
- Eisbärin und Junge - Peter Sterns
Erfolgreiche Eisbären (Ursus maritimus) können bis zu 30 Jahre alt werden. Erfolgreich bedeutet, dass sie auf neue Lebensbedingungen reagieren können, sich ausreichend ernähren und fortpflanzen. Faszinierend sind die Maßnahmen der Weibchen, die das gewährleisten.
Die Geschlechtsreife der Eisbären
Eisbären werden mit etwa fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif. Ab 20 Jahren geht die Fruchtbarkeit der Weibchen deutlich zurück. Das potentielle Höchstalter von Eisbären in freier Natur wird auf 25 bis 30 Jahre geschätzt. Der bisher älteste Eisbär, Debby im Zoo Winnipeg, wurde hingegen 42 Jahre alt. Eisbärinnen sind nur während des dreiwöchigen Östrus empfängnisbereit. (Östrus= bei Säugetieren die Zeit erhöhter sexueller Aktivität. Während des Östrus geschieht der Eisprung.) Das ist im April, Mai. Die Besonderheit allerdings ist, dass sich die befruchteten Eier aber erst viel später in der Gebärmutterwand ein nisten.
Biologische Besonderheit bei der Befruchtung
Das befruchtete Ei „wartet“ im 64-Zellstadium am Ende des Eileiters. Erst wenn die Weibchen ausreichend Fettreserven besitzen, um die Schwangerschaft und die Kräfte raubende Stillzeit zu überstehen, nistet es sich im September/Oktober in die Gebärmutter ein.
Es kommt damit zu einer zwei bis drei Monate dauernden eigentlichen Tragzeit. Dies ist ein natürlicher Schutzvorgang; falls die werdende Mutter durch Nahrungsmangel im Sommer zu sehr aus gehungert ist, wird das Ei vor der Einnistung resorbiert und die Trächtigkeit abgebrochen. Die Methode der verzögerten Einnistung (Nidation) und die Resorbierung der Embryonen hat sich auch bei anderen Säugetieren, die in extremen Bedingungen leben, als erfolgreich erwiesen: zB: Murmeltiere oder auch der Große Panda.
Die Anzeichen, dass eine Eisbärin ein Winterlager baut, bedeuten also in den meisten Fällen Junge.
Die Wahl des Winterlagers
Eisbärinnen sind sehr heikel bei der Wahl ihrer Höhle. Eine Eisbärin sucht am liebsten eine Stelle, wo sich schon im Herbst Schneewehen sammeln, im Windschatten eines Bergkammes etwa. Man hat allerdings auch schon beobachtet, dass sie sich einschneien lässt und erst anschließend mit dem Bau ihrer Höhle beginnt. Die Höhle muss sturm- und lawinensicher sein. Sie gräbt einen Eingangstunnel, der 1,5 bis 3 Meter lang ist und einen Durchmesser von etwa 70 cm hat. Am Ende des Tunnels, der leicht ansteigt, gräbt sie die Schlafhöhle. Dieses Höhlensystem hat außerdem ein Belüftungsloch, das sie von Zeit zu Zeit säubert.
Da die Bärin in diesem Winterlager Fett statt Proteine abbaut, gibt es kaum Ausscheidungsprodukte und die Höhle ist sauber. Ab und zu nimmt sie ein Maul von Schnee zu sich, sonst zieht sie auch das nötige Wasser aus ihren Fettreserven. Die Wärme der Höhle kann sie mit ihrem Körper und dessen Wärmeabstrahlung regulieren. Eine Schwelle zum Ausgang und eine ausreichende Dicke der Decke gewährleisten eine gleichmäßige Höhlen-Temperatur von 0°.
Die Geburt der kleinen Eisbären
Die Geburt der Jungen erfolgt dann nach einer kurzen Zeit der Winterruhe zwischen November und Januar, also im Winter. Sie verlassen diese Geburtshöhle mit ihren Jungen erst etwa vier Monate später. In der gesamten Zeitspanne lebt die Eisbärin nur von ihren Fettreserven. Die Jungen, meist zwei, kommen blind, taub, mit kaum schützendem Haar zur Welt, etwa 450 g schwer. Die Bilder des kleinen Eisbären Knut zeigten uns die Zerbrechlichkeit dieser neugeborenen Wesen. Die Bärin kann ein Junges locker zwischen den Zehen ihrer Vordertatzen halten.
In der totalen Abgeschlossenheit der Höhle, nur der Atem und die Wärme der Mutter als erste Begleitung, erkämpfen sie ihr Leben. Während der nächsten Wochen ernähren sie sich von der extrem nahrhaften Muttermilch. Die sahnige Muttermilch hat einen Fettanteil von 33 % und ist sehr proteinreich.
Nach etwa 24 Tagen beginnen die Jungen zu hören und zu sehen. Sobald die Jungen mobil werden, erweitert die Eisbärin die Höhle, manchmal sogar um eine zusätzliche Kammer.
Der erste Ausgang der Eisbärin mit den Jungen
Erst Ende März, Anfang April taucht sie, je nach Wetterlage und dem Zustand ihrer Kleinen, aus dem Winterlager auf. Sie sind dann bereits 10 bis 15 kg schwer. Die ersten Tage knabbert sie nur an Flechten, wälzt sich im Schnee um ihr Fell auf zu frischen und lässt die Jungen einfach nahe dem Höhleneingang spielen, während sie sich in der Sonne wärmt.
Diese Tage sind für die Entwicklung der koordinativen Fähigkeiten der Jungen wichtig. Erst wenn sie geschickt genug sind, kann sich die Eisbärin mit ihnen auf die Wanderschaft begeben und frische Nahrung besorgen. Ebenso müssen die Jungen lernen ihre Befehle „kommen“ oder „bleiben“ zu verstehen und zu befolgen. Dann beginnt der mühevolle und gefährliche Weg zum Packeis und frischer Nahrung für die ausgehungerte Mutter. Während der Wanderung zum Packeis finden häufige Pausen statt, in denen die Jungen gesäugt werden.
Dieser Weg kann zwischen einer knappen Tagesreise und mehreren Tagen liegen. Dann muss sie für sich und die Jungen provisorische Höhlen bauen. Am offenen Meer angelangt beginnt die Zeit des Lernens für die Jungen.
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Quellen: Barry Lopez: Arktische Träume, btb, Juni 2000
Fotonachweis: Safarizoo Fasano/Italien, Peter Sterns, Tiergarten Schönbrunn
