Die Silvestersänger von Borgholzhausen

historisches Stadtwappen von Borgholzhausen - Stadtarchiv Borgholzhausen
historisches Stadtwappen von Borgholzhausen - Stadtarchiv Borgholzhausen
Ein einzigartiger Silvesterbrauch ist im Bergstädtchen Borgholzhausen am Teutoburger Wald bis heute lebendig.

Seltsames tut sich gegen Mitternacht des 31. Dezember an der Borgholzhausener Kirche. Drei, gelegentlich vier baumstarke Männer versammeln sich vor der Tür des ehrwürdigen Gebäudes, mit Wanderstab, Laterne und Tute bewaffnet. Neben ihnen finden sich Dutzende Piumer Bürger ein. Mit Sektflaschen und Knallkörpern ausgerüstet, harren sie der Dinge, die nun kommen werden. Schlag zwölf, wenn all überall die Silvesterraketen in den Himmel steigen, stimmen die Borgholzhausener Silvestersänger ihr traditionelles Lied zum Neuen Jahr an. Und dann stoßen alle miteinander an, um sich hernach auf den Weg ins Heimathaus zu machen.

Silvestersänger: Ein altes Brauchtum

Der Brauch des Silvestersingens ist ausgesprochen alt. Auch wenn es ihn heute wohl nur noch im kleinen Bergstädtchen Borgholzhausen gibt, war er ursprünglich weit über Westfalen verbreitet. Noch im 19. Jahrhundert fanden sich Silvestersänger auch im Münsterland und zogen hier in der Silvesternacht ihre Runden von Haus zu Haus. Überall trugen sie ihr Silvesterlied vor, im Kern eine je lokale Abwandlung des traditionellen Nachtwächterliedes. Am nächsten Morgen dann machten sich die Silvestersänger erneut auf ihren Weg, um sich an jeder Haustür beschenken zu lassen.

Nachtwächter und Silvestersänger

Entstanden ist der Brauch offenbar aus dem tradierten Nachtwächtertum, das bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein durchaus noch Bedeutung hatte. Nachtwächter gab es in allen Orten; sie sagten die Zeit an und wurden als Brandwache gebraucht. Gerade in alten Zeiten, in denen die Masse der Häuser noch aus Stroh gedeckt waren, waren Nachtwächter unverzichtbar. Das jedoch änderte sich im 19. Jahrhundert ebenso, wie die Brandwache selbst. Feuerwehren entstanden, Alarmsirenen kamen auf und Uhren fanden sich bald in jedem Haushalt. So wurden die Dienste der Nachtwächter bald nicht mehr benötigt und mit ihnen verschwand auch die Sitte, dem alten Jahre ab- und dem neuen entgegen zu singen.

Eine einzigartige Tradition zu Silvester

In Borgholzhausen jedoch hielt sich der alte Brauch, und zwar bis heute. Mittlerweile ist die örtliche Tradition wohl einzigartig; ein kleines Stück Alleinstellung, das in Borgholzhausen auf besondere Weise gepflegt wird. Im Ortseingangsbereich, unmittelbar am Heimathaus, hat man den Silvestersängern ein Denkmal gestiftet; der Heimatverein hat hierfür vor Jahren einen Künstlerwettbewerb ausgeschrieben und dann auf Dauer gestellt, was auf Dauer nur schwierig zu halten ist. Seit Jahren schon, eigentlich bereits seit Streichung der Nachtwächterstellung im Jahre 1922, mühen sich die Borgholzhauser jährlich darum, die Tradition am Leben zu halten.

Und man hatte Glück; der legendäre „Vater Benne“ – beinahe vier Jahrzehnte lang war er schon gemeinsam mit dem letzten Borgholzhauser Nachtwächter Uthmann durch die Silvesternacht marschiert – nahm sich der Sache an. Noch rund 20 Jahre lang versah er mit einigen seiner alten Nachbarn und Freunde den Dienst und hielt im Bergstädtchen am Teutoburger Wald eine Tradition aufrecht, die andernorts mit Geld und guten Worten nicht zu retten war. Übrigens, zu Silvester 1937 entdeckte der damalige Reichssender Köln die Piumer Tradition; eine zwanzigminütige Radiosendung, in deren Zentrum Vater Benne und seine Sängerkollegen standen, sorgte damals für ein Riesenaufsehen. Bis heute verwahrt der Heimatverein Borgholzhausen die damals entstandene Schellack-Schallplatte.

Der Weg der Silvestersänger

Nach Vater Benne fanden sich andere Borgholzhauser, denen das Brauchtum der Silvestersänger wichtig genug war. Vom späten Abend bis zum frühen Morgen trugen sie ihre Lieder in den Straßen und an den Eingangstoren der Bürgerhäuser vor. Bis Mitte der 70er Jahre gab es keine Nachwuchssorgen, aber dann fehlte der Nachwuchs doch. Die Aufgabe ist ja auch nicht ohne. Zunächst einmal verzichten die Sänger – und mit ihnen ihre Ehefrauen – auf die Teilnahme an irgendeiner Silvesterparty. Und während Gott und die Welt Silvester feiern, marschieren die Sänger einsam durch die kalte Nacht. Um 18:00 Uhr startet die Wanderung beim Seniorenheim. Rund sechs Stunden sind die Silvestersänger fortan mit ihren Liedern unterwegs, und dabei steuern sie eine kleine Reihe fester Stellen an. Eine heiße Suppe gibt es hier, den einen oder anderen Berliner dort. Nur Alkohol rühren die Sänger in dieser Nacht nicht an. So wandern sie durchs verschneite Borgholzhausen, bis sie der Weg zur Mitternacht ins Stadtzentrum führt. Und wenn es dann zwölf geschlagen hat und die Kirchenglocken nach fröhlichem Neujahrsgeläut endlich verstummt sind, begrüßen die Sänger das neue Jahr auf ihre ganz eigene Weise.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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