
- Mitglieder der großen Ritterorden um 1200 - Sabine Peitz
Kampf und Krieg – diese Begriffe widersprechen der christlichen Glaubenslehre eigentlich zutiefst, doch bereits im 6. Jahrhundert war es erlaubt, “Heiden” durchaus auch mit Gewalt in den Schoß der heiligen Mutter Kirche zu führen. Seinen besonderen Ausdruck fand die Verbindung von kriegerischen mit kirchlich-mönchischen Idealen einige Jahrhunderte später in Gestalt der geistlichen Ritterorden, die prägend dazu beitrugen, ein ritterliches Selbstbewusstsein und somit erst ein eigentliches Rittertum überhaupt erst hervorzubringen. Der Ursprung dieser Gemeinschaften liegt in der Zeit der Kreuzzüge.
Kampf für den Glauben
Im Laufe des 11. Jahrhunderts, nachdem die Bedrohung Westeuropas von außen weitgehend nachgelassen hatte, versuchte die römische Kirche, die ständige Gewaltbereitschaft der Berufskrieger zu kanalisieren. Der Aufruf zum ersten Kreuzzug war Teil dieser Bemühungen und gab der Kriegerschaft die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten für ein christlich-moralisch legitimiertes Ziel einzusetzen: der Kampf für den Glauben, die Eroberung der heiligen Stätten der Christenheit von den Moslems.
Die Templer
Nach der Errichtung der christlichen Fürstentümer im Heiligen Land und der Heimkehr der meisten Kreuzfahrer standen die neuen Herren vor dem Problem, mit einer stark ausgedünnten Streitmacht die Handels- und vor allem die Nachrichten- und Pilgerwege zu schützen.
Diese Aufgabe übernahmen bald kleine Gruppen von Freiwilligen. Aus einer dieser Gruppen entwickelte sich der erste der großen Ritterorden: die “Ritter vom Tempel des Salomon”. Dieser Orden, kurz die “Templer” genannt, war im Jahr gegründet 1120 worden und benannt nach seinem Ordenshaus in Jerusalem. Dieses stand auf dem Gelände des Felsendoms, also auf dem Terrain des ehemaligen jüdischen Tempels. Seine Mitglieder schworen, nicht nur die Gläubigen zu beschützen, sondern auch die mönchischen Regeln der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit zu beachten.
Der Johanniterorden
Bald folgten andere Gemeinschaften diesem Vorbild der "Mönchskrieger". Der zweite große Orden ging aus einem Hospital in Jerusalem hervor, das circa 1070 gegründet worden und dem heiligen Johannes von Alexandria geweiht war: die “Hospitaliter” oder “Johanniter”. Etwa ab 1130 übernahm diese Gemeinschaft neben den medizinischen auch militärische Aufgaben.
Der Deutsche Orden
Als letzter der drei großen geistlichen Ritterorden wurde 1190, während der Belagerung Akkons durch die Heere des dritten Kreuzzuges, der “Deutsche Orden” gegründet. Auch er war zunächst eine Gemeinschaft, die sich der Krankenpflege gewidmet hatte. 1199 wurde der “Orden vom Haus der Deutschen der Heiligen Maria zu Jerusalem” offiziell vom Papst als Ritterorden anerkannt.
Alle drei Orden waren nicht nur im Heiligen Land vertreten, sondern hatten umfangreiche Besitzungen in Europa. Von hier wurden die Truppen versorgt: mit neuen Männern und mit Nachschub.
Neue Betätigungsfelder
Nach dem Fall Akkons und dem endgültigen Ende der Kreuzfahrerstaaten 1290 gerieten die großen Orden in eine tiefe Krise. Am schlimmsten traf es die Templer. Da ihnen Philipp der Schöne, König von Frankreich, große Summen schuldete und sie deshalb zudem unter die Anklage der Ketzerei und Häresie gerieten, wurde der Orden vom Tempel Salomons im Jahr 1314 verboten. Seine führenden Mitglieder wurden in Frankreich hingerichtet.
Die Johanniter zogen sich zunächst nach Zypern, später nach Rhodos zurück, wo sie sich bis 1523 halten konnten. Nach dem Verlust der Insel an die Türken erbat der Orden vom spanischen König Karl V. die Insel Malta, die ihnen 1530 übertragen wurde. Ihre Vormachtstellung im Mittelmeer behielten die Johanniter, die sich nun “Malteser” nannten, bis zur Eroberung Maltas durch die Truppen Napoleons im Jahr 1797. Der Malteserorden und sein protestantischer Ableger, der sich weiterhin Johanniterorden nennt, widmen sich heute karitativen Zielen.
Der Deutsche Orden hatte sich bereits im 13. Jahrhundert ein zweites Betätigungsfeld gesucht. Er gründete in Ostpreußen einen Ordensstaat, der sich in seiner Blütezeit von Pomerellen und der Weichsel bis ins Baltikum erstreckte. Doch im 15. Jahrhundert geriet der Deutsche Orden zunehmend in Schwierigkeiten. Im Jahr 1525 schließlich wandelte Hochmeister Albrecht von Brandenburg aus der Familie der Hohenzollern die preußischen Teile des Ordensstaates in eine weltliche Herrschaft um und unterstellte sich dem polnischen König. Die Grundlage für das spätere Königreich Preußen war geschaffen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts mussten auch die baltischen Teile des Ordensstaates aufgegeben werden. Nur in Deutschland und später in Österreich bestand und besteht der Orden als heute rein geistliche Gemeinschaft weiter.
Ritterelite: die weltlichen Ritterorden
Für die weltlichen Ritterorden stand wohl der Ehrentisch des Deutschen Ordens Pate. Während der so genannten “Kreuzzüge” gegen die Litauer hatte der Deutsche Orden die Ritterschaft Europas eingeladen, an den Kämpfen teilzunehmen. Die angesehensten dieser Ritter wurden zum Abschluss des Feldzuges an die Tafel des Hochmeisters eingeladen. Hier wurde das ritterliche Ideal gefeiert. Die Einladung an diese Tafel wurde zum Maßstab für die Ritterschaft. Mit der Stiftung der weltlichen Ritterorden gründeten die Fürsten ähnliche elitäre Gemeinschaften unter ihrem eigenen Einfluss.
Der älteste dieser Ritterorden dürfte der “Orden von der Schärpe” sein, etwa 1330 von König Alfons XI. von Kastilien gegründet. Einer der bis heute jedoch wohl wichtigsten Orden ist der “Orden vom Hosenband”, englisch “The most honorable order of the Garter”, 1348 von König Edward III. von England ins Leben gerufen. Er wurde vermutlich in Anlehnung an die im 14. Jahrhundert blühenden Turniergesellschaften gegründet. So sitzen sich noch heute im Chorgestühl der Ordenskirche in Windsor zwei gleich große Parteien mit jeweils zwölf Mitgliedern gegenüber, eine geführt vom König selbst, eine geführt vom Prinzen von Wales, dem Thronerben.
Der “Orden vom Goldenen Vlies”, französisch “l’Ordre de la Toison d’Or”, 1429 von Phillip dem Guten von Burgund gegründet, war stets auf 31 Ritter beschränkt. Im krassen Gegensatz hierzu steht der “Sternenorden”, 1351 gewissermaßen als Gegenstück zum englischen Hosenbandorden von König Johann von Frankreich ins Leben gerufen. Die Zahl seiner Mitglieder ging in die Hunderte.
In den nachfolgenden Jahrhunderten setzte eine regelrechte Inflation der Ritterorden ein. Beinahe jeder kleine Fürst sah sich genötigt, seinen eigenen Orden zu gründen, sodass sie nach Dutzenden gezählt werden können.
Von der Gemeinschaft zum Abzeichen
Im deutschen Sprachgebrauch wird mit dem Begriff „Orden“ heute das Abzeichen bezeichnet, das ursprünglich einem Ritter beim Eintritt in seine Gemeinschaft verliehen wurde. In England jedoch wird man noch heute mit dem Ritterschlag in einen Orden aufgenommen.
Literatur
Alain Demurger: Die Ritter des Herrn, Verlag C. H. Beck, München 2003.
Maurice Keen: Das Rittertum, Albatros-Verlag, Düsseldorf 2002.
