Die Sozialisationsinstanz Schule - früher und heute

Sozialisationsinstanz Schule - Stefan Dassler
Sozialisationsinstanz Schule - Stefan Dassler
Für den heranwachsenden Menschen ist die Schule neben der Familie eine der grundlegenden Sozialisationsinstanzen.

Schule hat sich im Verlauf der Zeit gewandelt. Eine Schulordnung aus dem 18. Jahrhundert zeichnet ein Bild von Schule in der vorindustriellen Zeit in Deutschland. Die Schulordnung ist eine allgemeine Verhaltensrichtlinie für Lehrer und Schüler.

Eine Schulordnung aus dem 18. Jahrhundert

„Den Lehrern (…) sollen die Schüler Liebe und Hochachtung bezeigen und ihnen mit kindlicher Anhänglichkeit und Offenheit begegnen. Auch den Erziehungshelfern (…) sollen die Schüler alle gebührende Ehre erweisen und sie als Vorgesetzte und Teilnehmer des großen Werkes ihrer Erziehung betrachten (…) Sie sollen stets eingedenk sein, dass der Lehrer mehr Kenntnis und mehr Erfahrung hat, und mithin besser als sie beurteilen kann, was ihnen Vorteil oder Schaden bringt (…) Die Vermahnungen und Zurechtweisungen desselben sollen sie jederzeit beherzigen, und seinen Strafen und Züchtigungen sich willig unterwerfen. Sie sollen niemals widersprechen oder sich widerspenstig erweisen oder gar einen heimlichen Groll gegen ihn fassen. Dankbarkeit gegenüber dem Lehrer und Vorgesetzten soll jeder Schüler seine erste Pflicht sein lassen, und sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten beweisen.“ (Quelle: Schulordnung aus dem Jahre 1796; in: Kursbuch 9/10 Religion, S. 299). Die Jugendlichen hatten sich früher der unbedingten Autorität der Lehrer unterzuordnen und (oft unbegründeten) Anweisungen Folge zu leisten.

Heutige Schulordnung an Gymnasien

Demgegenüber steht in der postindustriellen Zeit ein Auszug aus der Schulordnung für die Gymnasien in Bayern aus dem Jahre 2007: „§ 5: Die Lehrkräfte tragen im Rahmen der Rechtsordnung und ihrer dienstlichen Pflichten die unmittelbare pädagogische Verantwortung für die Erziehung und den Unterricht der Schülerinnen und Schüler. Sie tragen mit an der Verantwortung für die Schule (…) § 10: Über das Verfahren der Wahl und die Zahl von Verbindungslehrkräften entscheidet der Schülerausschuss im Einvernehmen mit der Schulleiterin oder dem Schulleiter. Veranstaltungen im Rahmen der Schülermitverantwortung unterliegen der Aufsicht der Schule (…) § 18: Der Zusammenarbeit der Schule mit den Erziehungsberechtigten dienen insbesondere Elternsprechstunden, Elternsprechtage, Klassenelternversammlungen und Elternversammlungen (…)“ (Quelle: Gymnasialschulordnung vom 23.01.2007). Heute ist ein eher partnerschaftlicher Erziehungs- und Unterrichtsstil zu beobachten (verglichen mit dem autoritären Stil von früher).

Funktionen von Schule

In der modernen Wissens- und Informationsgesellschaft hat die Sozialisationsinstanz Schule verschiedene gesellschaftliche und personale Funktionen. Gesellschaftliche Aufgaben der Schule sind vor allem Selektion, Integration und Qualifikation:

  • Selektion: Schule soll eine Auswahl der Schülerinnen und Schüler vor allem durch die fachliche Leistung vornehmen. Zudem werden aufgrund der Leistung beziehungsweise der Noten der Schüler soziale Stellungen und Positionen in der Gesellschaft vergeben. Mittel zur Selektion sind Prüfungen. Damit einher geht immer öfter Prüfungsangst.
  • Integration: Durch die Schule können Werte, Normen und soziale Rollen in der Gesellschaft von den Schülerinnen und Schülern verinnerlicht und anerkannt werden. Mittel für die Integration ist das Leben und die Abläufe der jeweiligen Schule.
  • Qualifikation: Schule vermittelt Wissen, Fertigkeiten und Lern- und Arbeitshaltungen – fachliche und überfachliche Kompetenzen. Mittel der Qualifikation sind Lehre und Unterricht.

Eine typische personale Aufgabe der Schule ist die Persönlichkeitsbildung. Schule kann mit Blick auf die Persönlichkeit Selbstständigkeit im Denken, Selbstverwirklichung und Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler fördern. Beide Aufträge der Schule sind wichtig – gesellschaftlicher und personalbildender Auftrag. Die gesellschaftliche Rolle und die Individualität und Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler bedingen sich gegenseitig im Entwicklungs- beziehungsweise Sozialisationsprozess.

Die Reformdebatte im Schulwesen

Im Schulwesen in Deutschland gibt es nicht erst seit den PISA-Studien eine nahezu permanente Reformdebatte. Zum einen geht es um eine innere Schulreform – also Änderungen von pädagogischen Regellungen und Verfahrensweisen einzelner Schulen. Hier stehen schulische Leitbilder, das Einbringen neuer Lehr- und Lernformen und neuer Medien, die Einführung von fach- und klassenübergreifendem Unterricht und die Änderung der Schulkultur - beispielsweise durch Projekttage und die Einführung von „corporate identity“ mit Schullogo und Schuluniformen - im Vordergrund.

Auf der anderen Seite steht eine äußere Schulreform – im Sinne einer Reform des Schulsystems durch die Politik. Reformansätze sind beispielsweise die Ganztagsschule, die Änderung des Einschulungsalters, die Abschaffung des Sitzenbleibens und die Änderung von Leistungsbewertungen und Lehr- und Stoffplänen.

Literaturhinweis:

Dassler, Stefan: Sozialkunde FOS/BOS. Band 3: Gesellschaftliche Strukturen und Prozesse als Grundlage der Politik. Bildungsverlag EINS 2009. Schulbuch. 106 Seiten. Euro 10,95.

Stefan Dassler, Dipl.-Handelslehrer, Stefan Dassler

Stefan Dassler - Dipl.-Handelslehrer (Studium der Wirtschaftspädagogik mit Schwerpunkt Organisationspsychologie an der Universität ...

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