand für die Polen im Jahre 1410 bei Grunwald (Grünfelde) statt. So gibt es in Polen viele Straßen mit dem Namen „Grunwalska“. Zu oft wird Polen in Deutschland gern auf „Polnische Wirtschaft“, „strajk“, Zweiter Weltkrieg und Vertriebene reduziert. Ein Drittel der Deutschen waren jemals in Polen, dennoch haben viele eine dezidierte Meinung zu einem Land, was vertraut und dennoch irgendwann nach „Osteuropa“ als Sammelbegriff abgeschoben wurde. Polen scheint des Deutschen reibungswürdigster Nachbar.

Manche verehren die polnische Mentalität, ist sie doch durch habsburgisch anmutende Freundlichkeit und Herzlichkeit geprägt. Anders als in Deutschland tendiert man in Polen weniger dazu, jedes Alltagsproblem zu ideologisieren oder unter dem Aspekt einer Weltverbesserungsmaßnahme zu diskutieren. Das schafft manchen Freiraum. Bei jemandem, der eine Gesellschaft ausschließlich an seinen eigenen Standards und Erfahrungen misst, sorgt das immer noch für Abwertung, die oft mit einer völligen Unkenntnis der polnischen Geschichte einhergeht. Doch was ist die „Polnische Wirtschaft“? Warum ist sie besonders aus deutschen Köpfen schwerlich herauszubekommen?

Von der Wahlmonarchie zur Adelsanarchie im 18. Jahrhundert

Die Polnisch-Litauische Personalunion war einst ein mächtiger Staat. Er reichte von der Ostsee bis an das Schwarze Meer. Nachdem der letzte Jagellonen-König Sigismund im August 1572 starb, wurde aus Polen und Litauen eine Wahlmonarchie, die sich bis zum 18. Jahrhundert eher zur Adelsanarchie auswachsen sollte. Die Ursache hierfür war, dass jeder Adlige vom Magnaten bis zum kleinen, ja verarmten Landjunker das Recht hatte, für einen Mann aus den eigenen Reihen zu stimmen. Stimmenkauf war an der Tagesordnung. Der polnische König wurde zu einem primus inter pares, der entsprechend den Wünschen seiner Klientel Rechnung tragen musste, was für viele Polen heute in der EU nicht viel anders läuft. Später konnte der polnische König ohne Zustimmung der zwei Kammern des polnischen Reichstages (Sejm) keine Gesetze erlassen. Das gipfelte darin, dass ein einzelner Deputierter alles blockieren konnte.

Günstlingswirtschaft

Für die verschiedenen Adelsfraktionen war Bestechung an der Tagesordnung. Der Gedanke des Nationalstaates ist der des 19. Jahrhunderts. Die Günstlinge der Adelsfraktionen waren Ungarn, Franzosen, Schweden und eben auch der Sachse August der Starke. Sie wechselten sich auf dem polnischen Throne ab. Dass Polen so in Krisen und Kriege anderer Mächte verstrickt wurde, liegt in einer Zeit der Hegemonial- und Erbfolgekriege auf der Hand. Das ganze wurde begleitet von einem Zerfall der Wirtschaft. Jeder schien sich selbst der Nächste. Investitionen und nachhaltiges Denken wurden in dieser adligen „Bevorteilungsdemokratie“ entweder verprasst oder zum weiteren Eigenvorteil politisch investiert. Der Handel verlor zunehmend an Bedeutung. Die drei polnischen Hauptmagnaten waren verfeindet, jede Seite setzte auf eine andere Großmacht. Öffentliche Einrichtungen und Schulen verfielen. Das einst mächtige Jagellonenreich mit seinem internationalen wissenschaftlichen und kulturellen Anziehungspunkt Krakau fiel der Verklärung anheim. Die polnische Wirtschaft wurde zu einem Gespött im absolutistischen Europa. Die erstarkenden, merkantilistischen Staaten Preußen und Russland machten dann, später unter Einbeziehung Habsburgs, Polen zu ihrem Protektorat. Nur ein Stern sollte 1683 in der polnischen Geschichte der „Adelsrepublik“ leuchten: Der Sieg des polnischen Königs Jan III. Sobieski über die Türken vor Wien. Doch in Westeuropa vergaß man den „Retter des Abendlandes“ all zu schnell.

Polnische Wirtschaft und Freiheitsdrang

Sollten unter Friedrich II. im preußischen Teil Polens die Schulen gefördert werden und die Lehrer Polnisch sprechen, so kämpften die Polen zunehmend gegen eine Germanifizierung auf der einen oder einer Russifizierung auf der anderen Seite. Auch panslawische Elemente kamen im 19. Jahrhundert hinzu, um Polen wieder in den Rang einer identitätsstiftenden starken Nation zu erheben. Gab es zusammen mit der Deutschen Nationalbewegung eine Bewunderung des polnischen Freiheitskampfes als liberale Speerspitze gegen das reaktionäre Russland des 19. Jahrhunderts, so wurde Polen doch reichlich verspottet von Eichendorff über Hegel bis Friedrich Engels. In Deutschland schrieb man dem im Reiche immer dominanteren Preußen Kraft, Fortschritt und Vernunft zu, während auf der anderen Seite der „slawische Instinkt“ waltete. Unselige Germanisierungsbestrebungen, einher gehend mit kultureller Unterdrückung, lassen viele Polen heute immer weniger die positiven Seiten preußischer Traditionen als die negativen wahrnehmen, was die Kaczynski-Partei mit dem Gespenst der „Preußischen Treuhand“ weidlich ausnutzte. Gab es einst, gerade in Deutschland, viel Bewunderung für die polnische Freiheitsbewegung, so verschob sich die Wahrnehmung in der Kaiserzeit und darüber hinaus hin zum „unzuverlässigen, arbeitsfaulen Aufrührer“. Bestenfalls schob man den polnischen Romantizismus vor. Doch in Kanada oder ganz besonders in Chicago in den USA und auch im Ruhrgebiet in Deutschland kündet vieles von der „Polnischen Wirtschaft“.

Kommunismus und die Zeit danach

Was im Zweiten Weltkrieg in Polen passierte, ist mehr als nur eine Liste der Gräueltaten und Verbrechen. Polen wurde durch Stalin weit nach Westen verschoben. Viele Polen wurden vertrieben. Angesichts der Zerstörung der Gebiete des heutigen Polens hat unter schweren wirtschaftlichen Bedingungen eine ungeheure Aufbauleistung stattgefunden. Die sozialistische Kollektivierung und die enge Anbindung des polnischen Außenhandels an die Sowjetunion brachten Polen zusammen mit internationalen Marktschwankungen (Ölkrise) an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Kredite, die die Versorgungslage verbesserten, mischten sich mit enormen Preiserhöhungen, die stets mit häufig blutig verlaufenden Streiks beantwortet wurden. Inflation und Kriegsrecht endeten 1989. Nach einer harten Zeit wirtschaftlicher Umwandlungen, bei der in Polen ein zweihundertstel der ostdeutschen Mittel zur Verfügung standen, sind die älteren Menschen die Verlierer des teilweise radikalen Umschwungs. Dennoch ist die Festlegung Polens auf die unseligen Zeiten der „Polnischen Wirtschaft“ ebenso wirklichkeitsfern, wie die ewigen Naziklischees der britischen Boulevardpresse gegenüber dem modernen Deutschland bei diversen Fußballspielen.

Andreas Toll, Andreas Toll

Andreas Toll - Ich habe Dies und Jenes irgendwann absolviert und bin somit beliebig. Deshalb nehme ich mich sehr ernst. Zeitgeist ist ein starkes Wort ...

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