Seit den Kindheitserzählungen seiner Mutter – ein Ahne hat als Matrose an der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition von 1872 bis 1874 teilgenommen – ist der in Wien lebende Josef Mazzini fasziniert vom ewigen Eis. Als ihm das Tagebuch eines der Kommandanten in die Hände fällt, beginnt er gebannt zu recherchieren und fasst einen folgenschweren Entschluss: Er will auf den Spuren der Expedition reisen. Mit Flugzeug und Schiff gelangt er nach Spitzbergen, auf einem Forschungsschiff bis in die Nähe des damals entdeckten Franz Joseph Lands. Wieder in Spitzbergen lernt er den Umgang mit dem Hundeschlitten. Eines Tages jedoch verschwindet er spurlos, das Gespann kehrt ohne ihn zurück. Christoph Ransmayr erzählt in "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" die Geschichte dieser Reise, die zu den Grenzen der bekannten Welt führt.

Die Struktur des Romans "Die Schrecken des Eises und der Finsternis"

Der Erzähler stößt über die ihm hinterlassenen Reisetagebücher Mazzinis auf die Aufzeichnungen der k.u.k. Nordpolexpedition, die Faszination springt auf ihn über. Er wird selbst zum Entdecker der Vergangenheit und rekonstruiert beide Reisen. Der Roman besteht somit aus drei verflochtenen Ebenen: der historischen Reise der k.u.k. Nordpolexpedition, der fiktiven Reise Mazzinis und den Reflexionen des Erzählers. Skizzen, Tagebucheinträge und Lebensläufe einiger Expeditionsteilnehmer schaffen einen beklemmenden Realismus. Einschübe mit Zitaten und Anekdoten wiederum werfen Schlaglichter auf die Geschichte des Nordpols und seiner Entdecker. Durch die verschiedenen Textformen und -ebenen sowie die zerfließenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion besitzt der Roman postmodernen Charakter, ist eine gelungene Mischung aus Dokumentation, Abenteuerroman und poetischer Naturbetrachtung.

Die Reise der Admiral Tegetthoff

Am 13. Juni 1872 sticht die Admiral Tegetthoff von Geestemünde aus in See. An Bord die k.u.k. Nordpolexpedition: der Kommandant zu See Carl Weyprecht, der Kommandant zu Lande Julius Payer, die beiden Tiroler Jäger Haller und Klotz sowie eine größtenteils italienische Mannschaft. Über Helgoland und das norwegische Tromsö gelangen sie ins Polarmeer. Dort wird das Schiff vom Eis eingeschlossen und treibt auf einer Scholle hilflos umher. Träumte die Mannschaft anfangs von goldenen Bergen, so weichen die Illusionen schnell dem Kampf ums bloße Überleben: Kälte, Eisbären und Krankheiten bedrohen die Expeditionsteilnehmer. Melancholie und die Angst, das Schiff könnte von den sich beständig verschiebenden Eismassen zerdrückt werden, schlagen auf die Moral. Auch im Frühjahr und im Sommer kommt die Tegetthoff trotz verzweifelter Versuche nicht frei. Am 30. August 1873 taucht plötzlich eine Küste im Schneegestöber auf – die Nordpolexpedition hat eine bisher unbekannte Insel entdeckt. Zu Ehren des Kaisers wird sie auf den Namen Franz Josef Land getauft.

Die Freude währt kurz: Einen weiteren Polarwinter muss die Mannschaft in völliger Dunkelheit verbringen. Im Frühjahr bricht Payer mit sechs Begleitern und Hundeschlitten auf, das Neuland zu erkunden. Unter unvorstellbaren Strapazen wird es vermessen und getauft. Insel Wiener Neustadt, Cap Grillparzer und Kronprinz-Rudolf-Land – der Kommandant zu Lande findet immer neue Namen. Unerschöpflich drängt er voran und kehrt erst um, als mit der Überschreitung des 82. Grades nördlicher Breite den alten Rekord gebrochen ist und das Meer den Weiterweg versperrt. Mit Erfrierungen, blutigen Füssen und völlig ausgezehrt schleppt sich der Trupp zurück zum Schiff.

Reise zum Nordpol: Die Kommandanten Carl Weyprecht und Julius Payer

Im Verlauf der Erzählungen treten die unterschiedlichen Qualitäten der beiden Kommandanten hervor: Während der Ehrgeiz des aufbrausenden Payers die Erkundung des Franz Josef Landes vorantreibt, hält der kontrollierte Weyprecht die zum Überleben nötige Ordnung aufrecht. Angesichts der Monotonie des Wartens lässt er Schulungen durchführen, kirchliche und monarchische Feste begehen und schillernde Gebäude aus Schnee errichten. Seinem unerschütterlichen Mut verdankt die Expedition ihre Rettung: Nach einem qualvollen Marsch über das Packeis erreicht sie das offene Meer, lässt die mitgezerrten Rettungsboote zu Wasser und wird im August 1874 von zwei russischen Transchonern aufgenommen. In Hamburg wird den Entdeckern ein triumphaler Empfang bereitet.

Ransmayr: Die (Symbol-) Kraft des Eises

Obwohl der Autor Gedanken und Empfindungen seiner Figuren weitgehend offen lässt, treten die Protagonisten und das Geschehen dem Leser lebendig vor Augen. Es gelingt Ransmayr, die einstigen Geschehnisse noch einmal heraufzubeschwören und den Leser in seinen Bann zu ziehen. Der wird selbst zum Gefangenen des Eises, auf dessen glatter Oberfläche sich Leiden, Verzweiflung, tiefe Einsamkeit und das Gefühl der Sinnlosigkeit, aber auch Schönheit und Unergründlichkeit des Lebens in größtmöglicher Deutlichkeit widerspiegeln.

In jener lebensfeindlichen Welt kollidiert die konstruierte menschliche Ordnung mit einem blanken Existenzialismus, wird der Mensch klein gegenüber den Gewalten der Natur. Das Leiden der Männer gerät zur Passion – eine Passion bereits weitgehend losgelöst vom christlichen Weltbild, dem Charakter des Zeitalters entsprechend im Dienst von Wissenschaft und Nationalstolz. Und deren Sinnhaftigkeit angesichts der Entdeckung eines kargen Eilands und der Überwindung nackter Zahlen wiederholt infrage gestellt wird.

Die Schrecken des Eises und der Finsternis: Mazzinis Sinnsuche

Für Mazzini dagegen ist die Reise eine Sinnsuche, eingebettet in die lange Tradition der Sehnsucht nach dem ewigen Eis, geschuldet dem Verlangen nach Abenteuer und Wirklichkeitserfahrung. Obwohl die moderne Reise des Italieners angesichts des technischen Fortschritts im deutlichen Kontrast zu der gefahrenvollen Nordpolexpedition steht, zeugt gerade sein Scheitern von der Unantastbarkeit des Nordpols gegenüber der menschlichen Hybris.

Die Figur Mazzini und das Motiv der Wirklichkeit

Mazzini konstruiert Geschichten und überprüft deren Plausibilität an der Historie. Er ist die fiktive Verbindung zwischen dem Erzähler und den tatsächlichen Geschehnissen der Jahre 1872 und 1874. Ransmayrs Roman ist ebenfalls ein Ringen um Authentizität, um die Annäherung an eine Wirklichkeit, die sich aus den Tagebucheinträgen der Teilnehmer nur skizzenhaft erschließt. Alles Weitere bleibt Spekulation. Man kann sich der Vergangenheit nur annähern, die literarische Wiedergabe der Realität bleibt ein Versuch. Das Ringen um Wirklichkeit und der Kampf ums Überleben werden somit synonym. Stellvertretend für den Erzähler erliegt der moderne Sinnsucher Mazzini dem Versuch in den Weiten des Eises, in einer Welt, die selbst unwirklich und unfassbar bleibt. In dieser Fremdheit und existenziellen Einsamkeit des Nordpols liegt die Faszination des Romans.

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis. S. Fischer Verlag 2005. Taschenbuch, 277 Seiten. Euro 9,20.