
- “Socrates”, The Open Court Publishing Co./Chicago - Leonard, William Ellery
Der Philosoph und Pädagoge Leonard Nelson entwickelte die sokratische Methode mit dem Ziel, das Konzept des sokratischen Dialogs auf Gruppensituationen zu übertragen. In den platonischen Dialogen nämlich, so Nelson, findet sich im Philosophieren des Sokrates die Methode, um dass selbstständige und eigenverantwortliche Denken zu unterrichten. Deshalb ist Sokrates Leistung darin zu sehen, dass er nicht Philosophie sondern das Philosophieren selbst lehrte. (Vgl. Nelson 1922)
Sokrates Mäeutik – Hebammenkunst als Hilfe zur Geburt von Erkenntnissen
Platon selbst meinte Sokrates philosophische Methode am besten mit der Analogie zur Mäeutik zu treffen. Tatsächlich wollte Sokrates keine eigene Lehre verbreiten, sondern im gemeinsamen Dialog zu neuen Erkenntnissen gelangen. Seine unablässige Fragerei zwang den anderen, seine eigenen Urteile gründlich zu überprüfen, um so bei dem Dialogpartner neue Einsichten entstehen zu lassen. Zunächst bestand die neue Einsicht in der eigenen Unwissenheit, die dann den Boden für neue offene Denkwege bereitete.
Nelson – wie Sokrates die philosophische Lehrmethode begründete
In Sokrates Dialogführung sieht Nelson die philosophische Lehrmethode, die zum eigenen Nachdenken des Schülers führt und der dogmatischen kritisch gegenüber steht. Der dogmatische Unterricht will bloß Fakten-Wissen indoktrinieren und nicht zum eigenen Denken anregen. In der Philosophie aber geht es um kritische Prüfung von Wahrheiten, die allgemeingültige Grundprinzipien des Seins beschreiben. Diese werden nicht ohne Fleiß erreicht und der notwendigen Fähigkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden. Aus diesem Grund rief Kant zum mündigen Bürger auf. Die philosophische Methode ist die Fähigkeit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, in der Sokrates einen unterwies.
Hauptmerkmale sokratischer Methode nach Nelson – eigenständiges Denken und regressive Abstraktion
Leonard Nelson hielt trotz aller Kritik gegenüber den sokratischen Dialogen an zwei wesentlichen Faktoren fest, die für ihn die Wichtigkeit sokratischer Lehrmethode ausmachen.
- Wahre Erkenntnis entsteht durch eigene geistige Anstrengung.
- Die regressive Abstraktion befähigt im Konkreten allgemeine Wahrheiten zu finden.
Entsprechend kann Wissen oder Erkenntnis nicht durch einen Vortrag oder Lesen eines Buches entstehen. Vielmehr gilt es durch eigenes Nachdenken, vermittels einer eigenen inneren kritischen Haltung zu urteilen und sich nicht durch das fremde Urteil beeinflussen zu lassen. Weiters ist in die Form kritischer Reflexion eine hervorragende Übung, die von der regressiven Abstraktion gefordert wird. Das bedeutet die Grundannahmen eigener Wertvorstellungen aus konkreten Erfahrungsurteilen abzuleiten.
Induktion versus Deduktion – Zwei Wege der Erkenntnisgewinnung
Die regressive Abstraktion wurde durch Kants Begriff der „Deduktion“ weiter aufgeklärt. Sokrates und Platon sprachen noch vom Reich der Ideen, dessen Abbilder nun die Begriffe seien, die aus der Abstraktion von Einzelerfahrungen gewonnen wurden. Der Begriff der Deduktion beschreibt eine logische Ableitung ausgehend vom Ganzen hin zum Einzelnen. Im Gegensatz hierzu beschreibt Induktion gemäss Hume das Herleiten einer Regelmäßigkeit aus der Quantität beobachtbarer Erfahrungen. Ein Beispiel für Deduktion ist, dass man vom Begriff des Säugetiers ausgehend feststellt, dass ein Wal ein Säugetier ist. Das klassische Beispiel für Induktion ist, dass regelmäßig die Sonne aufgehen wird, weil es jeden Tag zu beobachten war.
Die sokratische Methode nach Nelson als effektivere Lehrmethode des Gruppenunterrichts
Die sokratische Methode Nelsons beschreibt die philosophische Lehrmethode, das eigene Denken in Gruppen anzuleiten. Nelson befürwortet die sokratische Methode gegenüber der geläufig dogmatischen, weil der Schüler nur so durch die Fähigkeit selbständigen Denkens lernt, Fragen aufzulösen und Probleme zu bewältigen. Schließlich setzen sich Erkenntnisse, die durch eigene geistige Leistung errungen wurden, fester ins Bewusstsein. Den Rahmen und Anstoß für die geistige Reflexion bildet dabei der gemeinsame Dialog in der Gruppe. Der Lernerfolg wird dadurch nachhaltig, weil der Lernende die Erkenntnis in Form eigener Leistung verinnerlicht. Infolge der Übung von regressiver Abstraktion wird der Schüler, seine ganz eigene Kunst des Denkens ausbilden.
Aufgabe des Lehrers – das selbständige wie auch kreativ-innovative Denken zu lehren
Der Lehrer bringt keine eigenen Urteile ein, lenkt aber das Gespräch innerhalb der Gruppe durch konstruktive Fragen und hält an der Erörterung einzelner Punkte fest. Auf diese Weise lernt der Schüler eigenständiges Denken und seinem eigenen Urteil zu vertrauen. So wird sein Handeln und Denken vom eigenen Urteil und nicht von einem äußeren oder fremden Bestimmungsgrund motiviert. Wenn selbständiges Denken nicht gelehrt wird, sondern bloß vorgefertigte Meinungen und vorgezeichnete Denk- wie auch Lösungswege vorgetragen werden, ist schwer einzusehen, wie sich daraus Innovation und Kreativität im Denken der Menschen entwickeln sollte.
Quellen:
Nelson, Leonard: "Die sokratische Methode" (1922). In: L. N.: Gesammelte Schriften. Bd. 1: Die Schule der kritischen Philosophie und ihre Methode. Hamburg: Meiner, 1970. S. 269-316.
Stavemann, Harlich H.: Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung: eine Anleitung für Psychotherapeuten, Berater und Seelsorger. Weinheim 2002.
Bildnachweis:
Leonard, William Ellery: “Socrates”, The Open Court Publishing Co./Chicago 1915, Internet Archiv
