Etwa 45 Mio. männliche Küken werden jedes Jahr in Deutschland direkt nach dem Schlüpfen getötet. In den Zuchtstationen für Legehühner landen alle geschlüpften Küken zunächst auf einem Fließband, dort werden sie dann von sogenannten Chicken-Sexern nach Geschlecht sortiert. Die männlichen Küken werden entweder mit Kohlendioxid erstickt und an Zootiere verfüttert oder auf grausame Weise geschreddert. Tierschützer klagen dies als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz an, aber auch viele Ökoverbände plädieren für eine Veränderung dieses Zustands.

Warum werden die Hähnchen getötet?

Bis zu den 50er Jahren war die Rollenverteilung des Geflügels klar geregelt: Die männlichen Küken wurden zu Brathähnchen, die weiblichen zu Legehennen und später vielleicht zum Suppenhuhn. Mittlerweile jedoch haben die Züchter sich den Bedürfnissen der Industrie angepasst und das Geflügel in zwei Kategorien eingeteilt: Die Legehybride sollen mehr als 300 Eier pro Jahr legen, während die Masthybride innerhalb von fünf Wochen ihr Schlachtgewicht erreichen sollen. Übersteigerte Legeleistung zum einen und enormes Wachstum zum anderen erfordern völlig unterschiedliche Züchtungen, sodass diese sich genetisch weit voneinander entfernt haben. In den Mastställen können zwar weibliche und männliche Küken gehalten werden, in den Legebetrieben stattdessen sind die Hähnchen jedoch ohne Nutzen: Sie können keine Eier legen und durch die Art der Züchtung eignen sie sich auch nicht als Fleischlieferanten.

Veränderung ist dringend gefordert

Nicht nur Tierschützer verlangen ein Ende der Tötungen, sondern auch Ökoverbände wie Demeter oder Bioland setzen sich für Alternativen ein. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass viele Öko-Landwirte von denselben Zuchtstationen Küken beziehen wie die konventionellen Händler. Die Öko-Hennen haben zwar ein glücklicheres Leben, ihre männlichen Geschwister allerdings hatten genauso wenig Glück wie alle anderen "Legehähnchen". Mit dem Ideal der Öko-Landwirtschaft ist diese Maßnahme nicht zu vereinbaren. Erste Reaktionen zeigen sich auch seitens der Politik: Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) stellte im Februar 2011 einen 38stufigen "Tierschutzplan" vor, in dem ein Stopp für die Tötung von Eintagsküken bis 2013 vorgesehen ist. Das Tötungsverbot ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, stellt an sich aber keine Lösung des Problems dar.

Mögliche Lösungen

An der Universität Leipzig versuchen Forscher derzeit eine Methode zu entwickeln, die es möglich macht, das Geschlecht schon im Ei erkennen zu können. Die Tötung in diesem Stadium wäre mit dem Tierschutzgesetz vereinbar und für Züchter und Landwirte wäre keine größere Umstellung nötig. Ob und wann eine solche Methode allerdings sicher funktioniert und in bezahlbarer Form angewendet werden kann, ist alles andere als gewiss. Einige Biobauern hingegen ziehen auch die männlichen Küken groß, um sie als Schlachtvieh zu nutzen. Weil die Haltungs- und Futterkosten sich dadurch aber erhöhen und sich das Fleisch schlecht verkaufen lässt, lohnt sich dies für die Bauern nicht unbedingt. Andere Landwirte gehen deshalb wieder dazu über, Zweinutzungsrassen zu halten, bei denen auf die alte Rollenverteilung zurückgegriffen wird. Hochleistungshühner sind das dann aber selbstverständlich auch nicht.

Erstmal bei sich selbst anfangen

Für den Tierschutz ist die Haltung und Züchtung von Zweinutzungsrassen die verträglichste Lösung, für Züchter und Bauern allerdings würde dies eine komplette Umstellung und damit enorme Kosten bedeuten. Zudem würde die gleiche Menge Hühner dann viel weniger an Fleisch und Eiern produzieren. Hier muss der Verbraucher also zuerst wieder an sich selbst appellieren: Eier und Geflügelprodukte sollten in Maßen und nicht in Massen gegessen werden. Der verantwortungsvolle Konsum von Tierprodukten ist eine Grundvoraussetzung für eine Veränderung in den Produktionsbetrieben.

Quelle:

Greenpeace Magazin. Ausgabe 5.2011