
- Titel: Hessels Schrift EMPÖRT EUCH! - Autor/Verlag
Fakt ist: Das Büchlein ist ein Beststeller. In der französischen Originalausgabe hat es die Millionenhöhe überschritten. Das sei dem Autor, dem Verlag und dem Anliegen der Schrift gegönnt. Was ist an dieser Schrift aufregend?
Der Autor ist – soweit bekannt – ein honoriger Mann. Seine persönliche Geschichte führt von der französischen Résistance in hohe Gremien der Vereinten Nationen. Es ist ihm zu unterstellen, dass er moralisch und ethisch immer nur das Beste wollte. Er hat sich offensichtlich redlich bemüht, die Menschenrechte zu verteidigen. Allenthalben und an vielen Stellen wird der Autor, der Text und sein Anliegen hochgelobt. Was haben die Seiten so in sich? Die Schrift in vier Abschnitte gegliedert:
- Empört euch!
- Widerstand kommt aus Empörung
- Zwei Auffassungen von Geschichte
- Das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit
- Meine Empörung in der Palästina-Frage
- Wir müssen den Weg in die Gewaltlosigkeit gehen lernen
- Für einen Aufstand in Friedfertigkeit
Sechs Fußnoten am Ende des Textes geben ein paar – vor allem geschichtliche – Hintergrundinformationen. Die französische Verlegerin Sylvie Crossman hat ein Nachwort geschrieben, welches Informationen zur Person Stéphane Hessel liefert.
Was bringt Stéphane Hessel auf den Punkt?
„Grundsätze und Werte“ seien heute nötiger denn je, erfährt der Leser im ersten Abschnitt. Der Autor fordert dazu auf, die „Gesellschaft so zu bewahren, dass wir stolz auf sie sein können“. Er geißelt die Energiekonzerne, den Kohlebergbau und die Banken und fordert Gemeinwohl vor Individualismus, gerechte Verteilung der Produktionsgüter und eine unabhängige Presse sowie bestmögliche Erziehung. Große Worte von Hessel.
Der deutsche Michel oder die französische Marianne, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Licht der Welt erblicken, seit den 1950er und 1960er Jahren bewusst und aktiv in dieser Welt leben, kommen am Stammtisch zum selben Ergebnis. Sie dürfen fragen: Warum haben wir das Alles nicht. Warum führt Deutschland in Afghanistan Krieg, obwohl der Bund Streitkräfte nur zur Verteidigung aufstellt, wie das Grundgesetz vorschreibt? Die Vereinten Nationen erlassen Resolutionen zu militärischen Eingriffen. Offensichtlich immer dann, wenn es wirtschaftlich wichtig ist oder der Waffenlobby Gewinne bringt. Warum habt ihr das zugelassen? Damit sind die Wutbürger schon in guter Tradition des zweiten Abschnitts von Hessels Text, der den Widerstand aus der Empörung propagiert.
Hat Geschichte ein Ziel, einen Sinn?
Dann folgt ein bisschen Geschichtsphilosophie. Der Leser erfährt, es gäbe die Auffassung Georg Wilhelm Friedrich Hegels von Geschichte und beispielsweise die von Walter Benjamin. Hegel konnte das Endstadium der sich zum Guten entwickelnden Geschichte nicht mehr erleben. Hessel auch nicht. Walter Benjamin setzte seinem Leben angesichts der Katastrophe schon 1940 ein Ende.
Was ist, wenn die Geschichte keinen Sinn hat, wenn es keinen Sinn gibt, wie es in einem naturwissenschaftlichen Weltbild der Fall ist? Dann müsste man ihn stiften, sagen die Ideologen. Denn das Schlimmste sei die Gleichgültigkeit, so titelt Hessel den nächsten Abschnitt. Und wieder geißelt er allseits bekannte Missstände: die Schere zwischen Arm und Reich, die Menschenrechte und der Zustand unseres Planeten, die in ein bisschen Werbung für ATTAC (Association for the Taxation of Financial Transaction for the Aid of the Citizens) mündet.
Palästina-Frage und Kritik an der Politik der jüdischer Regierung
Die persönliche Empörung über das Palästinaproblem liegt Hessel nachvollziehbar am Herzen. Zipfelmützenträger Michel und Marianne fragten sich, wo die freie Presse ist, die – besonders in Deutschland – Kritik an israelischer Politik üben darf, ohne schon ihm Vorfeld von den Hütern von politically correctness aus den Medien herauslektoriert zu werden.
Gewaltlosigkeit ist der Weg
Dass Hessel Terrorismus nicht gutheißt, reißt den Leser nicht vom Stuhl. Friedlicher Widerstand sei das Mittel der Wahl. Atomkraftgegner, die mit Gummigeschossen und Wasserwerfern mundtot gemacht werden, dürfte das freuen. Der Bürger, der bei einer genehmigten Demonstration in Stuttgart sein Augenlicht verloren hat, wird sich wünschen, die gewählten Politiker hätten Hessels Schrift gelesen und befolgt.
Michel und Marianne fragen sich: Warum ist das alles so? Was habt ihr (da oben) von 1945 bis heute gemacht? Hessel sieht als das Ende der Kolonialherrschaft als Errungenschaft. Hat sie nicht nur andere Formen angenommen? Die Apartheid sei beseitigt. In Südafrika werden weiße Touristen von weißen Polizisten vor den armen Schwarzen geschützt. Das Sowjetreich sei untergegangen, so Hessel. Dafür haben wir Putin und eine russische Mafia. Und so weiter und so fort.
Hoffnung als Fazit!?
„Aber wir müssen hoffen, immerzu hoffen“ sagt Hessel resümierend. Das erinnert an den alten müden Mann im Vatikan. Hoffen und harren, hält alle zum Narren, sprichwortet der deutsche Michel und fragt: Wie kann ich mich einbringen, wenn im Schul- und Bildungssystem systematisch der sachunkundige, unkritische und konsumorientierter Nachwuchs als stimmabgebendes Wahlvolk produziert wird? Wie kann ich mich einbringen, wenn in Parteien, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen dieselben Auslesestrukturen herrschen wie in der Deutschen Bank, an der Börse oder einem Industriekonzern? Es wird in Frankreich auch nicht anderes sein: Wenn die französische Marianne sich hochgedient hat, um an entscheidender Stelle zu sitzen, um im Sinne Hessels sich einmischen zu können, ist sie bereits korrumpiert und verstrickt in amoralischer Machtpolitik, dass ihr das Wort im Halse stecken bleibt – oder einfach mitmacht und (vielleicht) hofft. Auf was?
Fazit: Es ist keine Streitschrift, wie der Ullsteinverlag titelt. Die Selbstverständlichkeiten und Plattitüden im Inhalt sind nicht strittig. Die Schrift „Empört Euch!“ Ist empörend enttäuschend. Das hat wiederum etwa Tröstliches: Wer ent-täuscht ist, unterliegt keiner Täuschung mehr.
Stéphane Hessel: Empört euch! 1. französische Auflage 2010. Deutsche Übersetzung von Michael Kogon 2011 in der 11. Auflage bei Ullstein in Berlin. Paperback. 30 Seiten. 3,99 €
