Die richtige Haltung im Zazen

In der Zen-Meditation fließen Körper und Geist zusammen

Zazen - Zusammenfluss von Körper und Geist. - Nina Hawranke
Zazen - Zusammenfluss von Körper und Geist. - Nina Hawranke
Die korrekte Sitzweise im Zazen, der Zen-Meditation, unterstützt nicht nur das Samadhi, sondern beugt auch Gesundheitsschäden vor.

Wohl jeder Zen-Übende kennt das Problem, zumindest aus seiner Anfangsphase des Zazen, des „Zen-Sitzens“: Die richtige Haltung zu finden, die es einem ermöglicht, die Meditationsphase einigermaßen schmerzfrei zu bewältigen. Wer nicht die Möglichkeit hat, Zazen unter professioneller Anleitung praktizieren zu können, muss sich oft mit dem geschriebenen Wort behelfen, um sich die richtige Sitzweise anzueignen. Da ein Großteil der im Westen erhältlichen Zen-Literatur vor allem die Philosophie erläutert, sich aber nur wenig bis unzureichend mit der Praxis befasst, bleibt vielen Zazen-Übenden die richtige Körperhaltung unklar, was zu Fehlhaltungen führen kann. Und so hat sich mancher damit abgefunden, dass Schmerzen, Verspannungen und schlimmstenfalls sogar Muskelkrämpfe zum Zen-Alltag mit dazu gehören. Aber ist das wirklich so? Nein, sagt der Zen-Lehrer Katsuki Sekida.

Ebenfalls „nur“ geschriebenes Wort, aber dafür ein Werk, das sich ganz der Praxis des Zazen verschrieben hat, ist das Buch „Zen-Training – Praxis, Methoden, Hintergründe“ (Freiburg im Breisgau: Herder, 2009) des Japaners Katsuki Sekida, der jahrzehntelang an vielen Orten der Welt Zen-Unterricht gegeben hat. Sekida beschreibt nicht nur detailliert die korrekte Haltung und Atmung und verknüpft die Praxis mit den philosophischen Hintergründen des Zen, sondern erläutert auch den oft verkannten Zusammenhang zwischen richtiger Position, harmonischer Atmung und Samadhi.

Die einzig richtige Sitzweise gibt es nicht

Grundvoraussetzung für die Zen-Meditation ist eine Matte oder eine zusammengefaltete Decke, auf der das Sitzkissen (Zafu) liegt. Das Sitzkissen ruht unter dem Gesäß und nicht unter den Oberschenkeln, während die Knie auf der Matte aufliegen. Mehrere Haltungen sind möglich: Bei der vollen Lotushaltung (Kekka Fuza) werden die Beine gekreuzt und die Füße auf den jeweils entgegengesetzten Oberschenkel gelegt, während die Knie die Matte berühren; das Körpergewicht wird von Knien und Gesäß gleichermaßen getragen. Bei der halben Lotushaltung (Hanka Fuza) wird nur einer der Füße auf den jeweils anderen Oberschenkel gelegt, während der andere Fuß untergeschoben wird. Bei der burmesischen Haltung liegen die Füße mit dem Fußrücken auf der Sitzmatte, wobei auch hier die Knie die Matte berühren. Ungeübte oder körperlich Eingeschränkte können auch eine vierte Sitzhaltung einnehmen, bei der man sich rittlings auf das Kissen setzt und das Körpergewicht auf Knien und Gesäß trägt.

Die Hände ruhen mit nach oben gewandten Handflächen vor dem Unterleib, etwas unterhalb des Bauchnabels, wobei entweder die rechte Hand unter der linken liegt und sich die Daumen an den Spitzen berühren oder aber der Daumen der einen Hand von der Handfläche der anderen umschlossen wird.

Balance zwischen Spannung und Entspannung finden

Um eine gerade, aufrechte Position zu gewährleisten, ist es – unabhängig von der jeweiligen Sitzhaltung – wichtig, dass Hüften und Gesäß korrekt ausgerichtet sind. Dafür werden die Hüften nach vorn „gekippt“ und das Gesäß nach hinten geschoben – der Bauch wird also herausgedrückt. Durch diese Haltung wird der Großteil des Körpergewichts von der Region unterhalb des Bauchnabels getragen, dem so genannten Tanden. Die Konzentration der Spannung im Tanden sorgt für physische wie geistige Stabilität und generiert nach Sekida „spirituelle Stärke“. Die Wirbelsäule ist dabei, von der Seite betrachtet, keineswegs kerzengerade, sondern wölbt sich über Schulterblatt und Gesäß nach außen und in Höhe von Nacken und Taille nach innen. Der Kopf wird aufrecht gehalten, das Gesicht weist leicht gesenkt nach vorn, das Kinn ist ein wenig eingezogen, das Genick ist ebenfalls etwas nach vorn geneigt.

Den entspannten Gegenpart zum angespannten Unterleib übernehmen Brust und Schultern. Diese sollte man locker sinken lassen, ohne jedoch in seiner aufrechten Haltung einzuknicken. Um dies zu erreichen, empfiehlt es sich, zu Beginn des Zazen die Hände auf die Knie zu legen und tief auszuatmen – dadurch fallen Schultern und Brust praktisch von allein in eine entspannte Haltung.

Schon minimale Fehlstellungen verursachen Probleme

Häufige Fehlstellungen und nachfolgende körperliche Beschwerden ergeben sich oft aus einer asymmetrischen Haltung. Diese kann minimal sein, und meist ist sie dem Übenden, gerade dem allein Übenden, nicht bewusst. Doch „eingeschlafene“ Beine oder Pobacken und Verspannungen in Nacken oder Rücken verdankt man häufig der Tatsache, dass der Rumpf oder Kopf zur Seite geneigt ist, das Körpergewicht auf dem falschen Punkt ruht oder eine Schulter stärker abgesenkt wird als die andere. Selbst kleinste Unregelmäßigkeiten können zu Problemen führen, da der Körper durch die Anspannung entgegenwirkender Muskelpartien versucht, die Schieflage auszugleichen – und schon schmerzt der Nacken oder verkrampft die Schulter. Wer Zazen alleine ausübt und daher niemanden bitten kann, seine Haltung einer kritischen Prüfung zu unterziehen, kann sich mit entblößtem Oberkörper vor einen Spiegel setzen und so seine Sitzhaltung selbst korrigieren.

Gerade anfangs mögen Schmerzen nicht gänzlich zu vermeiden sein; neben einem allmählichen Fortschreiten vom halben zum vollen Lotossitz empfiehlt es sich, auch die Länge der Meditationsphasen langsam zu steigern - beispielsweise zunächst nach 15, später nach 20 oder 30 Minuten erst einmal Kinhin, einige Minuten Gehmeditation, einzuschieben, bevor die nächste Meditationsphase angegangen wird. Fortgeschrittene Zazen-Praktizierende berichten von einem Zustand vollkommener geistiger, konzentrierter Klarheit bzw. Leere, in dem körperliche Schmerzen einfach nicht mehr wahrgenommen werden. Bis dahin gilt es nach Sekida, "ganz nüchtern [zu] üben und noch mehr [zu] üben".

Richtige Körperhaltung schafft richtige Geisteshaltung

Dieses Richtmaß muss jedoch nicht in jedem Fall die Idealhaltung darstellen. Jeder sollte individuell in sich hineinfühlen und ergründen, was für ihn falsch oder richtig ist. Für Menschen mit einer verkrümmten Wirbelsäule beispielsweise gelten andere Voraussetzungen – sie würden gerade durch eine gänzlich symmetrische Körperhaltung Probleme bekommen. Auch sich in eine bestimmte Sitzhaltung zu zwingen, ist nicht im Sinne des Zazen, denn es geht darum, mit der Körperhaltung die Grundlage für die richtige Geisteshaltung zu schaffen und nicht darum, sich selbstbeherrscht durch eine gymnastische Folter zu quälen. Wer sich also auf einem Stuhl am wohlsten fühlt, dem steht bei dieser Wahl der Mittel nichts entgegen. Was zählt, ist, mit seiner Übung die Wachheit des Geistes zu unterstützen.

In der Praxis des Zen sind Körper und Geist untrennbar, indem sie sich gegenseitig zuarbeiten, um das „reine Dasein“ nicht nur in der Theorie, sondern unmittelbar in der Praxis erfahrbar zu machen. Erst Körper und Geist im Zusammenspiel vermögen es, sich gegenseitig im Samadhi zu sublimieren, und so ist die intensive körperliche Übung der geistigen gleichgestellt, denn, wie Katsuki Sekida es ausdrückt, erst die „Stille des Körpers [führt] zur Stille des Geistes“.

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Nina Hawranke - Nina Hawranke ist Übersetzerin, Journalistin und Zen-Übende. Sie ist gern an Orten, deren Dach allein der Himmel ist. Dort ...

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