Die Rückkehr der Juden nach Brandenburg-Preußen

Friedrich Wilhelm gewährte den einst vertriebenen Juden seine Gunst

Für den Großen Kurfürsten war Toleranz ein Wirtschaftsfaktor, um sein geschundenes Land nach dem Dreißigjährigen Krieg zu stabilisieren und zu entwickeln.

Immer wieder auflebende Judenverfolgungen waren in Europa seit dem 13. Jahrhundert nichts Außergewöhnliches. So auch nicht die Hinrichtung von 37 Juden auf dem Neuen Markt in Berlin im Jahre 1510 („Hostienfrevelprozess“), die von einer johlenden Menge begleitet wurde.

Die Landesstände forderten die Vertreibung der ohnehin wenigen jüdischen Gemeinden aus Brandenburg. Der Brandenburgische Kurfürst Joachim I. tat jedoch erst einmal das Gegenteil. 1509 erlaubte er 30 jüdischen Familien den Zuzug in die Altmark, Prignitz und die Mark Brandenburg. Zwei Monate später vermisste man einen goldenen Kelch in der Gemeinde Knobloch, in der Diözese Brandenburg. Der Bischof von Brandenburg setzte den Kurfürsten unter Druck, die Juden zu vertreiben. Es folgten aufbauschende Anschuldigungen und eine etwa vierwöchige Untersuchung. Einige der etwa 100 Beschuldigten starben unter der Folter, 38 kamen vor den Richter. Ein anderer wurde freigesprochen und trat als Mönch in ein Kloster ein. Der Hauptangeklagte Kesselschmied Paul Fromm aus Bernau starb durch „Reißen mit glühenden Zangen“.

Das kurfürstliche Edikt Joachims I. befahl den wenigen noch in Brandenburg lebenden Juden das Land auf ewig zu verlassen. Knapp dreißig Jahre später enthüllte Melanchthon auf dem Frankfurter Städtetag, dass der Bischof von Brandenburg von der Unschuld der Juden wusste.

Die Zünfte und der Klerus opponierten gegen die Juden

Mit dem Beginn der Regentschaft des Großen Kurfürsten im Jahre 1640 lebten in Brandenburg keine Juden mehr. Die westlichen Exklaven Minden, die Grafschaft Mark und das Herzogtum Kleve sowie das noch polnische Lehen Herzogtum Preußen waren nicht von diesem Edikt betroffen. 20.000 Taler boten einige der in diesen Landesteilen lebenden Juden dem Großen Kurfürsten, um wieder in Brandenburg zu leben. Aus taktischen Gründen lehnte dieser vorerst ab. Um 1641 galt es im noch währenden Dreißigjährigen Krieg, das Land stabil zu halten. So vermied Friedrich Wilhelm die Auseinandersetzung mit den Ständen und Zünften. Die starren Zünfte fürchteten die Konkurrenz der frei handelnden Juden, denen sie seit ihrer Entstehung im 10. Jahrhundert den Zutritt verwehrten. Die Bitten der Stadträte von Minden und Bielefeld, die dort lebenden Juden auszuweisen, lehnte Friedrich Wilhelm ab.

Friedrich Wilhelm setzte sich gegen den Adel und die Stände durch

Fünfzig Musketiere und ein ihnen folgender Mob stürmten 1669 die Synagoge zu Halberstadt. Die regierenden Stadträte unternahmen nichts gegen die Zerstörung. Nachdem der Kurfürst dieses erfuhr sendete er einen scharfen Verweis nach Halberstadt, in dem er weiterhin der Stadt befahl „… denen Juden allsofort dasjenige was das demolierte Haus gekostet und wert gewesen, ohne zutun unserer Amtsuntertanen, unfehlbar zu restituieren (erstatten).“ Juden durften laut kurfürstlichem Verbot keine Synagogen bauen, doch war es ihnen gestattet sich jederzeit zu Gottesdiensten zusammenfinden. Die Halberstädter Synagoge wurde im Jahre 1621 gebaut. Die Stadt selbst fiel aber erst 1648 an das Kurfürstentum Brandenburg. Der Kurfürst nutzte diesen Vorfall, um seine landesfürstliche Autorität durchzusetzen und verordnete weiter, dass Soldaten die Häuser von Juden zu bewachen haben.

Freier Handel für den Zusammenhalt Kurbrandenburgs

Das freie Handelsgebaren der Juden schätzte der Kurfürst für seinen jungen Staat genauso wie die dadurch erst möglich werdenden Wege für seine Soldaten. Das festigte den Zusammenhalt des jungen und brüchigen Landes zwischen den unzusammenhängenden Gebieten im Westen und Preußen im Osten mit dem Rumpf Kurbrandenburg und Hinterpommern. So antwortete der Kurfürst den ständigen Klagen seiner zunftbedachten Räte entnervt, „…dass die Juden mit ihren Handlungen uns und dem Lande nicht schädlich, sondern vielmehr nutzbar erscheinen“.

Die einst aus Spanien vertriebenen Juden sammelten sich in Amsterdam

Dem Calvinisten Friedrich Wilhelm standen die Niederlande nahe. Durch den Calvinismus bestand eine tolerante Nähe zum Alten Testament. Amsterdam wurde in dieser Zeit ein neues Zentrum für die verfolgten sephardischen (iberischen) Juden und ihrer unmittelbaren Nachfahren. Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza mit seinen portugiesischen Wurzeln (Bento de Espinosa) strahlte als ein Begründer der modernen Bibelkritik auf die europäische Geisteswelt aus. Auch glaubte Friedrich Wilhelm, dass der neue Wohlstand in Mannheim oder Hamburg den iberischen Juden mit zu verdanken sei.

Ein kurfürstliches Edikt für die Wiener Juden

Informiert durch seinen Wiener Residenten Andreas Neumann nahm Friedrich Wilhelm aufmerksam wahr, dass die gesamte Wiener Judenschaft die Stadt zu verlassen habe. Die Ursache war eine Reihe von Unglücksfällen am Habsburger Hof, die der Klerus und die Zünfte mit den Juden in Zusammenhang brachten. Die Zünfte boten dem Kaiser Geld, wenn dieser die Juden aus Wien und Niederösterreich vertriebe. Auch hier sah der Brandenburgische Kurfürst eine Möglichkeit, sein geschundenes Land aufzuwerten, in dem er 1671 fünfzig reiche Familien ins Land bat und ihnen ein zwanzigjähriges Aufenthaltsrecht und ungehinderten Handel zusicherte. Wie auch später die Hugenotten, brachten die Juden reiche Erfahrungen über Manufakturen mit, die vom Schneidergewerbe bis zum Eisengewerke reichten. So entstanden im Berlin des 17. Jahrhunderts die ersten Konfektionshäuser am Hausvogteiplatz, deren Tradition bis in die Pogrome der Nazizeit hineinreichte.

Quellen

Barbara Beuys: Der Große Kurfürst. Rowohlt Verlag 1979, 420 Seiten

Rudolf Hirsch, Rosemarie Schuder: Der gelbe Fleck. Rütten & Loening 1989, 748 Seiten

Andreas Toll, Andreas Toll

Andreas Toll - Ich habe Dies und Jenes irgendwann absolviert und bin somit beliebig. Deshalb nehme ich mich sehr ernst. Zeitgeist ist ein starkes Wort ...

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