
- Jürgen Trittin - Deutscher Bundestag Th. Koehler/ photothek.net
Artikel über Jürgen Trittin, den unnahbaren, sperrigen, 1,96 Meter großen Mann füllen die Pressearchive seit mehr als 30 Jahren. Bereits 1980 trat Trittin den Grünen bei, nachdem er einige Erfahrungen im Kommunistischen Bund gesammelt hatte. Heute bezeichnet der Spiegel ihn nicht als linken Grünen, sondern als grünen Linken. In der Zeitung wurde der polternde Politiker schon mit vielen kritischen Worten versehen. Attribute wie verstockt und verschlossen werden dem untauglichen Medienstar zugeordnet. Er gilt als sperriger Mann. Jüngst, am 18. Oktober 2011 titelte die Berliner Zeitung jedoch „Griff nach der Macht“ und bezeichnet Jürgen Trittin als den Hoffnungsträger der Grünen. An diesem 18. Oktober 2011 bestätigten die grünen Bundestagsabgeordneten ihr Führungsduo Renate Künast und Jürgen Trittin erneut. Beide erhielten als Fraktionschefs die gleichen Werte wie 2009. Bei Trittin waren es 91 Prozent der Stimmen. Seine Position ist unangefochten. Inzwischen ist es nicht mehr Tabu, über Jürgen Trittin als künftigen Finanzminister zu schreiben.
Jürgen Trittin – hartnäckig und immer noch da
Der Spiegel schreibt am 4. Juli 2011 unter dem Titel “Der Steher“: „Es sind Grüne gekommen und gegangen, Trittin ist geblieben.“ Jahrelang stand Jürgen Trittin im Schatten von Joschka Fischer. Kanzler Schröder wünschte sich mehr Fischer und weniger Trittin. Aber dieser ist immer noch da, auch wenn es Zeiten gab, als er selbst in den eigenen Reihen als der „ewig linke Unsympath“ bezeichnet wurde. Trittin hat nicht wie andere aufgehört, als die rot-grüne Regierung 2005 gehen musste. Er nahm wieder in den Reihen der Opposition Platz. Mit Fischers Weggang wurden den Grünen schlechte Zeiten propagiert. Das Gegenteil ist gekommen. In der erneuten Opposition sind die Grünen erstarkt wie noch nie und mit ihnen Jürgen Trittin. Selbstbewusst antwortet der heimliche Grünen-Chef in einem Interview mit „Die Zeit“ vom 20. April 2011 auf die Frage, ob Schwarz-Grün eine Option für 2013 ist: „Grün ist die Alternative zu Schwarz - nicht die Deko.“
Grüner Umweltminister mit Erfolg
Als Schröder im Jahr 2000 Bundeskanzler für die SPD wurde, zog Jürgen Trittin als der erste grüne Minister in das Umweltamt ein. Er wurde ein erfolgreicher Minister, dem die Deutschen das geliebte und verhasste Dosenpfand verdanken. Allerdings brachte er wesentlich mehr auf den Weg. Zum Beispiel das Erneuerbare-Energien-Gesetz (April 2000) und den Ausstieg aus der Atomenergie (Atomkonsens Juni 2000). Diesen Abschied vom Atomstrom im Schneckentempo nahmen ihm damals viele Grüne übel, die es gern schneller wollten. Später weichte die schwarz-gelbe Regierung selbst diesen hart erkämpften Kompromiss wieder auf (Laufzeitverlängerung Herbst 2010). Daraufhin zog Trittin wieder auf die Straße, wie früher, mitten in die Protestanten, die sich zur längsten Protestkette gegen die Atomenergie formierten. Für erneuerbare Energien steht Trittin bis heute mit Leidenschaft ein.
Als Diplomat gefragt
Immer wenn es zwischen den grünen Realos und dem linken Flügel der Partei Querelen gab, spielte Trittin den Vermittler. In dieser Rolle war er im Frühjahr 2011 gefragt, wie noch nie. Fukushima änderte die Einstellung der schwarz-gelben Regierung zur Atomenergie. Sollten die Grünen dem schwarzen Atomausstieg zustimmen, den Merkel plötzlich, angesichts der Folgen von Fukushima, wollte? Sollte sich schwarz-gelb mit den Lorbeeren schmücken, für die die Grünen jahrelang kämpften? Aber konnten sich die Grünen gegen einen Atomausstieg stellen, den sie ja eigentlich wollten? Trittin löste den Knoten und überzeugte mit markigen Worten all jene, die glaubten, sich nicht hinter eine schwarze Politik stellen zu können. Trittin beschwor seine Grünen: „Wie glaubwürdig wäre es, wenn wir gegen unsere eigenen Anträge stimmen würden?“ (Süddeutsche Zeitung vom 25. Juni 2011) und weiter: Nur weil Grüne es vorbereitet haben, kann Merkel heute so agieren. Die schwarze Ausstiegsvariante ist so schlecht, dass wir noch genug Arbeit haben. So oder so ähnlich bringt Trittin die grüne Mannschaft auf einen Nenner. Sie stehen hinter ihm. Wieder hatte er als Diplomat Erfolg. Die grüne Fraktion stimmte im Juni 2011 dem stufenweisen Ausstieg bis 2022 im Bundestag zu.
Raubein Trittin und Überzeugungen
Im Frühjahr 2011 steht Trittin noch vor dem CDU-Bundestagsfraktionschef Volker Kauder in der deutschen Botschaft in Tokio. Geschockt besuchte er zuvor die verwüstete Küstenregion der Stadt Iwaki, wo er mit traumatisierten Menschen spricht. Geschockt, weil er gerade in Japan dies nicht erwartet habe. Trittin steht dem Stolz auf das Deutschsein eher skeptisch gegenüber. In Japan ist er stolz, ein Deutscher zu sein, da Deutsche nun zeigen können, wie ein Ausstieg aus der Atomenergie funktionieren kann. Trittin zeigt selten Gefühle und er ist kein Öko-Freak im Kleinen, der sich um Bio-Müsli-Riegel schert. Es geht ihm mehr um das Große.
Und wie links sieht sich Trittin selbst? "Die Zeit" fragt ihn: „Was macht links aus?“ und Trittin antwortet: “… dass Menschen sich … als gleichberechtigte Subjekte begegnen können und sollen. Und dass Ungerechtigkeit nicht der erstrebenswerte Motor gesellschaftlicher Entwicklung sein sollte. Aber links ist eine Haltung, keine Mode." Ungerechtigkeit regt den Politiker auf. Er sieht in Deutschland viele Ungerechtigkeiten.
Jürgen Trittin privat
Jürgen Trittin, Jahrgang 54, geboren in Bremen wohnt in Berlin-Pankow, hat eine Tochter und lebt seit vielen Jahren glücklich mit der gleichen Partnerin zusammen. Er fährt Rad und läuft, hat keinen Führerschein und gilt privat eher als medienscheu. Jürgen Trittin schreibt kein Buch über sich.
Zum politischen Betrieb gehört die Presse dazu, im privaten Leben soll sie draußen bleiben. Vor anderthalb Jahren erlitt Trittin einen Herzinfarkt. In der Kantine greift er trotzdem nicht zum vegetarischen Bio-Auflauf sondern lieber zum Steak.
In seiner Außenwirkung ist Trittin einen weiten Weg gegangen. Früher war er der zynische Dogmatiker, der mit dem Kopf durch die Wand wollte, heute steht er beim Politbarometer des ZDF an achter Stelle der beliebtesten Politiker. 29 Prozent der Bürger sind überzeugt, Trittin habe bei den Grünen derzeit den größten Einfluss. Seine Rede zum Bundesparteitag in Kiel bestätigt dies.
Quellen und weitere Info:
- Webseite von Jürgen Trittin
- Spiegel vom 4. Juli 2011 Artikel „Der Steher“, vom 08. Mai 2009 „Der schüchterne Bürgerschreck“ und vom 13. September 2010 „Der neue Joschka“
- Die Zeit-Online , 24. April 2011 (Interview mit Trittin)
- Süddeutsche Zeitung vom 25. Juni 2011 zum Sonderparteitag der Grünen
- Berliner Zeitung vom 18. Oktober 2011 Artikel „Griff nach der Macht“
- ZDF - Politbarometer November 2011
