
- Talent der NWB, hier in Dortmund, bedienen RB 43 - Dirk Buschmann
Am 10. Juni empfing die Stadt Dissen Bad Rothenfelde hohen Besuch: Bundespräsident Christian Wulff, damals freilich noch Ministerpräsident von Niedersachsen, entfernte im Bahnhof zwischen beiden Ortsteilen einen Prellbock und öffnete dadurch den Schienenstrang in Richtung Osnabrück. Seither verkehrt der „Haller Willem“ über siebzehn Stationen zwischen Bielefeld und Osnabrück.
Der echte „Haller Willem“ war ein Fuhrmann
Seit Alters her ist der Teutoburger Wald, namentlich der Abschnitt zwischen Osnabrück und Bielefeld, nach Bodenschätzen durchwühlt worden. Dies erforderte einen gewissen Personen- und Frachtverkehr auf wenigen, schlecht zu bewältigenden (steilen, kurvigen) Straßen. Umso höher standen jene Fuhrleute im Ansehen der Bevölkerung, die diesen Transport regelmäßig und sogar halbwegs pünktlich bewerkstelligten.
Einer dieser Fuhrleute hieß Wilhelm Stuckemeyer. Er bediente um 1870 herum die Dörfer und Gemeinden zwischen Brackwede bei Bielefeld und Halle/Westfalen. Als oft einzige Verbindung zur Außenwelt wurde er eine Institution und als „Haller Willem“ sprichwörtlich.
Eine Gebirgsbahn ohne Tunnels
Stuckemeyer und Kollegen konnten das Transportproblem auf Dauer natürlich nicht lösen, und so begannen ab 1870 die Planungen für eine Eisenbahn entlang des Gebirgskamms. Da viele der künftigen Bahnstationen zwar nicht auf, aber zu beiden Seiten des „Teuto“ lagen, musste die Trasse diesen Riegel mehrmals überqueren – und da die Investoren vergleichsweise wenig Kapital herzu geben kommen, musste dies ohne den Bau aufwändiger Tunnels geschehen. Folglich entstand eine Bahnstrecke mit steilen Rampen und engen Kurven. - Eben dieser Verzicht auf Tunnels ermöglichte hundert Jahre später die rasche Reaktivierung...
1886 war die Bahnlinie fertiggestellt. Sie zweigte im Bahnhof Brackwede (damals eine kleine aufstrebende Industriegemeinde) von der Köln-Mindener Eisenbahn ab, wandte sich Richtung Nordwesten und hielt nacheinander in Steinhagen, Halle (Westfalen), Borgholzhausen, Dissen/ Rothenfelde, Hilter, Wellendorf, Oesede und am „Otto-Schacht“, ehe sie in Osnabrück einfuhr. Dies tat sie so zuverlässig, dass der Volksmund das neue Verkehrsmittel mit dem alten Kutscher verglich: „Wie der Haller Willem“. Dieser Name blieb hängen.
Steinhagen – Halle – Rothenfelde – Georgsmarienhütte: Aufschwung im Teutoburger Wald
Viel wichtiger als der Personenverkehr war lange Zeit der Gütertransport. In Oesede expandierte zu jener Zeit, gespeist aus den Eisenerzgruben à la „Otto-Schacht“, eine Eisenhütte, die nach den letzten Herrschern des Königreichs Hannover benannt war und der späteren Industriestadt ihren Namen geben sollte: Georgsmarienhütte.
Zur selben Zeit blühte rings um Steinhagen die Wacholder-Veredlung. Über zwanzig Brennereien destillierten jene Spirituose, die mit der Zeit als „Steinhäger“ ein Exportschlager wurde. Steinhäger wird heute noch in Steinhagen hergestellt.
Halle in Westfalen war bis zum Bau der Eisenbahn ein völlig unbedeutendes Nest – bis 1844 hatte es noch nicht einmal eine gepflasterte Straße gegeben. Nun aber blühte die Holzwirtschaft auf und bescherte der Eisenbahn weitere Transporteinnahmen.
Nebenher erwachte im Teutoburger Wald der Kurbetrieb. Rothenfelde etwa, das sich mit Dissen einen gemeinsamen Bahnhof teilte (die Vereinigung zu einer Gemeinde kam erst viel später), wurde dank seiner Saline zum Kurbad befördert.
Regionalbahn RB 43: Niedergang und Reaktivierung
Die guten Zeiten des „Haller Willem“ dauerten bis ca. 1960. Dann verlagerte sich der Güterverkehr auf LKWs, und die Menschen reisten mit dem Auto statt mit der Eisenbahn. Binnen weniger Jahre verlor die Trasse fast ihren kompletten Güterverkehr, der 1991 schließlich eingestellt wurde. Bereits 1984 waren die Personenzüge in Niedersachsen, zwischen Osnabrück und Dissen Bad Rothenfelde, eingestellt worden. Dem NRW-Abschnitt drohte das gleiche Schicksal, eine Bürgerinitiative konnte die Stilllegung abwenden.
Zur Rettung des „Haller Willem“ avancierte die Weltausstellung 2000 in Hannover. Bereits in den 80er Jahren hatte die „Initiative Haller Willem“ eine grundlegende Modernisierung der Nebenbahn gefordert: Neue, komfortable und schnellere Züge auf erneuertem Gleisbett und mehr Stationen, die mit den Buslinien verknüpft werden sollten – mit einem Wort, aus der maroden Lokalbahn sollte eine Art S-Bahn entstehen. Inzwischen hatte sich der Wind gedreht, Politik und Wirtschaft entsannen sich der Eisenbahn als Alternative zum allmählichen kollabierenden Autoverkehr. Als „dezentrales Projekt der EXPO 2000“ wurde der Abschnitt Bielefeld – Dissen Bad Rothenfelde grundlegend modernisiert und mit neuster Technik ausgestattet.
Von Dissen Bad Rothenfelde nach Osnabrück: Neubeginn in Niedersachsen
Im Jahre 1999 pachtete die „Verkehrsgesellschaft Landkreis Osnabrück“ den seit 1984 ungenutzten Abschnitt in Niedersachsen auf Dreißig Jahre von der Bundesbahn für einen Euro (die DB war in der beginnenden Ära Mehdorn wahrscheinlich froh, die Nebenbahn so billig los zu sein...). Sechs Jahre dauerte die Instandsetzung und Modernisierung der völlig veralteten Infrastruktur. Aus dem Traum einer verkappten S-Bahn ist Wirklichkeit geworden.
Inzwischen, seit 2003, hatte die NordWestBahn den Betrieb der RB 75 übernommen - eine Firma, deren Spezialgebiet die Rettung von Nebenbahnen ist. Seit 2005 bedienen die blaugelben Talent-Triebwagen wieder die gesamte Strecke mit insgesamt 18 Stationen – und dank des nachhaltigen Erfolges werden sie dies wohl auch langfristig tun. Allein zwischen 1996 und 2006 haben sich die täglichen Fahrgastzahlen von 1.500 auf 4.000 verdoppelt. Jüngste Erhebungen sprachen gar von 6.000 Fahrgästen pro Tag.
Schüler und Pendler bilden eine Säule des Erfolges – die andere ist der Freizeitverkehr, namentlich der Fahrradtourismus. Der Zustrom der Drahtesel war so groß, dass zeitweise eine Voranmeldung eingeführt werden musste. Inzwischen überlegt man, den 30-Minuten-Takt zwischen Halle und Bielefeld auf die restliche Strecke auszuweiten.
Der Güterverkehr spielt übrigens keine Rolle mehr: Lediglich in Quelle bei Brackwede wird noch ein Schrotthandel auf der Schiene bedient.
Internet: Mytrainsim: „Haller Willem“ & Werkstatt-Stadt: "Haller Willem"
Foto: © Dirk Buschmann
