Die Rolle von Medien und Kommunikation im Arabischen Frühling

TV, Radio und Zeitungen der arabischen Revolte - Loay Mudhoon
TV, Radio und Zeitungen der arabischen Revolte - Loay Mudhoon
Mit Facebook und Twitter hat sich die arabische Jugend und Gesellschaft politischen Wandel erkämpft und gleichzeitig medialen Teamgeist bewiesen.

Der Fernsehsender Al-Dschasira feiert im November 2011 sein 15-jähriges Bestehen und damit die kritische Debatte in der arabischen Welt. Obwohl der Sender 2001 die Botschaften bin Ladens ausstrahlte und sich seitdem oft als Sprachrohr islamischen Fanatismus anprangern lassen musste, stand die Berichterstattung auch immer im Zeichen revolutionären Aufbegehrens gegen die herrschenden Autokraten. Weltweit kauften Medieninstitutionen dem panarabischen Sender seine Bilder und Videobotschaften nach dem 11. September ab: Al-Jazeera ist aus der internationalen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken und wurde in Blogs zum europäisch-islamischen Verhältnis bereits als „medialer Gewinner der Anschläge vom 11. September 2001“ bezeichnet. Neben den altbewährten Massenmedien wie TV, Radio und Zeitungen hat aber vor allem der Boom der sozialen Netzwerke zur politischen Entwicklung in Nordafrika und Nahost beigetragen.

Im Hier und Jetzt: Vorteile sozialer Netzwerke im arabischen Frühling

Der größte Vorteil von Online-Kommunikation wie durch Twitter und Facebook ist ihre Unmittelbarkeit. Kein langes Vereinbaren, kein ständiges Email-checken – eine Botschaft ist schnell an tausende Leser versandt und macht somit eine unabdingbare Grundlage des Erfolges der arabischen Aufstände aus: Erstmals konnten Proteste dezentral und doch gleichzeitig organisiert werden, ohne dass sich die Nachricht von einem Protest über die Tagesmedien in mehrere Landesteile verbreiten musste

Auf diese Art hätte es vielleicht jedes Mal Tage oder Wochen gedauert, bis Bewohner außerhalb der Hauptstädte nicht nur von Protesten erfahren, sondern viel wichtiger: gleichfalls Proteste organisiert hätten. Gleichzeitig wird die häufig von Regierungen auferlegte Zensur umgangen, die sich entweder durch die Gesetzgebung oder aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Zeitungen von ihren Geldgebern ergibt. „Arabische Zeitungen gehören entweder einer Regierung, einem Vertrauten der Regierung oder einer politischen Partei“, erklärt US-Kommunikationswissenschaftler Lawrence Pintak, der ein Journalismus-Programm in Kairo leitete.

Soziale Netzwerke bieten außerdem einen unabgeschlossenen Kommunikationsraum. Das birgt einerseits Risiken, zieht man den Schutz der Privatsphäre von Diskussionsteilnehmern in Betracht – nicht umsonst hat sich in Deutschland eine Debatte um Online-Kommunikation unter einem Pseudonym entfacht. Ein digitaler Marktplatz, auf dem jedem eine Stimme verliehen wird, schien aber in den arabischen Staaten wie ein Befreiungsschlag. Sonja Hegasy, Vize-Direkorin des Berliner „Zentrum Moderner Orient“ (ZMO) weist darauf hin, dass die arabische Welt entgegen der geläufigen Annahme keinesfalls einen toten Punkt auf der Landkarte der kulturellen Globalisierung darstellt: Die Zahl der Internetnutzer hat sich dort seit 2000 mehr als verzwanzigfacht und liegt bei etwa 33,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dies bietet fruchtbaren Nährboden für allem für die junge Generation, die sich – nicht nur in der arabischen Welt – nach dem Austausch mit Gleichgesinnten sehnt: grenzenlos und doch jederzeit mit der Möglichkeit, sich dem Gespräch zu entziehen.

Das Wunderbare am social networking ist dabei das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein und gleichzeitig Individualität nicht nur zu wahren, sondern bis ins Detail auszuleben und öffentlich darzustellen. Verlockend ist das gerade, wenn weite Teile des Privatlebens junger Menschen oft bis ins intimste Detail durch die allumfassende Religion des Islam geregelt werden. Laut Hegasy bildete sich in den arabischen Staaten allerdings trotz omnipräsenter Religion eine beachtliche Jugendkultur, die neben den ansonsten für den Arabischen Frühling als einflussreich diagnostizierten Mobilisierungsformen – Nichtregierungsorganisationen, Bündnisse am Arbeitsplatz oder Nachbarschaftsgruppen – für Aufbruchstimmung sorgte.

Massenmedien und Popkultur in den arabischen Staaten

„Langsam und nicht ohne Rückschläge, aber am Ende unaufhaltsam beanspruchen junge Menschen 'private' Freiheitsräume, die ihre soziale Einstellung beeinflussen: Die Vorstellungen zur Beziehung von Staat, Gesellschaft und dem Individuum, die zuvor über Generationen hinweg akzeptiert wurden, verändern sich – das Internet ist das Medium, durch das sich dieser Wandel am lebhaftesten zeigt“, schätzt der Islamwissenschaftler Albrecht Hofheinz die Bedeutung der neuen Medien in den arabischen Staaten ein. Auch die Populär- und Unterhaltungskommunikation steht der westlichen in nichts nach: Klassische Formate wie Talent- und Quizshows, aber auch moderne Literatur prägen das Medienbild.

Hegasy beschreibt beispielsweise die Realityshow „Stars of Science“ aus Katar, bei der die besten nahöstlichen Nachwuchswissenschaftler gesucht werden. Die vier Gewinner teilen sich ein Preisgeld von 600.000 US-Dollar. Inspiriert von einer Talentserie feiern auch „Arabs got Talent“ oder „Arab Idol“ große Erfolge – was aber nicht als Zeichen für das fortlaufende Kopieren westlicher Kulturphänomene missinterpretiert werden sollte. Die arabische Unterhaltungskultur wendet sich natürlich in erster Linie an ein arabisches Publikum, seine spezifischen Inhalte genau zu stilisieren, fällt westlichen Wissenschaftlern schwer und könnte leichtfertig künstlerische Intentionen der arabischen Welt verkennen, warnt der Kulturethnologe Walter Armbrust, der seit 20 Jahren über Modernität und Massenmedien forscht.

Popkultur ist immer auch ein Stilbruch, der gleichzeitig neue Normen auferlegt. Vor allem steht sie aber im Dienst der Herausbildung von Identität, fordert Mut zum Selbstausdruck und dem Überdenken konventioneller Handlungsformen. Europäische Medien haben ihren Blick auf die arabische Entwicklung zu lange nur auf die Religion und die dunklen Seiten des islamischen Extremismus gerichtet. Kulturelle Entwicklungen der letzten 20 Jahre kommen langsamer ans Licht. Sie haben aber dazu beigetragen, dass die Aufstände und massiven politischen Auswirkungen des „Arabischen Frühlings“ überhaupt stattfinden konnten. Und der hat nicht nur lange regierende Despoten, sondern auch die ganze westliche Welt wachgerüttelt. Uns bleibt da wohl vorerst, den „Gefällt mir“-Button anzuklicken: Denn soziale Medien in so effektiver Art für politische Zwecke zu nutzen, das muss den jungen Arabern erstmal jemand nachmachen.

Quellen:

  • Von Randow, Gero: Mit Facebook und Scharia. In: DIE ZEIT. Nr. 43/2011, S. 10.
  • Hegasy, Sonja: „Arabs got Talent“: Populärkultur als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Nr. 39/2011, S. 40-45.
  • Schmidt, Janek: Die gedruckte Revolution. Medien in der arabischen Welt. / sueddeutsche.de, 27. 4. 2011
  • Fittkau, Ludger: Die Stimme des arabischen Frühlings. / dradio.de, 1. 11. 2011
Lisa Böttinger, Lisa Böttinger

Lisa Gianna Böttinger - Liebe suite101-Autoren, verehrte Leser! Als Absolventin des „Bachelor of Arts in Publizistik- und ...

rss