Die Ratten von Gerhart Hauptmann

Die Ratten - Ambitec
Die Ratten - Ambitec
Der Konflikt (Spitta - Hassenreuter) um die klassische Dramenform sowie die Anwendung und naturalistischen Eigenschaften im Hinblick auf Hauptmanns Werk.

Die Jahrhundertwende ist die Zeit der Umbrüche, Auseinandersetzungen und Wendungen. Die damit einhergehenden Veränderungen spiegeln sich in sämtlichen Alltags- und Lebensbereichen (Religion, Politik, Ethik, Kunst, Gesellschaft) wider, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung der Literatur und des Theaters.

In den Epochen zuvor unterwerfen sich die Künstler gewissen Gesetzmäßigkeiten, wie z.B. dem aristotelischen Dramenschema (entstanden im 16. Jahrhundert), das in jedem Theaterstück vorzufinden ist: In jedem Drama lässt sich eine klare Struktur feststellen, die auf den drei Einheiten von Handlung, Zeit und Ort beruht. Die Regeln fordern eine einzige, in sich geschlossene Handlung, die während eines Sonnenumlaufs sowie innerhalb eines räumlich beschränkten Ortes vonstatten gehen soll.

Lessing und Goethe über die Jahrhundertwende

Mit der Hinterfragung alles Bestehendem und der Suche nach neuen Erfahrungen und Regeln brechen die Schriftsteller nun aus den Normen aus; Mit Shakespeare als Vorreiter entsteht das offene Drama mit Ort- und Zeitsprüngen, mehrsträngigen Handlungen und vielen differenzierten Nebencharakteren. Sowohl Goethe als auch Lessing sind begeistert von dem neuen Schreibstil. Goethe bezeichnet die Umstrukturierung als „Entfesselung des Geistes, der Einbildungskraft“ und ist ergriffen von den natürlichen, familiären Protagonisten und alltagsgetreuen Handlungen, die sich in Shakespeares freien Dramen widerspiegeln. Lessings ähnliche Aussage unterstreicht, dass die naturalistischen, quasi aus dem Leben gegriffenen Schicksäle die einzig wahren Tragödien seien. Die Tragik eines Dramas werde nicht durch Titel oder Hoheitsstände erzeugt, sondern durch realistische Erfahrungen eines Menschen, die wie aus dem Alltagsgeschehen gegriffen scheinen. Erst wenn sich der Beobachter in die Situation des Menschen hineinversetzen oder auch mit ihr identifizieren könne, seien die Gemütsregungen (wie z.B. Mitlied, Trauer, Freude usw.) beim Zuschauer am größten, das Mitgefühl am stärksten.

Der Konflikt zwischen Hassenreuter und Spitta

Von diesen neuen Kunstvorstellungen ist auch Erich Spitta aus „Die Ratten“ (1911) überzeugt, welches neben dem Hauptthema „Kindshandel“ auch den Konflikt über die unterschiedlichen Schauspiel- und Dramenarten thematisiert. Spitta ist das trockene, „gestelzte“ Theologiestudium leid (S. 45, Z. 24) und möchte sich der Theaterkunst widmen. Im Unterricht beim älteren Direktor Harro Hassenreuter kommt es jedoch zu Auseinandersetzungen hinsichtlich der darstellenden Ausführungen vom Stück „Die Braut von Messina“ (Schiller, 1803). Hassenreuter ist strenger Theoretiker und Freund der traditionellen Theaterregeln (S. 47, Z.1). Seine Lehrmethode, den Schülern durch ein Kreideschachbrett die exakten Bewegungen beizubringen (S. 43, Z, 31), sowie seine Wut über kleinste Posen- oder Betonungsfehler (S. 42, Z. 8: (schreit wütend) „Punkt!“; S. 43, Z. 7: „Nicht lispeln!“; Z. 26 ff.: „statuarische Haltung“) zeugen von seiner Symphatie für die klassische Dramenform: Seiner Meinung nach komme die wahre Tragik erst durch die Inszenierung von Personen aus den hohen Ständen zur Geltung (S. 46, Z. 10 ff.), wobei das korrekte Agieren und Sprechen der Schauspieler für das Ausdrücken der Würde jener Menschen in der Tragödie unabdinglich (S. 43, Z. 29; S. 45, Z. 27 ff.) sei. Sein Vorbild sind die bewährten Schriftsteller wie Schiller und Freytag, die ihre Akte regelgemäß nach dem aristotelischen Dramenkonzept strukturiert haben (S. 46, Z. 19). Als „Dreistigkeit“ (S. 45, Z. 37) empfindet der idealistische Hassenreuter (S. 47, Z. 27) daher die „amateurhafte, blödsinnige Kunstanschauung“ des jungen Spitters, nach dessen Auffassung „alle Menschen vor der Kunst gleich sind“ (S. 46, Z. 14). Diesen Grundsatz nimmt er auch als Hauptargument für sein eigenes Talent zum Schauspielern, als er erklärt, dass es auf der Bühne ebenso sonderbare Menschen wie ihn geben könne, wenn es sie doch auch in der Realität gebe (S. 21. Z. 10 ff.). Seine Überzeugung vom Naturalistischen im Drama findet sich letztlich auch in seiner eigenen Attitüde auf der Bühne wieder, als er nur sinngemäß und ohne übertriebene Betonung in Haltung oder Sprache seinen Text wiedergibt (S.45, Z. 3 ff.). Seine Vorstellung von dramatischer Kunst nimmt sich den jungen Schiller, den jungen Goethe des „Goetz“ und Lessing als Vorbilder (S. 46, Z. 29 ff.), die alle durch ihr neuartige Schreibweise und offene Dramenkonzeption die Gesellschaft bewegten.

Das Werk "Die Ratten" an sich

Neben der Diskussion zwischen dem traditionellen Direktor Hassenreuter und dem „rebellischen“ Naturalist Spitta ist die Tragödie „Die Ratten“ selbst Beispiel für die neue Dramenform und drückt gleichzeitig auch die Meinung vom Verfasser Hauptmann über die Umstrukturierung des Dramas aus. Sein Werk hätte auch eine Inszenierung Spittas sein können, da er viel Wert auf Natürlichkeit in seinem Stück legt. Nahezu alle der verhältnismäßig vielen Charaktere sind Menschen der unteren Gesellschaftsschicht, dennoch unterscheiden sie sich stark in Persönlichkeit, Sprache (Dialekt, Soziolekt und Idiolekt), Anerkennung und Lebenssituation. Anstelle von einer klaren Zuordnung der Akte in Exposition, Steigerung, Höhepunkt, Retardation und Katastrophe, ziehen sich die mehrsträngigen Handlungen ohne konkretes Kompositionsmuster durch das konfliktreiche Drama. Dabei wird der Akt oft mitten im Satz begonnen (S. 6, Z. 1: „Na da doch! Freilich! Ick sag’t ja.“) bzw. abgeschlossen (S. 80, Z. 32: „det wollt’ ick nich!“) oder in einem neuen Zeit- und Ortsfenster geöffnet. Dabei wird vor und in jeder neuen Szene der Raum sowie das Aussehen der Protagonisten genau beschrieben (Akt 1: S. 6; Akt 2: S. 23; Akt 3: S. 42; Akt 4: S. 64; Akt 5: S. 81), sodass es dem Leser leichter fällt, sich in die Situation hineinzuversetzen. Das Naturalistische in der Tragödie spielt folglich eine zentrale Rolle in Hauptmanns Stück und darüber hinaus auch von Vorteil hinsichtlich der Lesezielgruppe, da die Masse der Bürger in jener Epoche Proletarier waren und sich sicherlich eher mit einem Darsteller aus der unteren als der oberen Schicht identifizieren konnten.

Fazit

Abschließend kann man sagen, dass das Interesse der Leute für „Die Ratten“ hoch gewesen sein muss, als sie von einer Lektüre bzw. einem Theaterspiel mit Helden aus ihrem Stand hörten. Meiner Meinung nach bereitet die offene Dramenform dem Zuschauer ein größeres Vergnügen, das sie im Gegensatz zur vorhersehbaren, klar gegliederten geschlossenen Theaterstruktur viel mehr Spannung in die Handlung und Schicksäle der Menschen miteinbringt und somit emotional bewegt.

  • Die Ratten
  • Autor: Gerhart Hauptmann
  • Broschiert: 107 Seiten
  • Verlag: Hamburger Lesehefte (2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3872912194
  • ISBN-13: 978-3872912190
  • Größe und/oder Gewicht: 19,8 x 12,6 x 0,8 cm