"Unsa ana foahrt kaan Japana" stand auf einem Aufkleber, der in den 80ern vor allem bei BMW-Fahrern beliebt war. Damals schimpften eine ganze Menge Leute auf die Käufer japanischer Autos. Ihr Argument war, dass dadurch den Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie die Arbeit weggenommen werde. Das war zwar durchaus richtig, aber, wie man heute sehen kann, nicht die einzige Folge davon, dass unser Markt mit Konsumgütern aus Billiglohnländern überschwemmt wurde.
Blickt man 45 oder 50 Jahre zurück, sieht man in Deutschland eine sehr breit gefächerte Industrie: Importiert wurden vor allem Rohstoffe, die es hier nicht gibt, ansonstens wurde praktisch alles im Lande hergestellt: Vom Roheisen bis zur Waschmaschine, von der Papiermaschine bis zum Essbesteck und vom Baum bis zum Fußbänkchen, von der Haarbürste bis Fernsehapparat. Der Import der Dinge, die es hier nicht gibt und die man nicht selbst machen kann, nämlich bestimmter Rohstoffe, wurde durch den Export hochwertiger Investitionsgüter bezahlt, jedoch der Löwenanteil der Industrieproduktion im Inland konsumiert.
Abgewrackte Industrien
Heute sieht es ganz anders aus. Die auch bereits stark kränkelnde Autoindustrie ist praktisch die einzige Konsumgüterindustrie von Bedeutung, die verblieben ist. Im Ruhrgebiete haben die Schlote aufgehört zu rauchen, nachdem man vor gut 20 Jahren die Stahlwerke mit der fadenscheinigen Begründung abgewwrackt hat, dass Stahl auf dem Weltmarkt billiger zu haben sei, als man ihn im Inland produzieren könne. Konsumgüter, vom Gartenstuhl bis zum Breitbildfernsehapparat kommen aus Fernost, und eine Computerindustrie konnte sich hierzulande erst gar nicht entwickeln. Die vielgepriesenen HighTech-Produkte "Made in Germany" sind in Wirklichkeit eine schmale Palette von recht spzezialisierten Investitionsgütern – oder gar nur Teilen davon – die in starker Abhängigkeit von Rohstoffpreisen auf dem Weltmarkt und Wechselkursen produziert und verkauft werden.
Was bedeutet das? Als in Deutschland noch so gut wie alle Konsumgüter produziert wurden, bestand für einen erheblichen, wenn nicht den überwiegenden Teil der Industrie der Markt aus der Mittelschicht, die damals sehr breit war. Eine Unterschicht – zumindest im finanziellen Sinne – gab es fast gar nicht mehr. Außer dem großen Teil der Industrie, die davon existierte, dass diese Mittelschicht ihre Produkte kaufte, war auch die Investitionsgüterindustrie in hohem Maße von der Mittelschicht abhängig: Wenn die Leute keine Mopeds, Kühlschränke und Besteck hätten kaufen können, hätten die entsprechenden Fabriken auch keine Drehbänke, Fräsmaschinen und Pressen gebraucht und ein erheblicher Teil des Marktes für diese Güter wäre weggebrochen.
Auch in den Zeiten des Wirtschaftswunders jammmerte die Industrie natürlich über hohe Löhne und hohe Lohnkosten. Allerdings mehr pro forma, denn sie war ja auf die Kaufkraft der breiten Masse angewiesen. Daher konnten auch die Gewerkschaften seinerzeit immer durchsetzen, dass der Arbeiter über Lohnerhöhungen seinen Teil vom wachsenden Bruttosozialprodukt abbekam. Aus dem gleichen Grund sperrten die Lobbies der Industrie sich damals auch nicht allzu sehr gegen verbesserte Sozialleistungen oder verlangten gar deren Abbau.
Umbau durch Globalisierung
Durch die Globalisierung wurde alles anders. Man verkaufte sie zunächst als positive Sache, die aus der Welt ein freundliches globales Dorf machen würde, in dem jeder das machte, was er am besten kann. Das sollte durch den Abbau von Handelsschranken und Erleichterungen für den internationalen Geldfluss erreicht werden. Die Folgen dieser Maßnahmen waren jedoch a href="http://www.tabvlarasa.de/31/Gross.php"sehr wenig positiv, was mittlerweile so offenkundig geworden ist, dass man die Globalisierung heute bereits gar nicht mehr als erstrebenswertes Ziel, sondern als gegebenen Sachzwang darstellt und damit Sozial- und Lohnabbau rechtfertigt.
Tatsächlich bewirkte die Globalisierung zunächst, dass der inländische Markt für Konsumgüter mit Billigprodukten überschwemmt wurde, die der heimischen Konsumgüterindiustrie, zum Beispiel der Unterhaltungselektronik-Branche das Wasser abgruben und sie zerstörten. Davon betroffen waren aber auch Teile der Investitionsgüterindustrie, die ja indirekt zu einem erheblichen Teil von den Konsumgütern abhängig war. Diese Entwicklung begann übrigens nicht erst mit der Ära Kohl, sondern setze fast unbemerkt bereits in den 60er Jahren mit dem Sterben der Textilindustrie ein. Auch sieht man die Folgen dieser Entwicklung nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Industrieländern: In den USA beispielsweise ist der Industriegürtel zum "Rust Belt" geworden, wo die stillgelegten Fabriken vor sich hin rosten und auch in Japan, das noch vor 25 Jahren als ein Gewinner im globalen Wettbewerb erschien, sieht es mittlerweile recht düster aus.
Ein weiterer schlimmer Einschnitt war die Zerschlagung der Stahlindustrie in den 80er Jahren. Mittlerweile ist unsere Industrie zu einer ziemlich spezialisierten Werkbank umgebaut worden, die an beiden Enden von internationalen Gegebenheiten abhängig ist: Auf der Einkaufseite ist sie von Weltmarktpreisen für Stahl und Erdöl sowie ausländischen Technologien abhängig, auf der Absatzseite wiederum von Wechselkursen und der internationalen Konkurrenzlage.
In dieser Situation spielt die wirtschaftliche Lage der Mittelschicht für die Industrie keine Rolle mehr und ihre Lobby setzt sich sich nur noch für Dinge ein, welche die Arbeitskosten verringern. Arbeit wird billigst eingekauft, was natürlich dadurch möglich ist, dass große Teile unserer Industrie verschwunden und daher Arbeitsplätze Mangelware sind. Infolge der internationalen Konkurrenz ist ein solches Verhalten auch geboten, denn auch andere Industrienationen sind in der gleichen Lage und verkaufen ihre Güter über den Preis. Und genau das ist der Grund für die Neue Armut: Arbeitsmangel durch verschwundene Industrien und infolge Exportorientierung der Rest-Industrie fehlendes Interesse an Kaufkraft in der breiten Masse.
Das Ganze entspricht den Zielen der Globalisierung, die mittlerweile zum großen Teil erreicht wurden: Die Industrienationen sind zu spezialisierten Werkbänken verkommen, wobei die dortigen Fabriken bereits großenteils im Besitz internationaler Konzerne sind. Die Entwicklungsländer sind reine Rohstofflieferanten, die durch die von den globalen Unternehmen diktierten Preise keine Chance haben, aus ihrer Armut herauszukommen. Die so genannten Schwellenländer schließlich, wie etwa China, haben die Aufgabe, um den Preis gnadenloser Ausbeutung die benötigten Konsumgüter billig herzustellen, damit die working poor und die Arbeitslosen in den Industrieländern durch ein wenig Konsum einigermaßen ruhig gestellt werden können.
Blog-Beitrag zu Globalisierung und Gegenbewegungen
Blogbeitrag zur Bedeutung der Konsumgüterindustrie für die Mittelschicht
