Mit dem Begriff der Metropole ist es so eine Sache. Es kommt dabei weniger darauf an, ob man sich als Stadt selbst als eine solche sieht. Vielmehr hängt es davon ab, wie eine Stadt im Rest des Landes bzw. im Ausland als eine solche wahrgenommen wird.
Berlin hat sich in den vergangenen 20 Jahren seit dem Mauerfall extrem verändert und erfährt international ein stetig wachsendes Ansehen. Als Reiseziel wird die Stadt ebenso stetig beliebter. Davon zeugen schon die seit vielen Jahren aufs neue steigenden Übernachtungszahlen in Berlin. Die Gründe dafür sind vielfältig. Seine aufgrund der politischen Änderungen veränderte geopolitische Lage in Europa, die es mehr in die Mitte Europas rücken ließen, sowie die daraus folgende wirtschaftliche Bedeutung sind ein Grund. Weitere Gründe sind die Geschichte der Stadt und deren Zeugnisse sowie die Kreativszene der Stadt und das reichhaltige Angebot an Gastronomie und Kultur. Tatsächlich dürfte es weltweit kaum eine andere Stadt geben, die einen vergleichbaren Wandel während der letzten Jahrhunderte erlebt hat, und zwar nach oben wie nach unten.
Schwierige Anfänge als Residenzstadt
Seine Bedeutung erlangte Berlin mit dem Aufstieg Preußens zur Hegemonialmacht in Europa. Gerade in seinen Anfängen war Berlin jedoch weit entfernt davon, eine Metropole zu sein. Obwohl es Berlin beispielsweise zur Zeit als Doppelstadt im Verbund mit Cölln wirtschaftlich wahrlich nicht schlecht ging und Berlin zeitweilig auch Mitglied der Hanse war, hatte Berlin politisch wenig an Ausstrahlung. Berlin war lange Zeit eine eher kleine und bescheidene Residenzstadt, die im Landesinneren und abseits der großen Ströme lag. Von einer Lagegunst konnte erst dann gesprochen werden, als Berlin - bedingt durch die Industrialisierung, durch die Entwicklung der Verkehrssysteme und durch den Aufstieg Preußens - zum Mittelpunkt des transkontinentalen Eisenbahnnetzes wurde. Sowohl wirtschaftlich als auch im Stadtbild hinterließ die Industrialisierung dauerhaft ihre Spuren.
Die Industrialisierung und ihre Auswirkungen auf das Berliner Stadtbild
Die breiten Bahnkörper und Gleisanlagen aus dieser Zeit sind bis heute im Berliner Stadtbild präsent. Berlin wurde zur Industriestadt. Firmen wie Borsig, Engells, Wöhlert, die AEG und Schering bauten in Berlin große Niederlassungen auf. Frühere fahrende Handwerkergesellen gingen zu Tausenden in die neuen Fabriken, ebenso wie eine große Anzahl neuer Hilfsarbeiter. Ein weiterer Umstand war ,dass Berlin 1871 die Hauptstadt des vereinten Deutschen Reiches wurde. Berlin erfuhr einen großen Zuzug an Arbeitskräften und ein enormes, stetiges Bevölkerungswachstum. Städtebaulich wurde mit der Umsetzung des Hobrecht-Planes reagiert, der eine dichte Bebauung mit Mietshäusern vorsah. Die Berliner "Mietskasernen" waren geboren. Dies brachte zwar die allermeisten Zugezogenen in mehr oder weniger billigen Wohnraum, führte jedoch bald zu unglaublich beengten und ärmlichen Wohnverhältnissen mit einer hohen Kindersterblichkeit. Während der durch den Ersten Weltkrieg verursachten Hungerjahre wirkten sich diese in den gewachsenen Arbeitervierteln Wedding, Neukölln, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg besonders drastisch aus. Im Zentrum und im Westen der Stadt dagegen entwickelten sich schon damals eine Kreativszene und eine Partyszene, die ihresgleichen suchten und in denen man sich amüsierte wie sonst nur an wenigen Orten auf der Welt.
Großberlin und die Entwicklung bis 1945
1920 wurden durch die Eingemeindung von Spandau, Rixdorf, Steglitz und vieler anderer umliegender Gemeinden die heutigen Berliner Stadtgrenzen gezogen. Dies machte den Weg frei für eine weitere städtische Bebauung wie etwa in Neukölln und Tempelhof. Weitere Mietskasernen entstanden, aber auch markante und heute noch vorhandene Wohnsiedlungen wie beispielsweise die Siedlung Grazer Damm in Berlin- Friedenau. Berlin sollte architektonisch auf seine angedachte Rolle als Welthauptstadt Germania vorbereitet werden. Der Zweite Weltkrieg und seine Bombardements, letztendlich sein Ausgang machten diese Pläne relativ frühzeitig zunichte. Ende des Zweiten Weltkrieg galt Berlin international weitgehend als Hauptstadt von Nazi- Deutschland und als der Sitz des abgrundtief Bösen.
Zwei Zentren - Teilung der Stadt und ihre Folgen
Während der Zeit der Teilung wurde Westberlin zur Frontstadt im nunmehr kalten Krieg, eine Enklave, eine Insel der Freiheit inmitten des anderen deutschen Staates. Diese zog durch ihren Sonderstatus als Land der Bundesrepublik Deutschland und aufgrund ihrer politisch- geographischen Lage vermehrt junge Kreative, Künstler und Alternative an. Berlin wurde wieder interessant, und zwar im positiven wie im negativen Sinne. Den Kriegsschäden wurde in beiden Stadtteilen in großem Maße mit Hilfe von Kahlschlagsanierungen und später der Errichtung großer Hochhaus- und Plattenbauten vorwiegend in äußeren Bezirken begegnet. Auch bildeten sich mit der City West und der Gegend um den Alexanderplatz in Ostberlin zwei Stadtzentren, die sich auch 20 Jahre nach dem Mauerfall bemerkbar machen. Als neues, mittiges Zentrum wurde die vorherige Brachfläche Potsdamer Platz neu gestaltet, hat aber aus der Sicht vieler Berliner Bewohner und Besucher das Flair eines wirklichen Stadtzentrums bis heute nicht wirklich erreichen können - trotz immer wiederkehrender kultureller Großereignisse wie der dort alljährliche stattfindenden Berlinale.
Die Stadt ist durch ihre veränderte geopolitische Lage zum idealen Sprungbrett nach Osteuropa, vor allem nach Polen, geworden. Berlin wurde 1999 wieder Regierungssitz und findet von Jahr zu Jahr mehr internationale Beachtung. Zweifellos ist die Stadt wieder eine Weltmetropole - für einen "Global Player" fehlen ihr jedoch als Stadt schlichtweg die Wirtschaftskraft und die Finanzausstattung.
