
- Schwarze Dünen und wilde Brandung in Piha - FxReid
Neuseeland hat nicht gerade den Ruf als Reiseziel, das man wegen seiner Strände ansteuert, um am anderen Ende der Welt Badeurlaub zu machen. Das Angebot an einzigartiger Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt ist zu einzigartig, um es beim exzessiven Sonnenbad am Strand zu ignorieren. Doch da auch die frischluft-fanatischen Neuseeländer nicht nur ihr traditionelles Weihnachts-Barbecue, sondern einen Großteil ihrer Freizeit an den in reicher Anzahl verfügbaren Stränden der gemäßigten bis subtropischen Inseln veranstalten, lohnt sich ein Blick auf die extrem vielfältigen und mit einigen interessanten Details ausgestatteten Küstenstreifen Neuseelands. Wer jedoch Batterien von Liegestuhl- und Sonnenschirm-Arrangements, Strandclubs und ähnliche urdeutsche Urlaubserwartungen wie in den üblichen Badeorten Europas erwartet, muss sich auf die relative Einsamkeit der neuseeländischen Strände einstellen. Nicht umsonst sind alle Strandabschnitte kostenfrei und ohne Kurabgaben zu nutzen – Neuseeländer reagieren mit mitleidigem Unverständnis auf die Tatsache, dass man meist an deutschen Sandkonglomeraten skurrile Gebühren entrichten muss.
Der edle Wilde – Brandung am Piha Beach westlich der Metropole Auckland
Verlässt man Neuseelands Metropole Auckland auf dem Highway 24 nach Westen, erreicht man nach knapp 50 Kilometern das verschlafene Küstennest Piha, welches alllerdings bei Surfern einen gewissen Ruf genießt. Denn die schroffen schwarzen Vulkanfelsen der Küste werden hier regelmäßig von mächtigen Wellen und bissiger Brandung umtost. Daneben finden sich allerdings auch geschütztere Strandabschnitte mit edlem grau-schwarzen Sand und fluffigem Dünenbewuchs. Abseits der Sommersaison sind nur wenige der Ferienhäuser bewohnt, so dass man den Strand und seine Umgebung jenseits der Hektik der nahen Großstadt in Ruhe erkunden kann. So kann es auch gelingen, die in Neuseeland selten gewordenen Little Blue Penguins im Norden von Piha zu Gesicht zu bekommen, wo sich eine kleine Brutkolonie dieser kleinsten Pinguinart gehalten hat. Ansonsten ist touristisch nicht viel los in Piha mit seinem winzigen Teilzeit-Postamt, dem Campingplatz mit kleinem Grocery Store – und natürlich dem Surfshop, der die Liste der lokalen Versorgungsmöglichkeiten aber auch schon komplettiert. Sicher aber ein angenmessener Ort, die Urlaubsgewohnheiten der Neuseeländer kennen zu lernen.
Natürlich Wellness – am Hot Water Beach der Coromandel Peninsula
Auch noch innerhalb eines Tagesausflugs von Auckland aus ist die Coromandel Peninsula zu ereichen, an deren ländlicher Ostküste ein unscheinbares Strandexemplar mit ganz besonderen Eigenschaften liegt. Erster Hinweis auf die Besonderheit des Hot Water Beaches ist der Schaufelverleih am Kiosk des nahen Parkplatzes. Doch weder besonders wertvolles Strandgut noch der Sand selbst sind es, die jedes Jahr Tausende Besucher und Einheimische zur Schippe greifen lassen – hier, wo das Schwimmen im Meer aufgrund der starken Brandung und Strömungen lebensgefährlich ist. Tatsächlich sind spezielle Stellen des grobkörnigen Sandes nahe der abgebröselten Felssteilküste durchzogen mit heißen Quellen, die mit bis zu 65°C aus dem bewegten Inneren der neuseeländischen Inseln hervorsteigen. Diese müssen allerdings mit Schaufeln von enthusiastischen Thermalfans freigelegt werden, und zwar taktisch. Denn nur wer seinen Grabungsplatz gezielt in genau berechnetem Abstand zwischen Felsen und der Brandung wählt, wird die Grube von Grund auf mit dem mineralreichen Badewasser gefüllt sehen, das mit einem Schuss Meer auf wohlige Temperatur heruntergekühlt werden kann. Da aber der Hot Water Beach schon lange kein Geheimtipp mehr ist und zudem um die heißen Quellen recht schmal bemessen, empfiehlt sich die Nebensaison für natürliche geothermale Wellness samt Gedünstetwerden mit Meerblick.
Lang und einsam, Flugpiste und Highway: 90 Mile Beach im hohen Norden Neuseelands
Das erste Stück Neuseeland, welches man beim Anflug von Australien zu Gesicht bekommt – sofern nicht gerade die legendäre lange weiße Wolke des traditionellen Landesnamens Aotearoa den Blick auf neuseeländischen Boden verhüllt – ist auch gleich das längste: Der Ninety Mile Beach nämlich, der sich genau genommen allerdings nur über 64 Meilen (≈ 102 Kilometer) an der Westküste des neuseeländischen Northlands erstreckt. Vom Kap Maria van Diemen bis auf die Höhe von Kaitaia zieht sich ein Sandband die Küstenlinie herab und wird von den einfallsreichen Neuseeländern für so naheliegende Strandaktivität wie z.B. Busfahren, Rugby-Spielereien oder Ultramarathonlaufen genutzt. Der harte Untergrund des wattähnlichen Strandteils vor den Dünen wurde einst als Start- und Landepiste des ersten australisch-neuseeländischen Luftpostdienstes genutzt und ist heute ganz offiziell Teil des Highway-Netzes mit einem Tempolimit von 100 km/h. Doch das Befahren wird nur Ortskundigen mit explizit geländegängigen Fahrzeugen empfohlen, da die Tide auch hier tückisch sein kann. Schon mehrere Touristengefährte blieben stecken und wurden von der Tasmanischen See fortgespült. Übrigens verfügen die ewigen Konkurrenten und Nachbarn in Australien tatsächlich über den Längeren, denn ihr 90 Mile Beach an der ebenfalls sehenswerten Küste Victorias bringt es tatsächlich auf mehr als 90 Meilen Sandstrand.
Cathedral Cove auf Coromandel, der einzige überdachte Strandabschnitt Neuseelands
An der Ostküste der Halbinsel Coromandel, auf halbem Weg von Hahei nach Cooks Beach, liegt der einzige überdachte Strandabschnitt Neuseelands, ein wenig versteckt unterhalb einer dicht bewachsenen Steilküste. Vom zielführenden Wanderpfad durch abwechslungsreichen Regenwald tun sich immer wieder unvermittelt ansehnliche Ausblicke über den trapezförmiger Bereich der Mercury Bay samt ihren vorgelagerten Inseln auf, der zum Cathedral Cove Marine Reserve erklärt wurde. Ist erst einmal der Strand zu Füßen einer langen, steilen Treppe erreicht, betritt man ein feinsandiges Halbrund, an dessen Enden beidseitig interessante Felswände aufragen. Die Textur der Felsen zur Rechten mit ihren Mustern, Scharten und Höhlen wirkt seltsam bewegt. Darüber die hängenden Kronen brokkoliartiger Bäume, die wie neugierige Bandscheibenpatienten über die überhängende Cliffkante spähen. Das Gestein zur Linken aber hat der Küste ihren feierlichen Namen gegeben: Cathedral Cove. Tatsächlich hat hier die See eine riesige Toröffnung aus dem Fels gewaschen, gleich einem spitzbedachten Gewölbe. Durchschreitet man den gut 50 Meter messenden, eindrucksvoll geformten Tunnel, so tut sich am anderen Ende ein weiterer kurzer Strandabschnitt hoher Qualität auf.
Am Ende des Strandes türmt sich mannsgroßes Gestein zu einer Felsbarriere auf, die die Steilküste vor dem Wasser und den nächsten Strandabschnitt vor den Touristenmassen schützt. Wer sich zutraut, gazellenartig über die aufgetürmten Felsen zu hoppeln, ohne in einer der nassen Felsspalten zu verschwinden, dem sei genau das empfohlen – es macht sogar recht viel Spaß. Belohnt wird diese schweißtreibende Anstrengung mit einer menschenleeren und wie unberührt daliegenden Strandbucht nach der anderen, wie sie einst die ersten Entdecker Neuseelands vorgefunden haben mögen.
