Die Quellenkritik als Methode wissenschaftlichen Arbeitens

Historische Quellen sind in ihren Aussagen oft sehr eindeutig, die Wahrhaftigkeit dieser Aussagen muss jedoch immer mit der Quellenkritik verifiziert werden

Nachdem man in Archiven oder Bibliotheken die für die eigene wissenschaftliche Fragestellung wichtigen und relevanten Quellen (Urkunden, Akten, Briefe...) gefunden hat, muss man diese stets mit der Methode der Quellenkritik hinterfragen.

Warum eigentlich eine Quellenkritik?

Die Methode der Quellenkritik muss dem Historiker in Fleisch und Blut übergehen. Sie ist unverzichtbares Werkzeug, da keine Quelle bereits die "fertige Geschichte" liefert, sondern vielmehr einen "Bericht über Geschichte". Dieser Bericht wiederum kann oft eine durch die Ansicht des Autoren persönlich gefärbte Sichtweise, also eine Interpretation, der Geschehnisse und Ereignisse liefern. Damit kann unter Umständen etwas anderes bezweckt werden, bzw. ausgesagt werden, als das, was der Historiker eigentlich erfahren will. Letztlich ist natürlich die Bearbeitung bzw. Verarbeitung der Quelle auch wieder eine Interpretation der Geschichte - dieses Mal durch den Historiker. Die Geschichte gibt es nicht, nur jeweilige Interpretationen von Sachverhalten, Ereignissen und Abläufen.

Was benötigt man, um eine fundierte Quellenkritik durchführen zu können?

Die alleinige Kenntnis des Wortlauts der Quelle reicht natürlich nicht aus, um sie fundiert kritisch hinterfragen zu können. Dazu sind weitere Hintergrundinformationen nötig, wie zum Beispiel Informationen über den Autor, über die Umstände der Entstehung der Quelle und selbstverständlich auch über den historischen Kontext. So stellt der Historiker die folgenden Fragen an die Quelle:

  • Wer verfasste die Quelle? (Ist die Quelle von einem Kleriker oder einem Laien abgefasst worden? In welchem Verhältnis stand der Autor zu beispielsweise Kirche, Staat, etwaigen Herrschern...? Die Lebensdaten, die Bildung, die gesellschaftliche Stellung des Autoren müssen geklärt werden, ebenso sein Weltbild, die Werte und Normen, nach denen er lebte und natürlich, die zeitliche und räumliche Nähe/Distanz zum geschilderten Geschehen.)
  • Wann wurde die Quelle verfasst? (Hier wird detailliert nach dem Entstehungszeitraum im Verhältnis zum beschriebenen Ereignis gefragt.)
  • wo entstand die Quelle? (Hier wird detailliert nach dem Entstehungsort im Verhältnis zum beschriebenen Ereignis gefragt.)
  • Für wen wurde die Quelle verfasst? (Handelt es sich um ein Auftragswerk? Gibt es ein spezielles Zielpublikum? Oder ist die Quelle eine Überrestquelle, die ursprünglich gar nicht im Sinne einer Weitergabe der Information an die Nachwelt verfasst wurde?)
  • Warum wurde die Quelle verfasst? (Hier wird die Frage nach der Absicht des Autors für die Verfassung dieser Quelle gestellt - handelte er aus eigenem Antrieb oder ist die Quelle ein Auftragswerk? In letzterem Fall muss natürlich auch der Auftraggeber berücksichtigt werden: Verfolgte er bestimmte Intentionen? Wenn ja, sind diese beim Verfassen der Quelle sicherlich in diese eingeflossen und müssen beim Lesen berücksichtigt werden. Die Quelle muss dergestalt betrachtet werden, dass eine übergroße Betonung, eine Propagierung, Idealisierung, aber auch Diffamierung des Ereignisses, bzw. der handelnden und beschriebenen Personen stattgefunden haben mag. Auch können Sachverhalte bewusst gerechtfertigt oder aber auch verschwiegen werden.)

Bewusste oder ungewollte Verfälschungen?

Nun kann man gerade bei der Frage nach dem "warum?" durchaus zu positiven Ergebnissen im Sinne von einer tatsächlichen "Verfälschung" der Tatsachen kommen. Nun muss der Frage nach dem Grund für diese Ungereimtheiten nachgegangen werden: Man unterscheidet zwischen dem Horizont und der Tendenz des Autors der Quelle. Unter dem Horizont versteht man ungewollte/unbewusste Verfälschungen, die quasi im "begrenzten (Wissens-) Horizont" des Autors begründet liegen, während die Tendenz die gewollten/bewussten Verfälschungen betrifft - sei es aus eigenem Antrieb oder dem Wunsch eines Auftraggebers folgend.

Hans-Werner Goetz: "Um dem Autor gerecht zu werden, sollte man sich aber daran erinnern, dass die subjektive, von seiner Wert- und Vorstellungswelt geprägte 'Tendenz' nicht unbedingt bewusste 'Lüge' bedeutete, sondern vom Autor selbst als richtig empfundene 'Wahrheit' verstanden wurde, insofern sie nämlich seiner inneren Überzeugung entsprach."

Man darf es als Historiker also nicht versäumen, sich in die jeweilige Lebenswelt und -zeit des Autoren einer Quelle hinein zu versetzen oder dies zumindest zu versuchen.

Das Ziel einer fundierten Quellenkritik

Letztliches Ziel einer jeden Quellenkritik ist also die Überprüfung einer Quelle auf Glaubwürdigkeit in Hinsicht auf das Geschilderte im Kontext von Zeit, Raum, beteiligten Personen, Ereignissen... Wichtiges Hilfsmittel in der Quellenkritik ist nicht zuletzt auch der Vergleich mit anderen, von ihr selbst unabhängigen Quellen. Hier wird man gegebenenfalls auch Abhängigkeiten, Ergänzungen oder Widersprüche erkennen können. Nur eine Quelle, die der Kritik standgehalten hat, kann also in der Konsequenz bedenkenlos für die eigene Arbeit verwendet werden - die Quellenkritik entscheidet über den Wert einer jeden Quelle.

Literaturhinweis: Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte. Mittelalter. Stuttgart 2006.

Wolfgang Weitzdörfer, Fotostudio Sabine Winkler

Wolfgang Weitzdörfer - Werdegang Abitur 1996Ausbildung zum Heilerziehungspfleger 1998-2001Berufstätigkeit 2001-20082008 - 2011: Studium BA ...

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