Die Zeit der "Régence" ist eine der politisch einschneidendsten Epochen der neueren französischen Geschichte. Von 1715 bis 1723 führte Philipp von Orléans als Regent für den fünfjährigen Ludwig XV die Regierungsgeschäfte. Mit der neuen Regierung vollzog sich ein Umdenken in geistesgeschichtlicher, politischer und juristischer Hinsicht, so dass in diesen die Ursachen für die Revolution von 1789 zu sehen sind. So wurde die Rückgabe des Remonstranzrechts an das Pariser Parlament für dieses Organ zu einer politischen "Waffe", der die beiden letzten Bourbonenkönige nichts mehr entgegensetzen konnten.

Der Niedergang der königlichen Autorität

Ein Aufatmen ging durch ganz Europa, als am 1. September 1715 Ludwiog XIV die Augen schloss. Mit ihm endete eine Ära,die einen letzten Versuch französischer Hegemonie in Europa implizierte und der kläglich gescheitert war. Die Verträge von Utrecht, Rastatt und Baden (1713) verdeutlichten nicht nur die militärische Niederlage Frankreichs, sondern auch eine Niederlage in geistesgeschichtlicher, politischer und staatsrechtlicher Hinsicht. England war der alleinige Sieger. Denn Utrecht schuf die geistesgeschichtliche Voraussetzung für die Verbreitung aufklärerischer Ideen, angereichert mit englischen Einflüssen, im besiegten Frankreich. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde das Gedankengut der Aufklärung in breiten Bevölkerungsschichten populär. Als "Land der Freiheit", in welchem der Monarch an Gesetze gebunden war und nicht willkürlich regieren konnte, fand England zahlreiche Bewunderer im französischen Hochadel. Schon zu Zeiten Ludwigs XIV gehörten zu den namhaftesten Oppositionellen die Herzöge von Burgund, v. Noailles und v. Orléans. Die Zunahme der religiösen Indifferenz, der öffentlich ausgetragene Streit zwischen Jesuiten und Jansenisten sowie die, in vielen Augen zahlreichen und sinnlosen, Kriege, die das Land an den Rand des Abgrunds geführt hatten, sorgten für ein eklatantes Mißverhältnis zwischen Krone und Staat und für einen allmählichen Autoritätsverfall der Monarchie.

Die staatsrechtliche Niederlage des Absolutismus

Durch die militärische Niederlage im Spanischen Erbfolgekrieg erstarkte nicht nur die innenpolitische Opposition und stellte die,besonders von Ludwigs XIV geprägte, absolutistisch-willkürliche, Herrschaftsform in Frage. Von außenpolitscher Seite wurde das "göttliche Recht", ideelle und rechtliche Grundlage des Absolutismus, ad adsurdum geführt. Denn mit der Wahl, Philipps V, einem Enkel Ludwigs XIV, zum spanischen König mußte dieser, auf Wunsch Englands, auf sein Recht in der französischen Thronfolge verzichten. Damit war dem "göttlichen Recht" und dem damit verbundenen "Gottesgnadentum von Geburt", der Erblegititmät, entscheidendes Kirterium der Herrscherwürde, eine alternative Erbfolgeregelung, nämlich die Anerkennung durch andere Staaten, an die Seite gestellt worden.

Der Kampf um die innenpolitische Macht

Als Ludwig XIV starb hinterließ er als einzigen legitimen Nachfolger, seinen fünfjährigen Urenkel Ludwig XV. Dieser war von schwächlicher Gesundheit, so dass schon die Zeitgenossen nicht an das Erreichen der Volljährigkeit glaubten. Daher drehte sich die Frage nach dem Tod des "Sonnenkönigs" nicht nur um die Einsetzung eines Regenten, sondern zugleich auch um die Nachfolge auf den französischen Thron. Dabei gab es zwei Bewerber: 1. Philipp V: Entgegen der Friedensvertäge von 1713/14 erhob er Anspruch auf die Regentschaft. Als tief religiöser Mensch hegte er die größte Animosität gegen den ausschweifenden Lebensstil seines Cousins Philipp von Orléans. Außerdem fühlte er sich juristisch im Recht. 2. Philipp v. Orléans: Als einziger Neffe des "Sonnenkönigs" und als einziger legitimer Nachfolger sah er das Nachfolge-Recht auf seiner Seite. Nach der neuen 1715 festgelegten Erbfolgeregelung, die die Gültigkeit der Verzichtserklärung beinhaltete, konnte Philipp zwar kraft Geburt berechtigte Ansprüche erheben. Dieses Gesetz und damit die Ansprüche widersprachen aber den ungeschriebenen Gesetzen des Königreiches.

Nur die allgemeine Furcht vor einem englischen Eingreifen ließ Ludwig XIV in seinem Testament die Übergabe der Regentschaft an seinen Neffen bestimmen, allerdings mit der Einschränkung der Bildung eines Regentschaftsrates. So hoffte er, dessen poitischen Einfluss auf ein Minimum zu beschränken.

Orléans Griff zur Macht

Philipp von Orléans, Sohn Philipps I v. Orléans, dem Bruder des "Sonnenkönigs", und Liselottes v. d. Pfalz, war intelligent, liebte einen ausschweifenden Lebensstil ("débauches") mit seinen "roués", war wißbegiergig, schnell gelangweilt und wird in zahlreichen Quellen als leicht beeinflussbar geschildert. Ideell geprägt von der Frühaufklärung, zeigte er sich liberal und allem Neuem sehr aufgeschlossen. Von seinem Onkel Ludwig XIV nicht gemocht und von der Macht fern gehalten, wollte er nun die Gelegenheit ergreifen. Parteigänger fand er bei den Höflngen, die sich dadurch mehr Privilegien und politischen Einfluss erhofften. Und Orléans machte Zugeständnisse an die Pairs, an den Adel und an das Parlament von Paris. Besonders den Parlamentsmitgliedern, die das Testament Ludwigs umsetzen sollten, kam eine besondere Bedeutung zu.

Die Bedeutung des Parlaments

Das Parlament sah jetzt seine Chance gekommen, seine politische Macht zu erweitern. Zu den Rechten dieser, ursprünglich juristischen, Körperschaft gehörten das "enregistrement" (Registrierung von Gesetzen) sowie das des Remonstrierens. Mit ihrem Remonstranzrecht konnten die Parlamentsmitglieder Einspruch gegen königliche Gesetze erheben und Verbesserungsvorschläge machen. Unter Ludwig XIV war es nie zur Anwerndung gekommen. Nun forderte das Parlament, durch die Frühaufklärung beeeinflußt, mit der Forderung nach Rückgabe dieses Rechtes politischen Einfluß wie seine Berufskollegen in England. Philipp v. Orléans, der die Unterstützung des Parlaments für seine Ansprüche brauchte, gab dem Parlament das Remonstranzrecht zurück und damit, so sein neues Selbstverständnis, auch ein Recht zur Beratung der Krone. Schon während der ersten Jahre der "Régence" zeigte sich der neue Geist des Parlaments. So opponierten die Mitglieder besonders gegen die finanzpolitischen Maßnahmen der Krone. Sie wollten das System des John Law zu Fall bringen und hätten damit sogar fast die Regierung gestürzt.

Frankreich verändert seine Bündnispolitik

Die europäische Krise ab 1715 war eine Folge der Friedensschlüsse von 1713. Nicht ohne Grund fürchtete man, dass die, von Spanien und Österreich eingegangenen Verträge, umgestoßen werden könnten. Die Verhandlungen, die letztlich zur Triple- bzw. Quadrupelallianz führten, fanden jeweils unter dem Aspekt der offiziellen Kabinettspolitik und dem der Verfolgung geheimer dynastischer Interessen statt. Mit dem Bündnis wollte Orléans eine Wiederbelebung der Allianz von 1701 (England, Österreich, Niederlande) verhindern und seine Anerkennung als Regent erreichen. Während der Regent zu einer Allianz mit England neigte, sprach sich der "alte Hof" in Versailles für ein Bündnis mit Spanien aus. Nach längeren Verhandlungen schlossen sich England, die Niederlande und Frankreich zu einer Tripleallianz zusammen, der sich Österreich in der Quadrupelallianz anschloß. Zum ersten Mal in der französischen Geschichte gingen Frankreich und Österreich ein Bündnis ein. Eine Umkehrung der außenpolitischen Bündnispolitik wurde eingeleitet, die unter Ludwig XV mit dem "Renversement des alliances" fortgesetzt wurde und in der Ehe zwischen Ludwigt XVI und Marie Antoinettte gipfelte.

Ausblick

Durch das Bündnis mit England und Habsburg , das Orléans aus eigennützigen Motiven eingegangen war und das die Zeitgenossen auch so verstanden und als "antibourbonisch" interpretierten, schaffte der Regent es, Frankreich aus der, seit 1701 bestehenden, außenpolitischen Isolation herauszuführen. Außenpolitisch wies der Regent Wege auf, die bahnbrechend für das kommende Jahrhundert werden sollten. Innenpolitisch gab er dem Parlament Rechte, die es im Laufe der nächsten Jahrzehnten weiter ausbauen konnte. Der Streit zwischen Parlament und Krone eskalierte im Laufe der Jahrzehnte zusehends und mündete letztlich in die Revolution von 1789.

Literatur: Mager, W.: "Frankreich von Ancien Régime zur Moderne, Wirtschafts-Gesellschafts- und

politische Institutionsgeschichte 1630-1830", Stuttgart 1830

Soulié, M: "Autour du Régent", Paris 1933