Die Rückkehr der Film-Attraktion

Saw - 2004 Saw Productions, Inc.
Saw - 2004 Saw Productions, Inc.
Tom Gunning hat das Frühe Kino als das "Kino der Attraktionen" bezeichnet. Seit den 1990ern erleben wir eine Wiederauferstehung des Sensationellen im Film.

Wenn hier von einer Rückkehr der Attraktion gesprochen wird, so sind Wesenszüge des heutigen Films gemeint, in denen die Filmattraktion eine neue Blüte erlebt. Nicht, dass sie nicht auch vorher schon vorhanden gewesen wäre; auf die Attraktion wurde weiterhin als Filmmittel gesetzt − man denke nicht zuletzt an Sergej M. Eisensteins Konzept der Attraktionsmontage. Es geht an dieser Stelle vielmehr darum, auf einen Knotenpunkt verschiedener Tendenzen hinzuweisen, die auf unterschiedlichen Wegen ein kontemporäres Kino der Attraktionen formieren.

Zur Darstellung der Attraktion

Seit dem Ende der 1990er Jahren kann eine Tendenz zur Darstellung der katastrophalen, sensationellen, gewaltsamen Attraktion beobachtet werden. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang Filme verschiedener Genres, so die Scream-Reihe (1996-2011), Filme von Roland Emmerich, insbesondere 2012 (2009) und The day after tomorrow (2004), Jackass 3D (2010), die Saw- und die Hostel-Filme. Ebenso lassen sich Filme wie The fast and the furious (2001) und Transformers (2007) dieser Richtung zurechnen. Sie alle bauen auf die Sensation und die Attraktion − freilich mit gänzlich verschiedenen Zielen, obwohl diese Gemeinsamkeit unleugbar vorhanden ist.

Gewalt als Attraktion

In Scream wird die Verfolgungsjagd gefeiert − und zugleich selbstreflexiv verhandelt. Im Horrorfilm nimmt sie eine wichtige Stellung ein. In der Reihe von Wes Craven wird sie ihrer Länge nach ausgereizt und überspitzt sowie gleichermaßen mit Slapstick-Elementen angereichert. Ebenfalls dem Genre des (Neo-)Horrors zuzuordnen sind Saw (2004) und Hostel (2005) als diejenigen Filme, die den Gewaltakt als Attraktion gestalten (so auch eine Reihe von Remakes). Dies äußert sich in den extremen Gewaltdarstellungen, sowohl was die Verzweiflung der Figuren vor der schier ausweglosen Situation, aus der sie sich nur selbst befreien können (Saw), als auch was das Zeigen von Blut, Gedärmen und anderen körperbezogenen Dingen anbelangt. Auch Jackass 3D behandelt Gewalt. Der Humor des Films (und der gleichnamigen Sendung auf MTV) speist sich aus der Schadenfreude. Um die Schadenfreude wiederum zu nähren, gehen die Darsteller teils gefährliche, teils ekelerregende Stunts ein. Sendung und Film bestehen ausschließlich aus diesen Stunts. Sie stellen eine Attraktion dar, eine übergeordnete Erzählung existiert nicht.

Die Maschine als Attraktion

In The fast and the furious und Transformers wird der Maschine gehuldigt. Sie wird dadurch zur Sensation, dass sie − anders als in Terminator (1984) oder Matrix (1999) − selbst Gegenstand der Betrachtung wird. Auffallend ist in beiden Filmen die Vielzahl an Einstellungen, die die Maschine zeigen, aber auch die farben- und ausstattungsreiche Präsenz der Maschinen selbst.

Die Katastrophe als Attraktion

Roland Emmerich hat in mehreren Filmen die Katastrophe zur Sensation gemacht. In beiden genannten Filmen ist deutlich zu merken, wie die Geschichte zugunsten von Explosionen, Hauseinstürzen, extremen Wetterphänomenen usw. in den Hintergrund rückt. Allen hier genannten Filmen gemein ist die Abhängigkeit von der Kinoleinwand. Denn (nur) auf ihr können sie ihre Wirkung entfalten.

Zur 3D-Attraktion

Auffallend ist der (vermeintliche) Siegeszug der 3D-Technik im Kino. Auch sie stellt eine Sensation dar, die den ersten Jahrmarktbuden und den darauffolgenden Kinos nicht unähnlich ist: scheinbar geht es um die Darstellung des Darstellungsaktes, die ihrerseits zu einer Sensation wird. Selbstverständlich ist der Boom um die 3D-Technik mit dem Boom um das Heimkino zu begründen, das Kino ‚buhlt‘ sozusagen um seine Zuschauer. Interessanterweise tritt diese Entwicklung ganz offen zutage, so dass dem (Kino-)Mittel ein falscher Zweck zukommt. Nicht die Darstellung des Darstellungsaktes − die Funktionalisierung des 3D-Effektes für eine spezielle Vermittlung der Geschichte − ist es, sondern lediglich das Anpreisen dessen und die Zurschaustellung des Kinos selbst. Bei manchen Filmen fragt man sich berechtigterweise, was die 3D-Technik nutzen soll. Dazu zählt auch der unlängst angelaufene Pirates of the Caribbean. On Stranger Tides (2011). Welchen Mehrwert hat hierbei die 3D-Technik? Blickt man etwa auf den hinsichtlich der Verschmelzung von Form und Inhalt gelungenen Avatar (2009), so sollte diese Frage gerechtfertigt sein.

Zur Narrations-Attraktion

Eine ganz andere Art der Attraktion stellt die sensationelle Darstellung des Erzählens im Film dar. Eine Reihe von Filmen befasst sich mit dem Erzählen selbst und experimentieren mit der Art udn Weise der narrativen Vermittlung. Memento (2000) erzählt scheinbar rückwärts. La Mala Educátion (2004) thematisiert das Erzählen auf mehreren Erzählebenen. Adaptation. (2002) ist ein Film auf der Grundlage eines Drehbuchs von Charlie Kaufman, der als Figur in dem Film auftaucht und ein Drehbuch schreibt, eine (metaleptische Mise-en-abyme-Struktur also). Außerdem verhandelt Adaptation. wie auch die angesprochene Scream-Reihe Fragen des Erzählens auf explizitem Wege. Auch hier handelt es sich um Attraktionen. Scheinbar widersprüchlich ist daran nur, dass mit der Erzählung ein zur Zeit des Frühen Films vermeintlicher Kontrahent der Attraktion als Attraktion auf den Plan tritt. Mit den Erläuterungen zum Frühen Kino sollte aber die Kompatibilität der beiden deutlich geworden sein, ebenso wie eine klare Trennung nur in Teilen vorliegt.

Die heutigen Attraktionen und das Kino

Chiastisch ausgedrückt liegt im Vergleich zum Frühen Film eine interessante Situation vor: Damals führte Unbekanntes (Filme) dazu, eine Institution Kino zu etablieren. Heute werden Techniken und Bedingungen des Kino-Dispositivs dafür eingesetzt, um allgemein Bekanntes attraktiv zu gestalten. Zu beiden Zeiten wird das Publikum angelockt ­− auf der einen Seite aufgrund der Unbekanntheit des Kinos, und auf der anderen Seite, da das Kino gegenüber dem Heimkino an Boden verliert. Und in beiden Fällen wird auf das Sensationelle, das Extravagante, das Besondere zurückgegriffen.

Funktionen der Attraktion − und ihre Kritik

Heute sind die Randbedingungen andere als damals. Wir erleben eine Übersättigung des Marktes, des Publikums und des Erzählens. Zugleich existiert die schwierige Lage des Vertriebs, den sich das Filmsystem selbst eingebrockt hat: das Kino gegen den DVD- und Blu-ray-Markt. Niemand vermag es, der Menge an Neuerscheinungen gerecht zu werden. Gleichzeitig stoppt die Arbeit am Fließband nicht. Bei solchen Situationen stellen sich Reaktionen ein. Die Rückkehr zur Attraktion ist sicher als eine Reaktion zu werten.

Mit den technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts erleben wir den verzweifelten Versuch der Glorifizierung von dispositiven Anordnungen: Denn was bezweckt die Filmindustrie, wenn sie einerseits die Expansion des Blue-Ray-Marktes vorantreibt und andererseits mehr und mehr Filme im 3D-Format in die Kinos bringt? Die Antwort liegt auf der Hand und die Attraktion scheint ein gutes Hilfsmittel zu sein.

Stephan Brössel - Stephan Brössel, geb. 1981, studierte von 2002 bis 2007 Germanistik, Musikpädagogik, Sprachwissenschaft des Deutschen sowie ...

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