Die Siebenbürger Sachsen. Von der ersten Besiedlung bis heute

Staub über Holzmengen - Jasmin Hambsch
Staub über Holzmengen - Jasmin Hambsch
Im Mittelalter kamen die Siebenbürger Sachsen ins damalige Königreich Ungarn, heute Rumänien. Die Spuren ihrer Besiedlung prägen bis heute die Stadtbilder.

Auf die Siebenbürger Sachsen geht eine Vielzahl an Stadtgründungen im heutigen Rumänien zurück. Sie sollten das Königreich Ungarn gegen die heidnischen Kumanen verteidigen – im Gegenzug gewährte ihnen der König freies Land und Rechte. Siebenbürgen – ursprünglich das Land der Sieben Burgen – wurde vor vielen hundert Jahren durch Deutsche besiedelt. Vermutlich abgeworben vom ungarischen König Géza II während ihres Kreuzzuges ins Heilige Land, siedelte sich Menschen aus dem einfachen Volk im südöstlichen Teil des Karpatenbeckens an und bildeten im Laufe der Zeit ein eigenes Volk mit kulturellem Gedächtnis und eigener Sprache heraus.

Hermannstadt ist Kulturhauptstadt Europa 2007

Zu einer der ersten Stadtgründungen gehörte Hermannstadt (Sibiu), das wie Kronstadt (Brasov), Schäßburg (Sighisoara) und viele weitere Städte bis heute seine Gründungsherkunft deutlich erkennen lässt. Allenorts trifft man dort noch auf deutsche Namen; unzählige Kirchen und alte Bauten verweisen auf seine deutschen Gründer. Als Hermannstadt 2007 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, wurde der alte Stadtkern gründlich saniert und erstahlt seitdem in neuem, pittoreskem Glanz.

Deutsche Spuren in rumänischen Städten

Trotz des schwindenden Bevölkerungsanteils der Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien (im letzten Jahrhundert reduzierte sich die Bevölkerungszahl durch Abwanderung von 300.000 auf unter 15.000), wird Hermannstadt von einem deutschen Bürgermeister regiert. Seine Partei der Deutschen Minderheit stellt die Mehrheit im Stadtrat. Dies spiegelt die heutige Positionierung der Siebenbürger jedoch nicht adäquat wider, sondern ist vielmehr Ausdruck einer letzten Bastion der verbliebenen Minderheit.

Die Siebenbürger Sachsen

Seit dem Mittelalter wuchs die Siedlergemeinschaft aufgrund der ihr zugestandenen Autonomie in der Region des heutigen Zentralrumäniens zu einem Volk zusammen. Es bildete sich ein gemeinsamer Dialekt, das Sächsisch, heraus, das bis heute von den dort ansässigen Deutschen gesprochen wird. Trotz der Namensgleichheit ist es mit dem hiesigen sächsischen Dialekt nicht verwandt. Dies gilt ebenso für die Menschen, deren ursprüngliche Herkunft vielmehr unter anderem im Mittelrheinischen und Moselfränkischen zu suchen ist. Die Deutschstämmigen pflegten über Jahrhunderte eigene Kultur und Weltanschauung, ohne sich mit den anderen Volksgruppen zu mischen. Die Strukturen innerhalb der Gemeinschaft waren von restriktiven Mustern geprägt. Regelmäßiger Kirchgang, gemeinschaftliches Arbeiten aber auch gemeinsam ausgerichtete Feste strukturierten den Lebensalltag. Eine Hochzeit war nur innerhalb der Volksgruppe möglich.

Auswanderungswelle im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert allerdings änderte sich die Situation dramatisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutschstämmige Bevölkerung entrechtet, tausende Siebenbürger Sachsen verschleppt. Unter der Zwangskollektivierung des Landes durch den Rumänischen Staat hatten zuerst und mit aller Härte die Siebenbürger Sachsen zu leiden. Diese Faktoren trugen zu einer Abwanderungswelle in den 50er Jahren bei, die durch das Abkommen zum Freikauf von Deutschstämmigen zwischen Deutschland und Rumänien im Jahr 1969 noch gefördert wurde. In den 70er Jahren erreichte sie einen Höhepunkt, der sich nach der Wende 1989 noch einmal verstärkte.

Zerfall und Umbruch als Folge der Auswanderung

Das heutige Hermannstadt mit seinem deutschen Bürgermeister bildet die große Ausnahme. Vor allem auf dem Land, wo die Dorfgemeinschaft bis zuletzt ausschließlich aus Deutschen bestand, ist das Bild stark von der Abwanderung geprägt. So zum Beispiel in Holzmengen (Hosman), einem kleinen Dorf östlich von Hermannstadt, wo die wenigen verbliebenen Menschen wie letzte Überlebende einer längst vergangenen Zeit wirken. Die Jungen haben das Land verlassen oder sind in die großen Städte gezogen. Auch viele Alte haben ihren Wohnsitz nach Deutschland verlegt, kehren aber im Sommer regelmäßig nach Rumänien zurück, um ihre Häuser und Gärten für den Eigenbedarf zu bewirtschaften und der alten Heimat treu zu bleiben. Viele der Häuser stehen inzwischen jedoch leer. Das Dorf Holzmengen ist, wie so Vieles dort, im Umbruch: Nach und nach siedeln sich einige Rumänen, Sinti oder Roma an. Die staubigen, unasphaltierten Straßen werden aufgerissen, um eine Kanalisation zu realisieren. Während neue Häuser gebaut werden, sind die historischen Gebäude, die alte Kirche, der Friedhof und das Schul- bzw. Gemeindehaus dem Verfall preisgegeben. Die ursprüngliche Dorfgemeinschaft ist längst auseinandergebrochen, es fehlt an Geld und vor allem an den Menschen, die eine Instandhaltung verwirklichen könnten.

Das kleine Dorf Holzmengen (Hosman)

Doch hinter den großen Hoftoren der Häuser verbergen sich noch die letzten Überbleibsel alter Zeiten. Alte Scheunen und Viehställe zeugen vom früheren Arbeitsalltag im deutschen Dorf. In die Jahre gekommene Ehepaare pflanzen und ernten dort das, wovon sie im Sommer hauptsächlich leben. Auf vielen Grundstücken gedeiht Wein, der gekeltert wird, und anderes Obst, das man gemeinschaftlich zu Schnaps brennt. Dass auch dieses Überbleibsel irgendwann der Veränderung weichen muss, ist eine Frage der Zeit. In diesem Jahr jedenfalls wurden die „Garben“ noch eingeholt. Und so lange es das Wetter zulässt, sitzt man abends auf dem Bänkchen vor dem Haus und bespricht mit den wenigen verbliebenen Nachbarn und Freunden wie eh und je die Neuigkeiten im Dorf.

Jasmin Hambsch, Jasmin Hambsch

Jasmin Hambsch - Studium der Fächer Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Pädagogik. Promotion im Fach Literaturwissenschaft. ...

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