
- Goldstein: Kurt Gödel - Piper Verlag
Die wirklich großen Wissenschaftler und Forscher pflegen wir als Genies zu bezeichnen, allerdings ist uns auch der Satz geläufig, dass Genie und Wahnsinn nahe verwandt sind. Doch dabei denken wir eher an Künstler und nicht an Wissenschaftler, die wir uns eher als Ausbund der Rationalität vorstellen. Was allerdings an der Realität völlig vorbei geht. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der großen Zeit der Physik, der Zeit mit der größten Dichte an Physik-Nobelpreisträgern, waren diese zum Großteil (Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger, um nur einige zu nennen) auch ganz hervorragende Philosophen – quasi gezwungen durch die (nicht vorstellbare) Quantenmechanik. Und Philosophen sind ja in unserer Vorstellung immer irgendwie Spinner. Das passt so gar nicht zusammen.
Albert Einstein ist der Prototyp des Genies, wenngleich er seine Bekanntheit wahrscheinlich dem Umstand verdankt, dass sich das Wort „relativ“ auch anderweitig verwenden lässt. Jedenfalls war er auf seine Weise ein sehr religiöser Mensch. Erwin Schrödinger, der sich viel mit dem Geistigen, mit Metaphysik und Mystik beschäftigte, ist wiederum nur einigermaßen ein Begriff, weil er auf einem Geldschein abgebildet war, wodurch er dem österreichischen Schicksal des Nicht-Wahrgenommen-Werdens entging. Diesem Schicksal nicht entgangen sind die beiden vielleicht größten Genies dieser Zeit, Kurt Gödel und Wolfgang Pauli.
Kurt Gödel – der größte Logiker seit Aristoteles
Gödel, der anerkannt größte Mathematiker und Logiker seit der Antike, war kongenialer Gesprächspartner von Einstein in Princeton. Sein (außerhalb Österreichs) berühmter Unvollständigkeitssatz besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass es keine vollständige Theorie geben kann. Wie ja auch die Quantenmechanik besagt, dass wir prinzipiell nie alles wissen können. Er postulierte auch die Möglichkeit zeitartiger Weltlinien, die Zeitreisen in die Vergangenheit und Zukunft erlauben. Dass dieser Gigant der Logik an Wahnvorstellungen litt und sich aus Angst vor Vergiftungen zu Tode hungerte, ist kaum verständlich.
Gödels großer Auftritt war 1930 in Königsberg, bei der Konferenz für Erkenntnislehre der exakten Wissenschaften, organisiert von einer Berliner Gruppe, die mit dem Wiener Kreis assoziiert war. An zwei Tagen hielten die damaligen Größen ihre Vorträge. Gödel, der erst seine Dissertation abgeschlossen hatte, durfte einen kleinen Vortrag am Ende der Tagung halten, der damit endete: Es gibt Sätze der Mathematik, „die zwar inhaltlich richtig, aber im formalen System der klassischen Mathematik unbeweisbar sind“. Der angekündigte Beweis dafür ist einer der erstaunlichsten mathematischen Beweise, die je geführt wurden.
Wolfgang Pauli und der „Pauli-Effekt“
Wolfgang Paulis messerscharfer Verstand war wiederum unter Physikern gefürchtet. Saß Pauli im Publikum, dann war die Theorie eines Vortragenden erst dann angenommen, wenn Pauli zustimmend nickte. Viel öfter aber zerriss er die vorgetragenen Gedankengänge in der Luft. Pauli hatte aber noch eine andere, von den damaligen Kollegen als „Pauli-Effekt“ anerkannte Seite. Wo immer er hinkam, ging mit den wissenschaftlichen Instrumenten etwas schief. Als in Zürich das C.G. Jung-Institut eingeweiht wurde, stürzte nur eine Blumenvase um, als der geladene Pauli den Saal betrat. Als er 1950 kurz Princeton besuchte, brannte das ganze Zyklotron der dortigen Uni ab. Und als an der Uni Göttingen einmal eines der Messgeräte explodierte, begann man nach der Ursache zu forschen, denn das war noch nie vorgekommen. Irgendjemand äußerte den Verdacht, dass es sich vielleicht um einen Pauli-Effekt handeln könnte. Tatsächlich ergaben die Nachforschungen, dass Pauli am Unglückstag mit dem Zug von Zürich nach Kopenhagen gefahren und genau zu dieser Zeit in Göttingen umgestiegen war.
Das Ganze ist rational nicht zugänglich
Laut Gödel kann es prinzipiell keine vollständige, durchgehend beweisbare Theorie geben. Nach der Quantenmechanik wird die Wissenschaft prinzipiell nie alles wissen und erklären können. Jedenfalls wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts klar, dass es für die Naturwissenschaft wie für die Logik nie möglich sein wird, das Ganze der Welt zu beschreiben. Dieses ist Thema der Philosophie und der Theologie. Diese zu marginalisieren, wie es heute üblich geworden ist, ist logisch wie wissenschaftlich unseriös.
Quellen:
- Rebecca Goldstein: Kurt Gödel. Jahrhundertmathematiker und großer Entdecker. Piper Verlag 2006
- Ernst Peter Fischer: An den Grenzen des Denkens. Wolfgang Pauli – Ein Nobelpreisträger. Über die Nachtseiten der Wissenschaft. Herder Verlag 2000
