
- Venedig - Markusturm und Dogenpalast - Alfred Jäkel / pixelio.de
Der Legende nach waren die Veneter ein Stamm aus dem Nordosten Italiens. Diese römischen Bündnispartner entsprangen dem Volk der Eneter, die aus Kleinasien im Zuge der Zerstörung Trojas nach Italien einwanderten. Die Veneter standen also in mythischer Tradition der Römern, waren diese doch angeblich die überlebenden Trojaner unter der Führung Aeneas'. Ihre Geschichte begann jedoch erst im 6. Jahrhundert, als das Rom des Aeneas schon Jahrhunderte darniederlag.
Venedig: Gründung und Aufstieg
Soviel zum Mythos. Fest steht, dass Venedig von Flüchtlingen gegründet wurde, die sich vor den einfallenden Langobarden (ab 568) in Sicherheit bringen wollten. Dabei gab die Lagune die nötige Sicherheit, besaßen die Langobarden doch keine Flotte. Nicht nur einfache Fischer und Landleute, sondern auch Gelehrte, Geistliche und Patrizier siedelten sich auf den Inseln der Lagune an. Die Bewohner der Lagune waren dem Exarchen von Ravenna unterstellt und gehörten damit zum oströmischen Staatsgebiet. Doch schon sehr früh entstanden Konflikte zwischen den "Lateinern" und "Griechen". Als der oströmische Kaiser 726 die Bilderverehrung verbot, stand ganz Italien auf. Die Bewohner der Lagunenstadt wählten einen eigenen Herrscher und gaben ihm dem Kaiser zum Trotz den Titel Konsul (Hypatos). Der Kaiser musste diesen als lokalen Machthaber anerkennen, verlor er doch langsam aber sicher die Kontrolle über die Adria. Als 751 Ravenna den Langobarden zum Opfer fiel, rührten die Venezianer keinen Finger. 764 wählten sie erneut eine "dux" (Anführer) , aus diesem Titel entstand später der des "Dogen".
Venedig und das Frankenreich
Als das Langobardenreich 774 von Karl dem Großen geschluckt wurde, brachen in der Lagune interne Kämpfe aus. Sollte man Karl folgen oder oströmisch bleiben? 805 brachte Karl Venedig offiziell unter seine Oberhoheit, doch die Venetianer blieben gespalten. 810 zerstörte die oströmische Partei eine fränkische Flotte. Die Franken behielten das Festland. Die Inseln, auf denen die Stadt heranwuchs, mussten sie jedoch sich selbst überlassen. 813 verzichteten die Franken offiziell auf die Oberhoheit über Venedigs. Drei Faktoren bestimmten die weitere Geschichte der Seerepublik: Der Ausgleich zwischen dem Heiligen Römischen Reich im Westen und den Byzantinern im Osten, zum Zweck der Erringung und Wahrung der eigenen Unabhängigkeit, der Ausbau eines riesigen Handelsnetzes in der Levante und die Wahrung der Vorherrschaft auf dem Mittelmeer.
Aufstieg Venedigs zur Seemacht: Salz, Glas und eine mächtige Flotte
Die Grundlage ihres Reichtums rangen die Venetianer dem Meer ab. In zahllosen Salinen gewannen sie Salz, mit dem sie allerorts Handel trieben. Wie wichtig das Salz war, zeigt sich in der Gründung einer eigenen Behörde, dem magistrato al sal, die das staatliche Salzmonopol überwachte und steuerte. Die andere Spezialität Venedigs war seit jeher die Glasbläserei, deren Geheimnis eifersüchtig gehütet wurde, sodass die Lagunenstadt keine Konkurrenz fürchten musste.
Für einen florierenden Handel, benötigt man sichere Wege. Zu diesem Zweck wurde eine eine gewaltige Werftanlage betrieben. Zur Hochzeit beschäftigte das Arsenal 16.000 Schiffszimmerleute, Segelmacher, Waffenschmiede, Bleigießer, Seiler und Bäcker. Letztere waren für die Herstellung von Zwiback zuständig. Die daraus resultierende staatseigene Flotte errang eine unvergleichliche Machtstellung im östlichen Mittelmeerraum.
Der vierte Kreuzzug und die Plünderung Konstantinopels
Im 12. Jahrhundert wurde Ostrom abhängig vom venezianischen Handel. Je reicher die Seerepublik wurde, desto ärmer wurde Byzanz. Deshalb begann Byzanz Handelsvorteile und Zusicherungen der Vergangenheit zu ignorieren. 1171 gipfelte dies in der Gefangennahme aller Venezianer und der Einzug derer Vermögen im Reich. 1202 kam es zum vierten Kreuzzug und Venedig verpflichtete sich, die Kreuzzügler zu transportieren. Außerdem sollten sie 50 Kriegsschiffe beisteuern. Doch ein Thronprätendent der gestürzten Kaiserdynastie der Angeloi bat die Kreuzfahrer um Unterstützung in der Rückübernahme der Macht in Konstantinopel. So segelten die Kreuzzügler anstatt nach Jerusalem zum Bosporus und zogen 1203 in das bis dahin nie eroberte Konstantinopel ein. Als die versprochene Belohnung ausblieb, machten sich die Kreuzfahrer an die Plünderung der Stadt und teilten die kolossale Beute unter sich auf. Venedig erhielt koloniale Besitzungen in Griechenland, unter anderem die Insel Kreta.
Venedigs Handelsimperium um 1400
Die Kaufleute Vendigs versorten ganz Europa mit all den Waren, die dort nicht zu bekommen waren. Sie besaßen das Handelsmonopol mit der arabischen Welt. Von hier importierten sie Färbemittel, Flachs, Baumwolle, Gewürze, Seide und andere exotische Güter. Um 1400 besaßen sie Handelsniederlassungen in Konstantinopel, Nordafrika (u.a. Tunis, Tripolis, Alexandria), auf Zypern und im Heiligen Land und Besitzungen auf dem südlichen Peleponnes (Modon und Koron), Euboia vor der Ostküste Griechenlands, mit der beseftigten Hauptstadt Negroponte, Kreta, Korfu, Zante und Kephalonia und Tenedos in den Dardanellen. Saloniki unterstellte sich freiwillig dem venezianischen Schutz und durch eine Heirat fiel auch Zypern an die Seerepublik.
Konflikt mit den Osmanen
Im 15. Jahrhundert litten die Venezianer unter der Expansion des Osmanenreiches. 1430 fiel Saloniki, 1470 ging das reiche Euböa verloren, 1478 mussten die Venezianer einen Diktatfrieden akzeptieren, der neben Gebietsabtretungen auch eine jährliche Tributzahlung von 10.000 Dukaten vorsah. Der Tod Mehmets des Eroberers verschaffte den Venezianern eine Atempause. Doch die astronomisch steigenden Preise für Pfeffer, Nelken, Ingwer und Seide und all die anderen Schätze des Orients erschwerten den venezianischen Händlern den Handel. Zum gleichen Zeitpunkt entdeckten die Portugiesen den Seeweg nach Indien, der Anfang vom Ende der Großmachtstellung war eingeläutet.
“Niedergang” der Republik
Die Portugiesen brachten jene exotischen Güter des fernen Ostens überraschend günstig nach Europa. Sie schalteten die arabischen Zwischenhändler aus und beendeten die Monopolstellung der Seerepublik im Orienthandel. Die Entdeckung Amerikas verlagerte zudem den Handel nach Westen, das Mittelmeer verlor seine Bedeutung für die Weltwirtschaft. Venedig erhielt lange Zeit seine Vormachtstellung in der Adria und behauptete seine Souveränität und seine Besitzungen und die Wirtschaft wechselte vom Handel zum Geldverleih und zur Verwaltung vom Grundbesitz im Hinterland. Beispielsweise kam das Geld der Schweden während des Dreißigjährigen Krieges aus Venedig. Doch nach dem Verlust Zyperns verlor man auch Kreta an die Osmanen. Trotzdem wäre es falsch, von einem Niedergang der Seerepublik zu sprechen, vielmehr stagnierte Venedig. Es blieb weitere Jahrhunderte sehr reich, wurde jedoch von anderen Großmächten überholt. Der politische Abstieg sorgte jedoch für eine kulturelle Blüte. Erst 1797 endete die politische Unabhängigkeit.
Quellen:
- Dumler, Helmut: Venedig und die Dogen, Winkler 2001.
- Heller, Kurt: Venedig. Recht, Kultur und Leben in der Republik, Böhlau 1999.
- Rösch, Gerhard: Venedig. Die Geschichte einer Seerepublik, Kohlhammer 2000.
