Die Rolle der Kirche im Jahr 1989

Die evangelische Kirche in der DDR

1989 spielte die ostdeutsche Kirche eine entscheidende Rolle. Sie bot Oppositionellen Schutz. Aber sie wollte sie auch ausbremsen.

1989, das war das Jahr der Revolution, des Umbruchs. In der DDR hatte die Kirche immer eine besondere, nämlich eine untergeordnete Rolle gespielt. Nun konnte sie zu alter Stärke zurückfinden, die ihr das sozialistische System in den letzten 50 Jahren auszutreiben versucht hatte.

Die Kirche war im Herbst 1989 kein Tonangeber, sondern Manager. Ihr wurde diese Rolle zugetragen, weil sie viele Kontakte hatte knüpfen können und in der Bevölkerung als moralische Instanz respektiert war. Immer noch. Oder trotz der Bemühungen der SED-Führung.

Opposition in Kirchengebäuden

Teilweise wirkte sie den Protesten der aufbegehrenden Bevölkerung aber auch entgegen: Zusammen mit der SED, die sich anfangs gegen jede Reform sperrte, versuchte die Kirchenleitung, einen „Dritten Weg" auszuarbeiten, einen „verbesserbaren Sozialismus", den die Straße und die Kirchenbasis allerdings nicht mehr beschreiten wollten.

In kirchlichen Gebäuden hatte sich die Opposition die Jahre zuvor gesammelt. Von denselben Gebäuden startete 1989 der Protest gegen die SED, der das ganze System zum Einsturz bringen sollte. Denn die freie Religionsausübung war in der Verfassung immer noch zugesichert, deshalb existierte auch ein (eingeschränktes) Recht auf Versammlungsfreiheit. In einem Pfarrhaus gründete sich am 40. Jahrestag der DDR die Ost-SPD. Und egal ob Erfurter Dom oder Leipziger Nikolaikirche - die Zentren des sich sammelnden Widerstandes waren Kirchenhäuser. Die Friedensgebete, die in immer mehr Kirchen montags gehalten wurden, wurden zu Keimzellen des Massenprotestes. Mit Mahnwachen oder Gottesdiensten gelang es, immer mehr Menschen, die keine christliche Vergangenheit besaßen, anzusprechen.

Kirche zwischen den Stühlen

Die Kirche trat als Vermittler auf; an der Spitze der Protestzüge, an denen auch viele Christen teilnahmen, war sie ebenso zu finden wie im Gespräch mit den Sicherheitsbeamten am Rande. Am 7. Dezember 1989 trat der Runde Tisch in Berlin das erste Mal zusammen - auf Einladung und Moderation der Kirche. Allerdings hatte die Kirchenleitung noch die Reformierung der DDR im Kopf, als auf den Straßen bereits „Wir sind ein Volk" gerufen wurde.

Die Kirche stand also zwischen den Stühlen. Sie war auf der einen Seite inzwischen fest ins sozialistische System eingewachsen und forderte aus dieser Sicht Besonnenheit, seit September 1989 immerhin milde Reformen. Auf der anderen Seite hatte sie den Oppositionellen, die nun die Straße bevölkerten, in den vergangenen Jahren Schutz geboten. Die wichtige Funktion der Kirche war spätestens mit der Wirtschafts- und Währungsunion im Sommer 1990 vorbei. Nun konnte sie sich um sich selbst kümmern, schloss sich ein Jahr später wieder der Evangelischen Kirche Deutschlands, aus der sie Jahre zuvor hatte austreten müssen, an.

Doch die Auswirkungen der SED-Kirchenpolitik sind bis heute spürbar. Sei es gemessen an der geringen Zahl der Gläubigen in den neuen Bundesländern, sei es wegen der Erinnerung und eines neuen Booms der Jugendweihe. Die war 1954 von der SED als atheistisches Gegenmodell zur Konfirmation eingeführt worden.

Dennis Schmidt, Dennis Schmidt

Dennis Schmidt - Von der Schülerzeitung zur Lokalzeitung zu Suite 101, so kann der Weg gehen, zumindest bei Dennis Schmidt aus Korbach. Dabei stand am ...

rss