
- Verstoßen Psychiatrien gegen Menschenrechte? - (c) Stefanie Vogel
Wer in eine Psychiatrie eingewiesen wird oder diese sogar selbst und freiwillig aufsucht, erwartet zumindest eines: Hilfe – Hilfe zur Bewältigung der depressiven Krise, des aktuellen Psychoseschubs oder ähnliches. Als Betroffener wünscht man sich Verständnis, professionelle Hilfe und passende Unterstützung. So sollte es eigentlich auch sein, denn dafür gibt es psychiatrische Kliniken. Aber die vielen Blogeinträge und Selbsthilfegruppen für Psychiatriegeschädigte entwerfen ein ganz anderes Bild von einem Aufenthalt in einer Psychiatrie. Manche Schilderungen erinnern eher an Anstalten für Geisteskranke aus dem 19. Jahrhundert und nicht an moderne klinische Einrichtungen.
Missachtung der Menschenrechte
Der größte Kritikpunkt an Psychiatrien ist die scheinbar gängige Missachtung der Menschenrechte. Und dies fängt bei der Wahrung der menschlichen Würde an. Sowohl in Internetblogs als auch in Umfragen, zum Beispiel des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e. V., wird von Verstößen berichtet. Manche Patienten gaben an, dass sie ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen untergebracht wurden. Die Notdurft musste teilweise im Bett oder in den Ecken verrichtet werden. Die andere Alternative war, dass Blasenkatheter gelegt wurden. Wieder andere Erkrankte mussten die Toiletten der Klinik putzen. Ein Teil der Patienten berichtete davon, dass sie in Krisensituation eher fixiert wurden, statt helfende Gespräche angeboten zu bekommen. In manchen Fällen wurden sogar Urtraumata wieder aktiviert, indem bei Patienten mit Verlassensängsten zum Beispiel kein Arzt oder Pfleger kam, wenn man um Hilfe rief.
Entmündigung der Patienten
Ein weiterer Beschwerdepunkt geht dahingehend, dass sich Patienten vom Klinikpersonal entmündigt fühlten. Sogar Patienten, die freiwillig die Klinik aufgesucht hatten, bekamen kein Mitspracherecht bei der Behandlung. Teilweise erhielten sie sogar Zwangsmedikationen. Über Nebenwirkungen wurden sie nur selten informiert. Aber auch im verhaltenstherapeutischen Bereich wurden die Wünsche der Patienten nicht beachtet. Manche Patienten berichten davon, dass sie an der Arbeitstherapie oder Nordic Walking teilnehmen mussten. Ansonsten kam es zur Ausgangssperre oder einem Kontaktverbot zur Familie.
Hier zeigt sich auch der Druck, von dem einige Patienten berichten und der von Seiten des Personals auf sie ausgeübt wurde. Sie wurden zu Maßnahmen gezwungen mit dem Hinweis darauf, dass sie sonst in Isolierzimmer untergebracht würden oder keine Telefonate beziehungsweise Besuche erhalten durften. Auch die Medikamenteneinnahme wurde häufig erzwungen, indem mit Fixierung oder Injektionen gedroht wurde.
Das Thema Medikation stellt zusätzlich ein großes Problem dar. Aufklärung über Medikamente und deren Wirkungen oder Nebenwirkungen erfolgten laut Umfrage nur in den seltensten Fällen. Der Wunsch nach Aufklärung wurde fast nie beachtet.
Fehlende Beschäftigung mit den eigentlichen Problemen
Die Psychiatrie ist ein Krankenhaus. Deshalb wird dort viel mit Medikamenten gearbeitet. Zusätzlich soll in einer Psychiatrie aber noch auf die seelischen Belange der Patienten eingegangen werden, um das aktuell krisenauslösende Problem der Patienten zu bearbeiten. Hierfür sind Gespräche notwendig. Doch immer mehr Psychiatrieerfahrene berichten davon, dass dies gar nicht beachtet wurde. So berichtete eine vergewaltigte Frau, dass kein einziger Arzt oder Psychologe während ihres Aufenthaltes mit ihr über das Geschehene sprach. Stattdessen wurden Medikamente gegen die Alpträume verordnet. Auch andere Patienten berichteten davon, dass teilweise erst nach mehreren Tagen ein Arzt zu einem (kurzen) Gespräch bereit war.
Der Patient wird nicht ernst genommen
Jemand, der sich in einer akuten Krise befindet, braucht vor allem eines: Eine professionelle Auseinandersetzung mit ihm als Person. Doch nicht wenige Patienten fühlen sich vom Klinikpersonal nicht ernst genommen. Einigen wurde vorgeworfen, sie simulierten. Manche wurden sogar ausgelacht, wenn sie weinend zusammen brachen. Hierzu ein Zitat aus dem Forum Psychiatriegespräch: „Und ich schneide auch erst tiefer, seit die Pfleger mich ausgelacht haben, dass meine Schnitte nur oberflächlich sind“. Somit kann ein Nicht-Ernst-Genommen-Werden den Zustand des Erkrankten noch verschlimmern. Wieder anderen erhielten von Psychiatern die Antwort, dass sie sich doch “schon längst umgebracht hätten, wenn es wirklich so schlimm wäre“. Dies führt dazu, dass die Patienten keinesfalls ein vertrauensvolles Verhältnis zum Personal aufbauen können.
Die Kliniken kennen die Vorwürfe
Für die meisten Psychiatrien sind solche Vorwürfe ehemaliger Patienten nichts Neues. Und deshalb haben sich viele schon einen Erklärungskatalog für verschiedene Vorwürfe zurecht gelegt. Die einfachste Aussage ist, dass die Patienten zeitweise gar nicht zurechnungsfähig gewesen seien und sich die Vorkommnisse nur eingebildet hätten. In manchen Fällen wird argumentiert, dass die Patienten gar nicht wüssten, was sie bräuchten und deshalb zu verschiedenen Therapieangeboten angehalten wurden. Auch Fixierungen seien rechtens und dienten dem Schutz der Patienten.
Es mag sein, dass manche Patienten ihre psychiatrischen Erlebnisse tatsächlich überbewerten beziehungsweise nicht objektiv betrachten können. Dann stellt sich aber die berechtige Frage, wie es sein kann, dass immer mehr Klagen von Patienten von Gerichten zu deren Gunsten entschieden werden? Dies lässt den Schluss zu, dass zumindest an manchen Horrorerfahrungen etwas dran sein muss. Und dies sollte den Psychiatrien und dem Gesundheitswesen zu denken geben.
Die Politik scheint die Psychiatrien zu schützen
Die Politk scheint die Situationen in den Psychiatrien zu unterstützen. So sprach sich das Gesundheitsministerium NRW dafür aus, Patienten über Videokameras überwachen zu lassen. Was für viele Betroffene als weitere Verletzung der Privatsphäre empfunden werden dürfte, wurde vom Ministerium damit begründet, dass diese Maßnahme dem Schutz der Patienten diene. Damit untersützen sie die Aussagen der Psychiatrien, dass viele unangenehm wirkende Maßnahmen lediglich dem Wohl der Patienten dienen.
Quellen:
- Umfrage
- Psychiatriegespräch.de
- Behandlung bei Depression
- Pressemitteilung.de
- Depressionsblog
- Gutefrage.net
- Gesundheitsministerium zur Überwachung
