
- Der Dom zu Verden an der Aller - Harald Rossa
Die „Sachsen“ des frühen Mittelalters lassen sich nur schwer fassen. Römische Quellen ordnen sie meist als „Piraten“ oder „Plünderer“ ein. Mit Schiffen machten sie die Küsten Galliens und Britanniens unsicher. Dann traten die Sachsen mit den Angeln und Jüten im Zusammenhang mit dem Übersetzen größerer Gruppen dieser Volker auf die britische Insel in der Mitte des 5. Jahrhunderts in Erscheinung. Der Begriff „Sachsen“ im frühen Mittelalter beschreibt vermutlich eine ganze Zahl von lose miteinander verbundenen Stämmen. Sie siedelten vernehmlich an der südlichen Küste der Nordsee und entlang des Südufers der Elbe bis an die Grenzen des Wendlands.
Die Sachsen und die Franken
Südlich der sächsischen Siedlungsgebiete bildete sich im frühen Mittelalter das Reich der Franken. 531 sollen Sachsen den fränkischen König Theuderich I. bei der Unterwerfung der Thüringer unterstützt haben. Dafür hätten sie Land erhalten und lebten unter fränkischer Herrschaft. Um 550 kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Als Ergebnis erlegte Chlothar I. den Sachsen einen jährlichen Tribut in Höhe von 500 Kühen auf. Diesen Tribut erließ ihnen Dagobert I. 632/33. Als Gegenleistung hatten sie die fränkische Grenze gegen die slawischen Wenden zu schützen.
Am Ende des 7. Jahrhunderts war das Frankenreich durch innere Unruhen geschwächt Die Sachsen dehnten ihr Siedlungsgebiet in das spätere Westfalen aus. 694/95 eroberten sie das Gebiet der Bruktuarier südlich der mittleren Lippe. 715 griffen sie das Gebiet „Hatterun" an. Doch mit Karl Martell wendete sich ab 717/18 das Blatt. Der fränkischen Hausmeier ließ 718 einen Rachefeldzug bis an die Weser führte. Weitere Feldzüge folgten. 738 drang er von der Lippemündung aus in das Gebiet der Sachsen und erzwang Tribute sowie die Stellung von Geiseln.
Karl Martell starb 741. Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Sachsen hielten an. 743/44 eroberten seine Söhne Karlmann und Pippin die Sigburg (Hohensyburg) beim heutigen Dortmund und unterwarfen den Sachsenfürsten Theoderich. 748 erzwang Pippin wieder die Leistung eines Tributs von 500 Rindern. 751 begann vom Niederrhein aus einen Feldzug gegen die Sachsen. Zwei Jahre danach drangen sächsische Kämpfer in Nordhessen ein. Dort zerstörten sie 30 Kirchen. 758 zog Pippin wieder in das westliche Sachsen und unterwarf es.
Die Unterwerfung der Sachsen durch die Franken unter Karl dem Großen
Karls Biograf Einhard berichtete 825 von den Strafexpeditionen gegen die Sachsen. 772 zog Karl vom Mittelrhein aus gegen die Sachsen. Er eroberte die Eresburg (heute Marsberg) und zerstörte die wichtige sächsische Kultstätte Irminsul. Dann zog er noch bis zur oberen Weser vor und ließ sich Geiseln stellen. Ziel dieser Aktionen war vermutlich die Demonstration der Überlegenheit der Franken und ihres Gottes. Doch diese militärische Demonstration führte zur Eskalation der Gewalt: Als Karl in Italien gegen die Langobarden kämpfte, da überfielen die Sachsen 773/74 wieder Nordhessen.
Danach fasste Karl vermutlich den Plan der endgültigen Unterwerfung und Christianisierung der Sachsen. Im Frühjahr 775 marschierte er vom Niederrhein über die Eresburg an die Weser. Er überschritt den Fluss und stieß tief nach Ostfalen bis in die Gegend um das heutige Wolfenbüttel vor. Die Ostsachsen unter ihrem Führer Hessi unterwarfen sich Karl und stellten Geiseln. Die Engern unter Brun schlossen sich beim Rückzug Karls an. Die Westfalen wollten verhindern, dass Karl bei Lübbecke die Weser überschritt. Doch auch sie wurden geschlagen und mussten Geiseln stellen. Mit diesem Feldzug hatte Karl die Kontrolle über die Gegend vom Rhein entlang der Lippe bis hin zur Eresburg unter fränkischer Kotrolle und so den Hellweg als Verbindung nach Hessen und Thüringen gewonnen.
776 und 778 erhoben sich die Sachsen unter der Führung von Widukind gegen die Franken. Aber die Franken besiegten die Sachsen. 777 kam es beim heutigen Paderborn zu einer großen Reichsversammlung, bei der zahlreiche Sachsen sich taufen ließen. 779 drang Karl bis an die Elbe vor. 780 hielt er eine Heeresversammlung an den Lippequellen bei Lippspringe abhalten. Bei dieser Gelegenheit teilte er das Land in Missionsgebiete und Grafschaften ein. 782 ernannte er auf einer weiteren Versammlung bei Lippspringe sächsische Adlige zu Grafen. Denn der sächsische Adel stand inzwischen mehrheitlich auf fränkischer Seite. Karl schien die Sachsen befriedet zu haben und zog mit sächsischen Kriegern gegen die Slawen.
Der Widerstand der Sachsen, der hauptsächlich von den Freien getragen wurde, war aber noch nicht erloschen. Widukind machte 782 alle Erfolge Karls noch einmal zunichte. Die sächsischen Krieger wandten sich im Weserbergland gegen ihre fränkischen Mitstreiter. Karl kehrte unverzüglich nach Sachsen zurück. Widukind floh zu den Dänen. Bei Verden zwang der fränkische König die Sachsen zur Auslieferung der Aufständigen und hielt das „Verdener Blutgericht“. Angeblich 4.500 Sachsen ließ Karl hinrichten - was aber unter Historikern stark angezweifelt wird.
Mit dem wahrscheinlich 782 erlassenen Gesetz „Capitulatio de partibus Saxoniae" versuchte Karl, seine Herrschaft über die Sachsen durchzusetzen und diese auch zur Annahme des christlichen Glaubens zu zwingen. Geringe Vergehen wie die Missachtung der christlichen Fastenzeit oder die bei Sachsen übliche Feuerbestattung bedrohte er mit dem Tod. Militärisch hatte Karl Erfolg: Er siegte 783 in zwei Feldschlachten und war 784 in einem Reitergefecht siegreich. 785 verfolgte er Widukind bis an die Unterelbe. Dort gab der Führer der sächsischen Aufständigen auf. Weihnachten 785 ließ sich Widukind in der Königspfalz Attigny taufen.
Die Sachsen schienen endgültig besiegt. Wieder nahmen sächsische Kämpfer an fränkischen Kriegszügen teil. Doch 791 blieb Karls Feldzug gegen die Awaren erfolglos. Ein Jahr später erhoben sich die Sachsen erneut. Und wieder dauerten die kriegerischen Auseinandersetzungen mehrere Jahre. 797 zog König Karl bis zur Nordseeküste bei Hadeln und nahm wieder die Unterwerfung des Sachsenvolkes entgegen. Danach erließ er das „Capitulare Saxonicum". Damit bezog er Westfalen, Engern und Ostfalen in das Frankenreich ein und gab den Sachsen die gleichen Rechte wie den anderen Völkern im Reich. Aber noch bis 804 rührte sich Widerstand gegen die Franken im Land der Sachsen.
Historische Quellen
- Einhard: Vita Karoli Magni – Das Leben Karls des Großen Reclam. Stuttgart 1986, ISBN 978-3150019962
- Widukind von Corvey: Res gestae Saxonicae – Die Sachsengeschichte, Reclam Stuttgart 1981. ISBN 3-15-007699-4
Literatur
- Christoph Grünewald: Archäologie des frühen Mittelalters vom 5. bis zum 9. Jahrhundert in Westfalen. Ein Überblick., 2005.
- Torsten Capelle: Die Sachsen des frühen Mittelalters. Konrad Theiss Verlag Stuttgart 1998. ISBN 3-8062-1384-4
- Anne Roerkohl: Widukind – Geschichte und Mythos. In: Westfälische Geschichte
- Matthias Becher: Die Westfalen als Teil der Sachsen - Von den Ursprüngen bis zum Sturz Heinrichs des Löwen. In: Westfälische Geschichte
