
- Taniguchi: Die Sicht der Dinge - Carlsen Verlag
Seit Jiro Taniguchi im Jahr 2003 mit dem Preis als bester Szenarist für seine Graphic Novel „Vertraute Fremde“ auf dem renommierten Comic-Festival in Angoulême ausgezeichnet wurde, gilt er auch in Europa als einer der renommiertesten Autoren für Mangas. Bereits im Jahr 1994 erschien in Japan die Graphic Novel „Chichi no Koyomi“, die der Carlsen Verlag jetzt auf deutsch unter dem Titel „Die Sicht der Dinge“ veröffentlicht hat.
Was ist Heimat?
Der Titel ist auch das Leitmotiv, unter das Jiro Taniguchi seine Graphic Novel gestellt hat. Wie werden die Dinge gesehen? Die erste Frage, die er seinen Protagonisten Yoichi Yamashita stellen lässt, lautet: Was ist Heimat? Für Yoichi bedeutet Heimat ein Nachmittag im Friseurladen seines Vaters in der japanischen Stadt Tottori. Zeit: unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Laden ist lichtdurchflutet, Vater steht hinter seinem Kunden und schwingt die Schere. Yoichi sitzt auf dem Dielenboden und lässt seine Spielzeugautos umherfahren. Diese Szenen der beschaulichen Stille, zählt Yoichi zu den glücklichsten Tagen seines Lebens.
15 Jahre fernab der Familie
Jahrzehnte später ereilt Yoichi ein Anruf. Sein Vater ist gestorben, und er soll nach Tottori kommen, um mit dem Rest der Familie die Totenwache zu halten. Mittlerweile ist er ein erfolgreicher Grafiker in Tokio geworden und hat seine Familie 15 Jahre nicht besucht. Natürlich fährt er zurück. Aber warum ist er so lange nicht nach Hause gefahren? Die Antwort darauf entwickelt Taniguchi in „Die Sicht der Dinge“ Stück für Stück und nimmt den Leser mit auf dieser gezeichneten Spurensuche. Seite für Seite enthüllt er mehr Facetten der ausgeblichenen und verbannten Erinnerungen von Yoichi Yamashita. Bild für Bild ist er einem tragischen Familienschicksal auf der Spur.
Katastrophe und Neuanfang
Ein verheerender Brand, der fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche legt, zwingt die Familie zu einem Neuanfang. Vater Takeshi hat noch weniger Zeit für Frau und Familie. Die Eltern entfernen sich immer mehr voneinander, bis sich die Mutter schließlich scheiden lässt. Der junge Yoichi gibt seinem Vater die Schuld dafür und baut ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihm auf, von dem er sich bis zum Schluss nur schwer lösen kann. Nach dem Beenden der Schule verlässt Yoichi die Stadt und fängt ein Studium im entfernten Tokio an. Aber hat der Vater wirklich versagt, kann er für alle Fehler verantwortlich gemacht werden?
Ist Vater an allem schuld?
Es ist weniger die Suche nach der absoluten Wahrheit, als die titelgebende Sicht der Dinge, die Sicht auf die Dinge, um die es geht. In zahlreichen Rückblenden zeigt Taniguchi, dass diese Sicht sich im Laufe der Jahre verändern kann. Yoichi und seine Familie selbst und die Freunde seines Vaters verdichten in kurzen Erzählungen und Anekdoten das Bild des toten Vaters und zeigen Yoichi eine ganz neue Sichtweise auf. Was für den jungen Yoichi noch unverständlich ist, kann für den alten, Teil einer tieferen Gewissheit sein, die ihn die Dinge erst verstehen lässt.
Traurig und fröhlich zugleich
Und so ist „Die Sicht der Dinge“ traurig und fröhlich zugleich. Traurig, weil diese Graphic Novel von verpassten Chancen erzählt – Fröhlich, weil es noch so viele Chancen gibt, die nicht verpasst werden wollen. Jiro Taniguchi zeichnet eine Geschichte der leisen Zwischentöne. Das hat Substanz und sticht aus der Masse der blutreifenden, gewalttätigen und expressiven Japanexporte wohltuend hervor.
Die Sicht der Dinge. Zeichnungen und Text: Jiro Taniguchi. Carlsen Verlag. Paperback, s/w, 288 Seiten. Euro 14,00
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