
- W108 in voller Fahrt - Mercedes-Benz
Der Name "S-Klasse“ war zu der Zeit, in der die Baureihe W108 / W109 Premiere feierte, noch gar nicht erfunden. Dieser wurde von Mercedes erst 1972 mit der Baureihe W116 eingeführt. Doch die Modelle mit den Bezeichnungen 280 SE bis 300 SEL 6.3 waren wie ihre Vorgänger und Nachfolger die erfolgreichsten Luxuslimousinen ihrer Zeit. Die Baureihe W 108 mit den Modellen 250 S (Vergaser) und 250 SE (Einspritzer) wurde der Öffentlichkeit erstmals im Sommer 1965 präsentiert. Auch ein 300 SE mit Leichtmetallmotor war wieder zu haben.
Vorgestellt wurden die Mercedes als "Neue Klasse“ und somit als Nachfolger der Heckflossenautos. Das Automobildesign war seinerzeit viel stärker von amerikanischen Einflüssen geprägt als heute. Zu Beginn der Sechziger hatten die Linien wieder gerader zu sein. Autoornamentik und Barock in der Linienführung galten als endgültig überholt. Paul Bracq war der Mann, der das Design des W108 zu verantworten hatte.
Gegenüber ihren Vorgängern – den Mercedes mit Heckflossen – wirkte die "Neue Klasse“ wesentlich gestreckter und größer. Doch dies war ein optischer Trick: Tatsächlich war das Auto nur 25 mm länger und 15 mm breiter als seine Vorgänger – aber auch nur, weil die Stoßfänger jetzt Gummibeläge hatten. Der Radstand blieb sogar unverändert. Doch das Dach wurde um 60 mm abgesenkt; jedoch ohne die Kopffreiheit der Insassen einzuschränken.
Das Jahr 1965 begann verheißungsvoll
Die Lohnsteuer in der BRD wurde gesenkt. Wehrdienstleistende erhielten 2,70 DM anstatt 2,30 DM Sold am Tag. Ein Investitionsschutzabkommen zwischen Taiwan und der BRD wurde geschlossen. Auf der Strecke München-Augsburg fuhr erstmals ein fahrplanmässiger Schnellzug mit der berühmten Lokomotive E103 Tempo 200. Der Montblanc-Tunnel wurde eröffnet. Das fünfte Album der "Beatles“ – Help – wurde in England veröffentlicht. Der Film "Doktor Schiwago“ feierte Premiere in New York und die deutsche Hard-Rock-Band "Scorpions“ wurde gegründet. "Werder Bremen“ feierte am 15.Mai 1965 die Deutsche Meisterschaft in der Bundesliga und Jörg Tilmes seinen vierten Geburtstag.
Die Innovationen und die verschiedenen Versionen des W108 / W109
Vom Frühjahr 1966 an war erstmals bei einem Mercedes in der Großserie auf Wunsch und gegen Mehrpreis eine Zentralverriegelung verfügbar. Dieses Extra – heute eine Selbstverständlichkeit – funktionierte per Unterdruck und wurde von der Fahrertür aus bedient. Aber zu dieser Zeit waren auch eine Heckscheibenheizung, getöntes Glas und sogar Stahlgürtelreifen sowie eine Servolenkung nur gegen Aufpreis zu haben. Scheibenbremsen an allen vier Rädern waren zwar aufpreisfrei, aber außergewöhnlich für die damalige Zeit.
Neben den Limousinen fertigte Mercedes auf der Basis der Baureihe W108 / W109 auch ein Coupé und ein Vollcabriolet. Die hocheleganten Fahrzeuge wurden zunächst mit dem Standardkühler, später aber auch mit dem sogenannten Flachkühler ausgeliefert. Im Motorsport wurde der 300 SEL 6.8 von der neugegründeten Firma AMG als Renntourenwagen eingesetzt. Dieses Unternehmen koordiniert noch heute die Motorsporteinsätze von Mercedes im Tourenwagenbereich.
Der 300 SEL 6.3 war die Topversion der Baureihe
Mitte der Sechziger Jahre wurden in den Staaten die "Muscle Cars“ geboren. Bärenstarke Motoren fanden den Weg in die Karosserien amerikanischer Mittelklasseautos. Unter den US-Herstellern setzte ein regelrechtes Wettrüsten um die höchste PS-Zahl ein. Wie so vieles andere auch, so schwappte diese Welle nach Europa. Mercedes nahm den Achtzylinder aus dem Modell 600 und pflanzte ihn in den 300 SEL 6.3 ein. Unter dem Blech waren zahlreiche Modifikationen nötig. Rahmenvorderbau und Getriebetunnel mußten angepaßt werden, um Platz für den V8 zu schaffen.
250 PS aus 6,3 Liter Hubraum machten den 300 SEL 6.3 zur damals schnellsten Serienlimousine Deutschlands. Das Leistungsgewicht von 7,1 kg/PS lag auf dem Niveau reinrassiger Sportwagen. Von der Beschleunigung her überflügelte die Mercedes-Limousine sogar den Porsche 911 S und den Jaguar E-Type 4.2 Series II. Der 6.3 wurde ausschließlich mit Automatikgetriebe ausgeliefert. Äußerlich unterschied sich der 300 SEL 6.3 durch markante, übereinanderliegende Doppelscheinwerfer von seinen schwächeren Brüdern. Ein Merkmal, mit dem fortan fast jeder Neuwagen der Reihe aus- und nachgerüstet wurde.
Die Situation heute und ein Ausblick
Gebrauchte W108 / W109 sind begehrte Autos. Ihre Preise beginnen bei etwa 6.000 Euro und enden bei etwa 50.000 Euro für Fahrzeuge im neuwagenähnlichen Zustand mit geringer Kilometerleistung. Preisausreisser nach oben sind die Cabrioletversionen, die auch schon mal 120.000 Euro kosten.
Diese Mercedes-Baureihe zeichnet sich ebenso wie ihre Nachfolger durch ein hohes Maß an Solidität und Langzeithaltbarkeit aus. Selbstverständlich gibt es Schwachstellen, an denen der Rost nagt. Doch für etwa 6.000 Euro bekommt man durchaus ein Exemplar, das mit geringen Eigenleistungen oder einem bescheidenen Einsatz weiterer Geldmittel in einen alltagstauglichen Youngtimer mit H-Kennzeichen aufzubereiten ist. Ein geringer Steuer- und Versicherungssatz kombiniert außergewöhnliches Fahren mit niedrigen Festkosten. Die Ersatzteilversorgung ist sehr gut und die Reparaturkosten sind überschaubar. Hilfe, Kaufberatung und Antworten auf alle anderen Fragen erhält man unter www.s-klasse-club.de !
Insofern sprechen auch praktische Erwägungen für den Erwerb, den Erhalt und die Nutzung eines so schönen, alten Autos – selbstverständlich mit grüner Umweltplakette, falls es mit einem Katalysator nebst Kaltlaufregler nachgerüstet wurde. Dass man sich damit vom Heer der Kleinwagenfahrer unterscheidet, liegt auf der Hand. Modellautos vom Mercedes W108 baut die Firma Minichamps im Maßstab 1:43 (etwa elf Zentimeter zu 32,95 Euro).
Billiger werden die Autos nicht mehr
Wer sich einen W108 zulegen will, sollte dies jetzt tun! Ein sehr schönes blaumetallicfarbenes Exemplar fährt im Übrigen der Schauspieler Dieter Pfaff in der Fernsehserie "Der Dicke", die dienstags um 20 Uhr 15 auf der ARD zu sehen ist. Die Firma AutoArt wird vom W109 im Herbst 2009 ein hochwertiges Modellauto im Maßstab 1:18 auf den Markt bringen, dessen Karosserie mit zu öffnenden Türen und Hauben schon beim Vorserienmuster perfekt getroffen ist und das mit zahlreichen, fein ausgearbeiteten Details am Armaturenbrett und im Motorraum zu begeistern weiß.
Update 14. Juli 2009: Lesen Sie auch den Artikel zur IAA 2009.
