Die Rolle des Führungsspielers im deutschen Fußball

Es gibt zur Zeit kaum eine Fußball-Expertenrunde, die sich nicht mit der aktuellen Führungsspieler-Debatte befasst.

Die von Oliver Kahn ausgelöste Diskussion um fehlende Führungsspieler im deutschen Spitzenfußball und die damit verbundene Kritik an Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm hat eine Welle von Reaktionen in den Medien ausgelöst. Da theoretisiert Matthias Sammer bei Sport1 und Sky minutenlang über die Rolle des Führungsspielers, da jagt in Sport Bild und anderen Sportmagazinen ein Dementi das andere, da schwärmen Nostalgiker von den glorreichen alten Zeiten mit legendären Führungsspielern wie Fritz Walter, Paul Breitner, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus, Wolfgang Overath oder Stefan Effenberg. Dabei lässt sich die Streitfrage doch kurz und bündig beantworten: Führungsspieler waren zu allen Zeiten notwendig, nur der Typus des "Leaders" hat sich - wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt - analog zum Zeitgeist verändert.

Die Führungsspieler der Nachkriegsgeneration

Nach dem Zweiten Weltkrieg verkörperte Fritz Walter als Mann der leisen Töne und Primus inter Pares den Führungsspieler der Nachkriegsgeneration, der als verlängerter Arm des Trainers seine Aufgabe darin sah, innerhalb der Mannschaft bedingungslosen Zusammenhalt, gegenseitigen Respekt und unbedingten Siegeswillen als vorrangige Werte zusammenzuführen. Das hing natürlich auch mit den Erfahrungen der Nachkriegsgeneration zusammen. Im zerstörten Deutschland begann der Wiederaufbau , der von der Bevölkerung Tugenden wie Durchsetzungsvermögen, Gemeinschaftssinn und die unbedingte Zuversicht, bestehende Probleme lösen zu können, verlangte. Spieler wie Fritz Walter, Maxl Morlock, Hans Schäfer, Ottmar Walter oder etwas später Uwe Seeler verinnerlichten diese Geisteshaltung und setzten sie auch auf dem Spielfeld erfolgreich um.

Führungsspieler in der Zeit des Wirtschaftswunders

Der Aufstieg Deutschlands zu einem Wirtschaftswunderland bewirkte, dass eine Generation heranwuchs, die selbstbewusst auftrat und Bescheidenheit nicht mehr uneingeschränkt als eine Zier ansah, so dass sich ein wachsendes Anspruchsdenken bei den jungen Eliten zeigte. Neben dem immer noch vorhandenen Bewusstsein, nur gemeisam stark zu sein, entwickelte sich eine Individualität, die zunehmend das persönliche Image, den eigenen Anteil am Erfolg gewürdigt wissen wollte, aber auch bereit war, dafür mehr persönliche Verantwortung zu übernehmen. Im Fußball steht Franz Beckenbauer für diese Generation von Führungsspielern. Es wäre zu Zeiten Sepp Herbergers undenkbar gewesen, dass ein Spielführer (Franz Beckenbauer) nach einer peinlichen Niederlage (0:1 bei der WM 1974 gegen die DDR) den Bundestrainer (Helmut Schön) partiell entmachtet, etablierte Spieler (Uli Hoeneß) aus dem Kader verbannt und das Spielsystem verändert. Natürlich ging es Beckenbauer damals um den Erfolg der Mannschaft, aber er handelte mindestens genauso stark aus Eigeninteresse. Diesen Typus von Führungsspieler verkörperten auch Günther Netzer, der sich bekanntlich 1973 im Pokalendspiel gegen den 1. FC Köln selbst einwechselte und das Siegtor erzielte, Wolfgang Overath und Paul Breitner.

Zunehmende Kommerzialisierung im Spitzenfußball

Die ersten Vorboten einer wachsenden Kommerzialisierung auch im deutschen Fußball zeigten sich schon am Beispiel von Günter Netzer und Paul Breitner, die nicht nur aus Interesse an einer neuen Sprache und Kultur 1973 beziehungsweise 1974 zu Real Madrid gewechselt waren. Der zunehmende kommerzielle Einfluss auf den Fußball wirkte sich auch auf die Einstellung der Spitzenspieler aus. Lothar Matthäus, ein typischer Vertreter dieser Generation, vermittelte zwar nach außen immer noch den Eindruck, das Logo seines Vereins FC Bayern im Herzen zu tragen, in Wirklichkeit aber bestimmten doch handfeste materielle Interessen seine Entscheidung,1988 zu Inter Mailand zu wechseln. Er erfüllte zwar auch bei seinem neuen Club die Anforderungen, die man an einen Führungsspieler stellen muss, damit eine Mannschaft optimalen Erfolg hat, im Vordergrund aber stand der persönliche Erfolg. Wichtig war diesem Typus von Führungsspieler, über den Erfolg des Vereins den eigenen Marktwert zu erhöhen, also von Spitzenclubs aus Italien, Spanien oder England lukrative Angebote zu bekommen und einträgliche Werbeverträge abschließen zu können. So zögerten Führungsspieler wie Karl-Heinz Rummenigge, Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann, Andy Brehme oder Rudi Völler nicht, ihren Stammverein zu verlassen. Dennoch waren sie für den alten und den neuen Club wertvolle Führungsspieler, verhalfen sie doch mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten den Vereinen zu nationalen und internationalen Erfolgen.

Die These von den flachen Hierarchien

Berti Vogts hat mit seiner Aussage "Die Mannschaft ist der Star!" bei der Europameisterschaft 1996 der Diskussion um die Rolle des Führungsspielers eine neue Richtung gegeben. Viele Trainer wie zum Beispiel Jürgen Klopp, Ralf Rangnick oder Lucien Favre folgen inzwischen dieser Philosophie der flachen Hierarchien, stellen also die Mannschaft als Kollektiv in den Mittelpunkt und glauben auf dominante Führungsspieler verzichten zu können. Und der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben, wie man am Beispiel des BVB in der vergangenen Saison sehen konnte.

Fragt sich nur, ob auch Vereine, die langfristig Erfolg haben wollen, auf Spieler verzichten können, die in kritischen Situationen sich nicht im Kollektiv verstecken, sondern die Ärmel hochkrempeln, Zeichen setzen und Verantwortung übernehmen. Sollte sich die Philosophie der flachen Hierarchien durchsetzen, wird es diesen erfolgsbesessenen Führungsspieler alter Prägung vielleicht nicht mehr geben. Keinen Franz Beckenbauer, der 1970 mit einem Arm in der Schlinge das Halbfinale gegen Italien durchgestanden hat, keinen Dieter Hoeneß, der im Pokalfinale 1982 mit blutdurchtränktem Kopfverband ein entscheidendes Tor erzielte, keinen Wolfgang Weber, der 1965 mit gebrochenem Wadenbein das Europapokalspiel des 1.FC Köln gegen den FC Liverpool zu Ende gespielt hat, und keinen Jens Jeremies, der trotz fünf Knieoperationen und fast unerträglichen Schmerzen im Finale der Champions League 2001 wesentlich zum Sieg des FC Bayern beigetragen hat.

Klar ist aber auch, dass inzwischen eine Generation herangewachsen ist, die nicht mehr bereit ist, sich so ohne Weiteres unter das Diktat etablierter Spieler zu stellen, sondern selbstbewusst Ansprüche formuliert.

Quellen:

Focus-Online

Who´s Who - The People Lexikon

Heinz Bayer - Ruhestand - endlich Zeit, meine Leidenschaft für das Schreiben voll auszuleben! Ich habe zwar während meiner beruflichen ...

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