
- Paul von Hindenburg - tannenberg 1914.de
Befürworter einer Wahl des deutschen Bundespräsidenten durch das Volk werden von Gegnern dieser Direktwahl immer noch auf die unrühmliche Rolle hingewiesen, die vor 80 Jahren der vom Volk gewählte Reichspräsident, nämlich Paul von Hindenburg, beim Untergang der Weimarer Republik und damit der ersten deutschen Demokratie gespielt hat. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wer dieser Paul von Hindenburg war und was ihn zu seinem verhängnisvollen Handeln bewogen hat.
Der Werdegang Paul von Hindenburgs
Paul von Hindenburg wurde 1847 in Posen geboren und schlug früh die Offizierslaufbahn ein. Er beteiligte sich im Jahr 1866 an der Schlacht von Königgrätz im „Deutschen Krieg“ und 1870/71 an der Schlacht von Sedan im Deutsch-Französischen Krieg. Zum Schluss war er kommandierender General in Magdeburg und nahm 1911 seinen Abschied vom Militärdienst. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 trat Hindenburg wieder in den Militärdienst ein und wurde Oberbefehlshaber der 8. Armee. Nach Siegen über die Russische Armee in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen wurde er zum Generalfeldmarschall ernannt und übernahm zusammen mit General Erich Ludendorff die Oberste Heeresleitung. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zog sich Hindenburg wieder in den Ruhestand zurück. In der 1919 entstandenen Weimarer Republik hatte er daher zunächst kein Amt inne.1925 drängten jedoch das nationalistische und das konservative Parteilager den mittlerweile 77-Jährigen, der selbst keiner Partei angehörte, als ihr Kandidat bei der Wahl zum Reichspräsidenten anzutreten. Sie erhofften sich davon bessere Wahlchancen, da Hindenburg im Volk sehr beliebt war. Nach anfänglichem Zögern kam Hindenburg dieser Bitte nach und gewann die Wahl im 2. Wahlgang mit 48,3 Prozent der Wählerstimmen vor dem Kandidaten der Weimarer Koalition (SPD, DDP und Zentrum) Dr. Wilhelm Marx, für den 45,3 Prozent der Wähler votierten. 1932 gewann Paul von Hindenburg auch die Wiederwahl, da sich alle demokratischen Parteien, auch die SPD, hinter ihn gestellt hatten, um die Wahl des NSDAP-Kandidaten Adolf Hitler zum Reichspräsidenten zu verhindern. Paul von Hindenburg war damit nach Friedrich Ebert der zweite und letzte Reichspräsident der Weimarer Republik und das erste und bisher einzige deutsche Staatsoberhaupt, das durch Volkswahl ins Amt gelangte.
Von Hindenburg als geistiger Brandstifter – die Dolchstoßlegende
Am 18.November 1919 wurde Hindenburg zusammen mit Ludendorff vor einen Untersuchungsausschuss des Reichstages geladen, der die Vorgänge beim Kriegsausbruch prüfen und feststellen wollte, ob das Reich Friedensmöglichkeiten während des Krieges unbeachtet gelassen hatte. Vor diesem Ausschuss propagierte Hindenburg im stillschweigenden Konsens mit Ludendorff die sogenannte „Dolchstoßlegende“. In dieser Verschwörungstheorie wurde behauptet, Deutschland sei auf den Kriegsfeldern selbst unbesiegt geblieben und hätte den Krieg nur deshalb verloren, weil Sozialdemokraten und andere linke Gruppen, statt das Militär in der Heimat zu unterstützen, diesem mit einem „Dolch in den Rücken gefallen“ wären. Damit war die Novemberrevolution von 1918 gemeint, durch die der Krieg beendet und das Deutsche Reich von einer konstitutionellen Monarchie in eine parlamentarisch-demokratische Republik umgewandelt worden war. Hindenburg verschwieg dabei, dass er und Ludendorff selbst nach der gescheiterten Sommeroffensive von 1918 den Krieg für verloren gehalten und die Reichsregierung am 29. September 1918 ultimativ aufgefordert hatten, Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen. Mit seiner Aussage vor dem Untersuchungsausschuss täuschte Hindenburg somit bewusst die Öffentlichkeit und schuf die Basis für die Diskriminierung der Demokratie und ihrer Vertreter als "Novemberverbrecher“. Die Dolchstoßlegende war eine dauerhafte Belastung für die Weimarer Republik.
Die Endphase der Weimarer Republik
Als Staatsoberhaupt fühlte sich Hindenburg trotz monarchistischer Grundeinstellung an die republikanische Verfassung gebunden und hielt sich deshalb an die demokratischen Prinzipien der Weimarer Republik, allerdings nur bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise von 1929. Unter dem Eindruck der sich immer mehr verschlechternden ökonomischen Lage ernannte Hindenburg mehrere Reichskanzler ohne Konsultationen mit den im Reichstag vertretenen Parteien und etablierte damit ein autoritäres, über den Parteien stehendes Präsidialsystem. Gleichzeitig wurden die Nationalsozialisten bei Wahlen immer stärker. So votierten bei der Wahl des Reichstages am 31. Juli 1932 44% der Wähler für die NSDAP. Die restlichen Parteien waren nicht in der Lage, dagegen eine Mehrheit zu bilden. Es kam im Reichstag sogar zu Abstimmungen, bei denen die Kommunisten mit den Nazis stimmten, um eine Regierungsmehrheit zu verhindern. Am 30. Januar 1933 ernannte schließlich Hindenburg Adolf Hitler als den Vorsitzenden der stärksten Partei zum Reichskanzler.
Die Motive von Hindenburgs
Für den Historiker Wolfram Pyta war die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, auch wenn die damalige politische Lage sehr kompliziert war, dennoch nicht alternativlos. So zwang, wie Pyta betont, die Reichsverfassung den Reichspräsidenten keineswegs, den Chef der stärksten Partei im Reichstag zum Kanzler zu machen. Das heißt: Hindenburg war frei in der Auswahl „seines“ Kanzlers. Allerdings hatten die beiden Reichskanzler vor Hitler, Franz von Papen und Kurt von Schleicher, den nationalsozialistisch dominierten Reichstag – so Pyta - gegen sich aufgebracht, so dass Hindenburg eine Grundsatzentscheidung treffen musste, nämlich zwischen einer Regierungsbildung, die auf den Reichstag Rücksicht nahm und die folglich nur mit einem Kanzler Hitler denkbar war, und einer Regierungsbildung mit einem anderen Kandidaten, der gegen das Parlament hätte regieren müssen. Auch diese Möglichkeit ist Pyta zufolge Hindenburg offeriert worden. Sie hätte allerdings seine Bereitschaft erfordert, notfalls einzelne Verfassungsbestimmungen zu umgehen. So hatte Franz von Papen den Plan entwickelt, den Reichstag einige Monate zu beurlauben und inzwischen eine neue Verfassung auszuarbeiten, während gleichzeitig die Reichswehr gegen die NSDAP eingesetzt werden sollte. Dass Hindenburg diese Alternative nicht in Betracht zog, ist – folgt man Pyta - nicht auf eine Scheu Hindenburgs vor einem Verfassungsbruch zurückzuführen, sondern auf eine bewusste Entscheidung für Hitler, entsprang also einem rationalen Kalkül. Das heißt: Hindenburg verband mit der Kanzlerschaft Hitlers die Hoffnung, dass dieser seine Vision von einer „Volksgemeinschaft“ verwirklichen könnte. Außerdem wollte er weiterhin als Regisseur im Hintergrund die Fäden ziehen. Durch die Unterzeichnung des sogenannten Ermächtigungsgesetzes im März 1933 hat er dann jedoch nicht nur das Parlament, sondern auch sich selbst entmachtet.
Insgesamt gesehen war Paul von Hindenburg ein Mann, der zeit seines Lebens seinen monarchistischen, anti-demokratischen Grundüberzeugungen treu geblieben ist. Die Prinzipien der Weimarer Reichsverfassung hat er nur aus Pflichtgefühl respektiert, und auch nur so lange, wie es ihm opportun erschien. In der Krise hat er dann „sein wahres Gesicht“ gezeigt.
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