Das Pogrom in der "Kristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 hat laut damaligen Berichten 267 Synagogen erfasst, an die Zivilisten Feuer gelegt hätten. 25.000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, 7.500 jüdische Geschäfte sowie unzählige jüdische Wohnungen verwüstet. Die Zahl der ermordeten Juden gab die NSDAP-Führung mit 35 an. Das waren jedoch Untertreibungen. Die wirklichen Opfer konnten bis heute nicht ermittelt werden, liegen jedoch mit Sicherheit höher. Die meisten Historiker gehen von 97 Toten aus. Als Rechtfertigung für den Gewaltakt nahmen die Nationalsozialisten das am 8. November in Paris verübte Attentat von Herschel Grünspan auf einen deutschen Legationssekretär.
Organisierte Aktion
Im Verlauf der verharmlosend als "Reichskristallnacht" bezeichneten Ausschreitungen wurden jüdische Synagogen, Wohnungen, Geschäfte und andere Einrichtungen hauptsächlich durch Brandanschläge zerstört. Der angeblich dem entfesselten Volkszorn entspringende Angriff war in Wahrheit eine von NSDAP und SA durchorganisierte Aktion, bei der keineswegs nur Fensterscheiben zerstört wurden, wie der Begriff Kristallnacht suggeriert. Zahlreiche Gebäude waren nach der Gewaltnacht abbruchreif.
Racheakt für deportierte Familie
Die meisten Bürger verfolgten die Geschehnisse passiv, manche entrüstet, einige halfen auch Betroffenen. Absurd erschien aber schon damals vielen die Behauptung einer „Verschwörung des Weltjudentums“. Ein 17-jähriger Junge schien nicht das geeignete Werkzeug für eine Weltverschwörung. Grünspan wollte, wie er bei den Verhören den französischen Behörden gegenüber immer wieder betonte, die Deportation seiner Familie aus Deutschland zurück nach Polen rächen, von der er kurz vor der Tat durch einen Brief erfahren hatte. Er hatte zu diesem Zweck spontan einen Revolver erworben und nicht etwa – was ein viel größeres Aufsehen erregt hätte – den deutschen Botschafter in Paris erschossen, sondern einen unbedeutenden Legationssekretär, zu dem er bei seiner Vorsprache in der Botschaft zufällig geführt worden war.
Auftakt der Judenverfolgung
Die "Reichskristallnacht" bildete den signalkräftigen Auftakt zu den systematischen Maßnahmen der Judenverfolgung und -vernichtung in Deutschland (Holocaust). Zahlreiche Juden verließen - wie von den Nationalsozialisten anfänglich noch gewünscht - das für sie unbewohnbar gewordene Land meist in Richtung Amerika oder Palästina. Viele andere blieben und wurden so häufig Opfer der als ,,Endlösung" beschriebenen Ausrottungsstrategie.
Staatliche Eingriffe waren nur selten erforderlich, da die Unternehmer und Geschäftsinhaber aus ,,Selbsterhaltungstrieb" oder freiwillig alle ,,politisch Untragbaren" und besonders alle Juden fristlos kündigten. Am 17. und 18. März 1938 meldeten bereits einige Großkaufhäuser in Zeitungsannoncen, dass sie judenrein, alle nicht-arischen Angestellten dingfest gemacht, verhaftet oder entlassen worden seien. In der Tat kam es 1938 zu keinen weiteren derartigen Zwischenfällen. Um so schrecklicher und unmenschlicher arbeitete dafür aber zwischenzeitlich die Maschinerie der SS.
