
- Bild: Ockham studiert in Oxford Theologie - Elvira Lauscher
„Wilhelm von Ockham – Das Risiko modern zu denken“ nennt sich die Ausstellung, die vom 20. Februar bis zum 18. April 2010 im Ulmer Museum zu sehen ist. Gemeinsam mit dem HfG-Archiv wurde die Ausstellung vorbereitet. Zu sehen sind 36 Farbtafeln und 48 Texttafeln, in denen das Leben und das Werk des Philosophen Wilhelm von Ockham vorgestellt werden.
Wilhelm von Ockham lieferte Vorlage zum Bestseller „Der Name der Rose“
Zur historischen Person Wilhelm von Ockhams gibt es nur ein kleines Portrait als Zeitdokument. Trotzdem wollte Otl Aicher den Philosophen und dessen Geschichte darstellen und fertigte mit seinen Bildern und den kurzen Texten dazu eine Art Lagebeschreibung seines Lebens und dem damaligen Zeitgeschehen. Er beleuchtete Ockham in seinen Bilderbögen von einer anderen Seite als Umberto Eco, der den Franziskanermönch und seine philosophisch-erkenntniskritische Grundhaltung in seiner Romanfigur William von Baskerville aufleben ließ.
Ockhams Rasiermesser und die Kunst der Vereinfachung
Die Metapher „Ockhams Rasiermesser“ fand Einzug in die Wissenschaft und steht für das Sparsamkeitsprinzip. „Von allen Theorien, die die gleichen Sachverhalte erklären, ist die einfachste vorzuziehen.“ Alles andere wird weggeschnitten. Auch Otl Aicher war ein Meister des Weglassens und Wegschneidens, was sich zum Beispiel in seinen Piktogrammen zeigte, die er für die Olympischen Sommerspiele 1972 konzipierte. So war vielleicht eine gefühlte Seelenverwandtschaft zwischen Aicher und Ockham mit ausschlaggebend dafür, dass er die fünfte Ausstellung für die Bayerische Rückversicherung in der Müncher Firmenzentrale Ockham widmete. Und die Nähe des Firmensitzes zur Occamstraße gab den Anstoß dafür.
Keine zentrale Perspektive in den Collagen von Otl Aicher
Otl Aicher vertraut seinen Bildern und dem Betrachter, der das bewusst Fehlende mühelos erkennt. Die Bilder sind ohne Tiefenraum und Zentralperspektive geschaffen, da Aicher sich gegen die Malerei, die diese Perspektive als Hauptcharakteristikum hat, abgrenzen wollte. Die meisten Tafeln sind in vier horizontale Zonen aufgeteilt, die es ermöglichen, auf einem Bild verschiedene „Schauplätze“ und Ebenen zu zeigen. So kann er mit dieser Technik das Gerichtsverfahren in Avignon darstellen. Auf der oberen Ebene des Bildes ist der Papst in Gold zu sehen, der auch bildlich „über allem steht“. Drunter ist die sechsköpfige Kommission auf einem braunen Hintergrund zu sehen. Auf einer weißen „unschuldigen“ Ebene stehen die Bücher und Gesetzestexte auf einem Tisch. Der angeklagte Wilhelm von Ockham sitzt aufrecht vor einem schwarzen Hintergrund auf der untersten Ebene des viergeteilten Bildes. Der Prozess verlief zwar im Sande und Ockham wurde nie förmlich verurteilt, doch die Machtverteilung ist durch die bildhaft-symbolische Darstellung eindeutig.
Das Auge des Besuchers kann selbst entscheiden, was es sehen will
Die Einfachheit der Darstellung tut das Übrige dazu, um Freiraum für eigene Interpretationen zu lassen. Auf einer teilweise unterbewussten Ebene schafft er Assoziationen und setzt Farben und Formen ein, die sich selbst erklären. Grüne angeordnete Ovale werden als Wald oder an anderer Stelle als Blätter erkannt, kirchliche Szenen sind vor lila und dunkelroten Hintergründen angelegt und Schlachten dominieren in Rot und Braun-Tönen. Das Bild „Ockham studiert in Oxford“ kommt mit einfachsten Darstellungen aus, um die kirchliche Aura der Theologie-Studenten zu vermitteln. Vier verschiedene Rot- und Lila-Schattierungen als horizontale Farbflächen, ein kirchliches Fenster ganz oben rechts und die angedeuteten Mönchskutten vermitteln eine intensive Atmosphäre. Es braucht keine Gesichter, nur die körperlich angedeutete Zuwendung, um ein „intensives Gespräch“ darzustellen und auch die Tische kommen ohne Tischfüße aus. Alles Unwichtige wurde „wegrasiert“ bzw. in diesem Fall gar nicht erst angebracht.
Kleben nach Zahlen durch geniales Farbempfinden
Dies ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass Otl Aicher alle Bilder vor seinem inneren Geiste entstehen ließ. Auf Layout- bzw. Pergamentpapier malte er sie vorab in Tusche (als Grafiker wahrscheinlich mit einem üblichen Rapidograph-Stift) präzise auf und nummerierte sie anhand von Farbfächern. Otl Aicher nutzte für alle Plakattafeln Farbpapiere, die er für das „Lüdenscheider Manual“, eine für das Druckhaus Maak ausgearbeitete Struktur- und Farbmusterkartei, entwickelt hatte. Seine zwei Mitarbeiterinnen Reinfriede Bettrich und Sophie von Seidlein montierten die Papierstücke präzise nach seinen Vorgaben. Es wurden – nach nicht ganz nachvollziehbaren Gesichtspunkten – teilweise Collagen, teilweise Intarsien mit den Farbpapieren gemacht. Die Intarsien erfordern eine besondere Genauigkeit, da jede Papierfläche Millimeter genau an die andere stoßen muss, um weiße Blitzer dazwischen zu vermeiden. Wenn man alleine die verschiedenen Grau-Töne in einem Bild wie den Gebäuden von Pisa betrachtet und deren unterschiedliche Tiefenwirkung und Perspektive durch die bewusst gewählte Grauanordnung, erfordert es ein besonders Farbempfinden, dies vorab vor dem inneren Auge zu sehen.
Texte und Bilder vermitteln einen Eindruck von Ockhams Leben
Otl Aicher hat auch an den Texttafeln mitgewirkt, die wie die Bilder durch ihre einfache aber präzise Sprache auffallen. Und gerade in einer Zeit, in der die Kirche gegen ihren Imageverlust durch Missbrauchskandale ankämpft, wirken die 1986 zur Ausstellung aufgeschriebene Zitate von Ockham heute noch genauso wahr und zeitlos: „Jede äußerliche Frömmigkeit etwa der Kirchgang aus Eitelkeit und des guten Rufes wegen, lehnt er als unmenschlich ab. Auch die traditionellen Tugenden klösterlichen Lebens wie Keuschheit, Armut und Demut hält er für wertlos, wenn sie nur aus Gehörsam befolgt werden. Erst wenn etwas aus Liebe zu Gott getan wird, ist es gut und wertvoll.“
