Die Protokolle der Weisen von Zion

Geschichte einer Fälschung

Seit den 1920er Jahren macht ein Text Karriere, der zum Synonym für Verschwörungstheorien überhaupt geworden ist - die „Protokolle der Weisen von Zion".

Die "Protokolle der Weisen von Zion" behaupten die Existenz einer "jüdischen Weltverschwörung". Ihre frühzeitige Entlarvung als Produkt antisemitischer Phantasie hat die intensive Rezeption durch all jene, die nach einer ganzheitlichen Welterklärung jenseits der Rationalität oder nach einer Bestätigung und Systematisierung ihrer judenfeindlichen Vorurteile suchen, bis heute nicht verhindert. Der Publikumserfolg der Protokolle erklärt sich zudem aus ihrer Internationalität in Entstehung und Verbreitung sowie aus ihrer Anwendbarkeit auf ganz unterschiedliche historische Situationen.

Entstehung

Das Grundgerüst der Protokolle stammt aus der Feder des preußischen Schriftstellers Hermann Goedsche (1815-1878), 1848-74 Redakteur der konservativen Kreuzzeitung und zudem Autor zahlreicher Kolportageromane. Ein Kapitel seines Romans Biarritz (1868 unter dem Pseudonym „John Retcliffe“ erschienen) spielt auf dem Prager Judenfriedhof. Der Protagonist beobachtet dort das Geheimtreffen der Vertreter der zwölf Stämme Israels, die sich zu einer Weltverschwörung verabreden. Seit 1881 wurde dieses Kapitel als “Rede des Großrabbiners” von antisemitischen Verlagen veröffentlicht.

Weitere Quellen der Protokolle lassen sich in Frankreich ausfindig machen. Abbé Augustin Barruels Geschichte des Jakobinismus (1797) schildert die Französische Revolution als eine freimaurerische Verschwörung, was mit dem Aufkommen des modernen Antisemitismus in eine jüdische Verschwörung umgewandelt wurde. Zweckentfremdet wurde auch Maurice Jolys (1833- 1878) fiktiver Dialog zwischen Machiavelli und Montesquieu (1864). Was eigentlich als Polemik gegen Napoleon III. gedacht war, wurde von Antisemiten als verklausulierte Darlegung jüdischer Unterwanderungsstrategien gedeutet.

Eine dritte Spur führt nach Russland. Nationalistische Kreise bemühten sich die innen- und außenpolitische Krise des Zarenreiches auf die Juden abzulenken, die man als Agenten des Westens und des sozialistischen Umsturzes brandmarkte. Die verheerende Auswirkung dieser Propaganda lässt sich an den Pogromwellen von 1881-84 und 1903-06 ablesen. Vor diesem Hintergrund sammelte der russische Geheimdienst Hinweise auf eine “jüdische Weltverschwörung” und fügte offenbar erstmals 1898 in Frankreich die oben genannten Quellen zu den Protokollen zusammen.

Inhalt

Der Text gibt sich als Protokoll einer angeblich jährlich stattfindenden Zusammenkunft einer internationalen jüdischen Geheimorganisation aus. Ihre zwölf Abgesandten berichten über den Fortgang des Plans, durch Unterwanderung und Herbeiführung revolutionärer Zustände die “jüdische Weltherrschaft” zu errichten. Instrumente dieser Verschwörung seien Presse und Börse. Bekomme man sie vollständig unter Kontrolle, könne man unerkannt die allumfassende Meinungs- und Geldmacht ausüben. Sollten diese Machenschaften dennoch vorzeitig enttarnt werden, wolle man weltweit Großstädte durch Bomben in Untergrundbahnen sprengen.

Die verschiedenen Ausgaben der Protokolle schweigen sich über die konkreten Träger der “jüdischen Weltverschwörung“ aus oder benennen diverse “Geheimorganisationen” von den Freimaurerlogen über die Alliance Israélite Universelle bis zur Zionistischen Weltorganisation. Viele Herausgeber der Protokolle datierten sie auf den Baseler Zionistenkongress von 1897 und nannten gar Theodor Herzl (1806-1904) als Autor.

Verbreitung

Die erste Veröffentlichung der Protokolle stammt von dem russischen Schriftsteller Sergej Nilus (1862- 1929), der sie 1903/05 einer christlich- okkultistischen Aufsatzsammlung beifügte. Dieser Text gelangte 1919 über russische Emigranten nach Deutschland. Hier erlebte der Antisemitismus zwischen 1916 und 1923 einen Verbreitungs- und Radikalisierungsschub. Er profitierte vor allem von radikalnationalistischen Sinnstiftungsangeboten, die versuchten, die Misere von Kriegsniederlage, Novemberrevolution und Versailler Vertrag als Verrat und Verschwörung zu erklären.

1920 wurden die Protokolle in einer Massenauflage unter dem Pseudonym Gottfried zur Beek herausgegeben. Dahinter verbargen sich der 1912 gegründete “Verband gegen die Überhebung des Judentums” und dessen Vorsitzender Ludwig Müller von Hausen. 1924 folgte Theodor Fritschs Hammer- Verlag und 1929 der Franz- Eher- Nachfolger Verlag der NSDAP, der mittlerweile die Rechte an den Protokollen erworben hatte und im Jahr der Machtergreifung die 33. Auflage besorgte.

Bereits Anfang der 1920er Jahre kursierten Übersetzungen auch in Westeuropa und den USA. Sie stießen dort allerdings auf ein wesentlich geringeres Echo und wurden schnell als obskure Fälschung abgetan. Ein von jüdischen Organisationen angestrengter Prozess in Bern (1933- 35) bestätigte dies auch gutachterlich. In Deutschland waren die Antisemiten dieser Diskussion geschickt ausgewichen, indem sie die sinngemäße Erfüllung der Protokolle in politischen Entwicklungen der Gegenwart behaupteten und nicht auf ihrer Echtheit beharrten.

Die Protokolle im Nationalsozialismus

Die Bedeutung der Protokolle für den Nationalsozialismus ist umstritten. Einerseits war die Behauptung einer “jüdischen Weltverschwörung” integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Weltanschauung und Propaganda. Andererseits machte die NS- Rassenlehre die Frage der Existenz einer organisierten Verschwörung belanglos, da sie jüdisches Handeln aus einem apodiktisch angenommenen Rassencharakter deduzierte.

Die Protokolle in der Gegenwart

Die Verbreitung der Protokolle geschieht heute vorrangig über das Internet. Hier treten Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremisten, Antisemiten, christliche und islamische Fundamentalisten als Anbieter und Kommentatoren auf. Die Verwendung der Protokolle in politischer Propaganda hat sich mittlerweile von der westlichen auf die islamische Welt verschoben, wo sie zu einer populären Quelle von Antisemitismus und Antizionismus geworden sind.

Literatur

Cohn, Norman, Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung, Köln/ Berlin 1969.

Ben- Itto, Hadassa, Die „Protokolle der Weisen von Zion“. Anatomie einer Fälschung, Berlin 1998.

Benz, Wolfgang, Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung, München 2007.

Benz, Wolfgang, Zur Überzeugungskraft des Absurden. Die "Protokolle der Weisen von Zion" und ihre Wirkung, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 14 (2005), S. 137-145.

Bronner, Stephen E., Ein Gerücht über die Juden. Die "Protokolle der Weisen von Zion" und der alltägliche Antisemitismus, Berlin 1999.

Hagemeister, Michael, Sergej Nilus und die „Protokolle der Weisen von Zion“. Überlegungen zur Forschungslage, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 5 (1996), S. 127-147.

Holmes, Colin, New Light on the „Protocols of Zion“, in: Patterns of Prejudice 11 (1977), S. 13-22.

Neuhaus, Volker, Der zeitgeschichtliche Sensationsroman in Deutschland 1855- 1878. „Sir John Retcliffe“ und seine Schule, Berlin 1980.

Uptrup, Wolfram Meyer zu, Kampf gegen die „jüdische Weltverschwörung“. Propaganda und Antisemitismus der Nationalsozialisten 1919 bis 1945, Berlin 2003.

Anmerkung: Der Autor dieses Beitrags hat keinen Einfluss auf die eingeblendeten Google-Anzeigen. Er distanziert sich insbesondere von der Werbung für die Bücher des Verschwörungstheoretikers "Jan van Helsing" (= Jan Udo Holey), der die Echtheit der "Portokolle der Weisen von Zion" behauptet.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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