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Die Vereinigten Staaten von Amerika werden zu Recht als eine Nation von Immigranten bezeichnet. In den letzten Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten sind massenhaft Menschen aus unterschiedlichen Weltkulturen ins Land geströmt, um dort unter anderem ihr altes Leben hinter sich zu lassen und den berühmten amerikanischen Traum zu leben. Aufgrund des Zusammenlebens der verschiedenen Gruppen sowie der Sehnsucht vieler Immigranten nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten entstand der Mythos von Amerika als "Schmelzziegel" (engl. melting pot). Diese Aspekte täuschen aber darüber hinweg, dass Nordamerika zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert in erster Linie von emigrierten Engländern oder Briten und deren Nachfahren besiedelt wurde. Ihre Traditionen und Ansichten waren auch die Hauptfaktoren bei der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika sowie der Formierung der amerikanischen Zivilisation. All das wird in dem Buch Albion’s Seed von dem amerikanischen Historiker David Hackett Fisher sehr ausführlich dargestellt.
Vor dem großen Exodus: Die ersten Engländer in der Neuen Welt
Die ersten Engländer erreichten natürlich schon Nordamerika, bevor die großen englischen Immigrantenwellen im 17. Jahrhundert begannen. Nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus fanden zwar einige Reisen von englischen Schiffen dorthin statt, doch kam am Ende des ersten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts offenbar wenig Enthusiasmus für Überseehandel oder Erkundungen im Zusammenhang mit der Neuen Welt auf. Allerdings wurden in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Erkundungsreisen von England aus dorthin unternommen. Da die Spanier in der Neuen Welt auf Silber- und Goldvorräte stießen, waren besonders englische Kaufmänner bzw. Merkantilisten an Überseeunternehmungen interessiert. Aussichten auf wichtige Produkte wie Zucker, Tabak, Nutzholz oder tropische Früchte sowie auf mögliche Absatzmärkte für englische Produkte ließen dabei das Interesse an solchen Absichten steigen. Während den englischen Überseeexpeditionen wurden außerdem Schiffe vom Rivalen Spanien und dessen Siedlungen in der Neuen Welt angegriffen. Das geschah unter anderem auf der berühmten Weltumsegelung vom englischen Navigator Sir Francis Drake.
Ein anderer bedeutender Engländer, Sir Walter Raleigh, gründete 1587/88 die erste englische Siedlung in Amerika auf Roanoke Island in der Nähe der Küste des heutigen US Bundesstaates North Carolina. Der Name, den Raleigh diesem Gebiet und der gesamten Ostküste der heutigen U.S.A. gab, war Virginia, zu Ehren der seine Expedition unterstützenden „virgin queen“, Elisabeth I. Obwohl die anfänglichen Versuche der Ansiedlung bzw. der Kolonisierung Amerikas durch die Engländer – trotz des Profitstrebens und des Ansporn der abenteuerlustigen wie auch nach Ruhm strebenden englischen Gentlemen – zum Scheitern verurteilt waren, entsprangen in den ersten dreißig Jahren des 17. Jahrhunderts über 30 Siedlungen. Darunter fiel beispielsweise die im Jahre 1607 als erste englische dauerhafte Siedlung gegründete Kolonie Jamestown in Virginia. Die englische Bevölkerung war nichtsdestotrotz insgesamt nur ein Teil von einem Mosaik von Kulturen in der Neuen Welt. Sie legten dennoch den Grundstein für die spätere Besiedlung.
Die Immigration der englischen Pilgerväter und Puritaner sowie a city upon a hill
Gewöhnlich werden in Büchern über die amerikanische Geschichte die Puritaner hervorgehoben. Der große Immigrationsstrom der größtenteils aus dem Osten Englands stammenden Puritaner ereignete sich im Zeitraum von 1629 bis 1641. Sie ließen sich schließlich in New England im Nordosten Amerikas oder, genauer gesagt, Massachusetts nieder. Diese Gruppe sollte nicht mit den berühmten Pilgervätern gleichgesetzt werden. Letztere waren vor der anglikanischen Kirche Englands fliehende Separatisten. Erst einmal setzten sie sich in die Niederlande ab, bevor sie auf der berühmten Mayflower Plymouth (in Massachusetts) im Jahre 1620 erreichten. Ihr Ziel bestand also zuallererst darin, religiöse Freiheit zu erlangen. Dagegen waren Puritaner Mitglieder der Kirche Englands und kehrten erst während der Regierungszeit von König Karl I ihrem Heimatland scharenweise den Rücken. Der König liebäugelte ihrer Ansicht nach mit den von ihnen verhassten Riten des katholischen Glaubens. Sicherlich trug die angebliche Einstellung des Königs neben manchen ökonomischen und sozialen Missständen zur Auswanderung bei.
Die insbesondere aus der englischen Mittelschicht stammenden und sich nach den Doktrinen des Kalvinismus richtenden Puritaner waren vor allem bestrebt, in Amerika eine gottgefällige Gesellschaft aufzubauen. Mit anderen Worten wurde anscheinend an der Errichtung eines neuen Zions gearbeitet. Um ihre Ziele zu erreichen, führten die oft gebildeten Puritaner ein streng religiöses Leben mit Kleidervorschriften, häufigen Kirchenbesuchen und Gemeindeversammlungen. Die an Prädestination glaubende Gemeinde in New England hatte darüber hinaus die Absicht, unter sich zu bleiben und legten viel Wert auf Familienleben sowie das Einhalten der Ordnungsvorschriften. Bei Verstößen wurden zum Teil drakonische Strafen verhängt.
Das Bestreben, ein neues Zion zu errichten, deutet der biblisch anmutende Verglich von der neuen Kolonie mit einer Stadt auf dem Hügel (engl. a city upon a hill) an. Der Vergleich stammt von einem der führenden Männer bei der Gründung der Massachusetts Bay Colony, John Winthrop, der scheinbar der Meinung war, dass die neue Kolonie als Vorzeigemodell für die ganze Welt dienen müsste. Später ist diese Metapher auf ganz Amerika bezogen worden. Sie gilt allgemein als eine der primären Beispiele für Ausdrücke über die Einzigartigkeit Amerikas (--> American exceptionalism) in Bezug auf das Weltgeschehen. Daher haben seither mehrere US-Präsidenten und andere Persönlichkeiten diesen Vergleich in ihren Reden verwendet.
Die anderen Strömungen aus England
Weil 1642 der Bürgerkrieg ausbrach, kehrten eine Menge Puritaner zur Unterstützung des Parlaments gegen Karl I und die Royalisten nach England zurück. Die meist aus dem Süden Englands kommenden königstreuen Aristokraten zog es dagegen größtenteils ins Gebiet der Kolonie Virginia. Wegen der graduell steigenden Macht der Parlamentarier in England, waren diese häufig gut gebildeten Aristokraten als königstreue Mitglieder der anglikanischen Kirche Englands nicht selten Opfer von Unterdrückung wie einst die Puritaner unter den Royalisten. Sie bildeten im Gebiet von Virginia eine elitäre, hierarchisch organisierte und aristokratisch gefärbte Gesellschaft. Passenderweise gelangten in der Zeit ihrer Immigration (1642-1675) auch zahlreiche Schuldknechte dorthin.
Manche der Nachfahren der aristokratischen Familien waren im sowie nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wichtige Faktoren. Aufgrund ihrer Kenntnisse des englischen Rechtwesens und der Geschichte beeinflussten viele englische Traditionen die amerikanische Verfassung. Nach den Aristokraten und den Schuldknechten kamen außerdem noch die Quäker aus den nördlichen englischen Midlands (1675-1725) und Leuten aus dem Norden Britanniens und Irlands (1717-1775). Erstere wurden in der Region um die Stadt Philadelphia (Delaware Valley) sesshaft, wohingegen letztere das Hinterland des nordamerikanischen Ostens besiedelten.
Literatur:
- Fisher, David Hackett: Albion’s Seed. Four British Folkways in America, New York u. Oxford: Oxford University Press 1989.
- Unger, Irwin: These United States. The Questions of Our Past, Upper Saddle River: Prentice Hall 2007.
- Williams, Penry: The Later Tudors. England, 1547-1603, Oxford: Clarendon Press 1995.
