
- Spielregeln des Lebens: Gesetze als Urwissen - Reichel Verlag
Die Diagnose ist einfach: die Wissenschaft vermehrt zwar unser Wissen, gibt aber keine Antworten auf den Sinn des Lebens; unsere Gesellschaft sei profitorientiert, nicht aber an den einzelnen Menschen und dem Sinn seines Lebens; die Kirche würde die Menschen auf später vertrösten und habe damit auch kein Wissen über den Sinn des Lebens. Scholz will diesem Missstand mit seinem Buch abhelfen.
Falsche Wissenschaft und falsche Religionen
Für wen ist dieses Buch geschrieben? "Immer mehr Menschen spüren, dass ihre persönlichen Bedürfnisse ganz andere sind, als ihnen die Gesellschaft suggerieren will." (Seite 9) Dieser persönlich gefühlte Mangel lasse die Menschen nach ihren Wurzeln und nach dem wahren Sinn suchen. Scholz verspricht Antworten: "Man kann nämlich den Wert, die Bedeutung und den Sinn unseres Lebens schlüssig erklären. Doch nur unter der Voraussetzung, den falschen Vorstellungen der Wissenschaft und der Religionen den Rücken gekehrt zu haben." (Seite 9)
Die hermetischen Lehren
Der Autor kommt dann auf die hermetischen Lehren zu sprechen, die er weitestgehend in der so genannten "Tabula Smaragdina" des Hermes Trismegistos findet. Ausgehend von seiner Diagnose schreibt er über die ägyptische Lehre der Harmonie zwischen feinstoffliche und physischer Welt. Auf diesen Unterschied und ihren Zusammenhang kommt er vielfach zurück, zum Beispiel im Kapitel "Das Prinzip der Geistigkeit" (Seite 29-40).
Hierbei kommt er zu einem ersten, präzisen Begriff der Spiritualität: "Spiritualität bedeutet, geistige Gesetze in unserer grobstofflichen Welt, also feinstoffliche Gesetze in der Grobstofflichkeit, anzuwenden." (Seite 19) Damit unterscheidet er in der Praxis nicht ein materielles und ein spirituelles Dasein, sondern sieht diese beiden ineinander verzahnt.
Die zwölf universellen Gesetze
Im Folgenden verdeutlicht der Autor die zwölf universellen Gesetze, die er auch die Spielregeln des Lebens nennt. Besonders betont er, dass keines dieser Gesetze für sich alleine stehen darf, sondern ebenso ineinandergreifen wie die geistige und die materielle Welt (Seite 28). Zu diesen universellen Gesetzen gehöre die Polarität, die Schwingung, der Rhythmus, Ursache und Wirkung, die Wiederverkörperung, der freie Wille und noch einige mehr. In Marl kurzen, mal längeren Abschnitten werden diese einzeln erklärt. In einem abschließenden Kapitel mit dem bezeichnenden Titel "So ist die Welt erschaffen" werden wichtige Schlussfolgerungen noch einmal zusammengefasst.
Neue Spiritualität oder alte Hüte?
Scholz schreibt, dass er dieses Buch geschrieben habe, weil er seit zwanzig Jahren nach einem solchen gesucht habe. Er hat es wohl nicht gefunden. Also hat er es selbst geschrieben. Doch ist sein fehlgegangener Suchprozess tatsächlich so zeitintensiv gewesen? Man darf es bezweifeln! Denn die Ideen sind keineswegs neu. So ist die Gleichsetzung von Gott mit dem Universum, der Ausdruck dieses Gottes in polaren, schwingenden und fließenden Substanzen schon bei Spinoza zu finden (der damit einen religiösen Skandal verursachte); und vieles, was der Autor sagt, ist in ähnlicher Weise bereits in den Büchern von Osho zu finden, zuvor zum Beispiel Aleister Crowley, in anderer Weise ausgedrückt bei Nietzsche oder Schopenhauer oder Kant.
Die Zurückweisung der Wissenschaft
Der Autor geht sogar soweit, zunächst der Wissenschaft ein überholtes, mechanisches Weltbild vorzuwerfen, diese dann aber beständig zu zitieren. Und natürlich ist die Diagnose nicht wahr: die moderne Wissenschaft ist durchaus in der Lage, hier ein ganz anderes Weltbild anzubieten, ein nicht-mechanisches. Man lese nur Gregory Bateson oder Niklas Luhmann. Doch schon bei Karl Marx kann man Polemiken gegen einen vulgären Materialismus haufenweise finden. Oder bei Schopenhauer!
Wie schlampig es dann bei Scholz zugeht, kann einem aufmerksamen Leser auffallen, wenn er die Zitate überprüft, die der Autor nutzt. Vieles zitiert er nicht direkt, sondern aus anderen zitierenden Büchern. Was dabei herauskommt, kann man zum Beispiel auf Seite 39 lesen. Hier wird der amerikanische Dichter Walt Whitman zu Gehör gebracht: "Untersuchungen des menschlichen Körpers mittels radioaktiver Isotopen … haben zweifelsfrei ergeben, dass jetzt, gerade jetzt, in Ihrem physischen Körper eine Million Atome zu finden sind, die einst im Körper von Christus waren oder … Saddam Hussein!"
Whitman, der 1892 starb, konnte noch gar nichts von dem Wort radioaktiv, geschweige denn Isotop wissen. Das Wort radioaktiv wurde erst im Jahre 1896 von der polnischen Wissenschaftlerin Marie Curie geprägt, Isotop 1921 von dem englischen Chemiker Soddy. Am erstaunlichsten allerdings dürfte dabei sein, dass Whitman von Saddam Hussein wusste, der erst 1937 geboren wurde. Andere Zitate dagegen konnte der Rezensent wegen fehlender Verweise ins Original nicht überprüfen.
Rhetorisch interessant
Das Buch bietet also weder neues, noch haltbares Wissen an. Rhetorisch jedoch ist es schon hervorragend aufgebaut. Gleich zu Beginn wird die Wissenschaft geschickt in eine Opposition zu dem wahren Wissen, das Scholz auch Urwissen nennt, getrieben und natürlich bietet er dann eine Geheimlehre an, die sowohl gegen den ungesunden Materialismus, psychische Erkrankungen, Selbstmordtendenzen, Burnout und so weiter wirksam wäre.
Tatsächlich bauen sich aber die Argumentationen auf untergründigen, zum Teil metaphorischen Gleichsetzungen auf. So wird die Wissenschaft häufig mit der (falschen) Erfahrung verwechselt, ungeachtet aller moderner Wissenschaftstheorien. So werden Begriffe abgeschliffen und undeutlich. Rhetorisch geschickt, wenn auch leicht zu durchschauen, ist auch die Vereinheitlichung der Wissenschaft oder der Kirche (die zudem noch mit dem Christentum generell gleichgesetzt wird). Man hat es also nur mit einem Feind zu tun und gegen den gilt es zu opponieren.
Bewertung des Buches "Die Spielregeln des Lebens"
Nicht ganz unrecht hat natürlich der Autor, wenn er von einem Unwissen der Menschen spricht, von einer Verleugnung zahlreicher Tatsachen. Doch er kann hier tatsächlich nichts Besseres anbieten, sondern übertüncht durch ein angeblich geheimes Wissen seine eigene, schlampige Argumentation. Lichtblicke bei diesem Buch sind dann tatsächlich die materiellen Qualitäten: ein schöner Einband, eine übersichtliche Schrift, griffiges Papier. Zudem ist es hervorragend lektoriert, d.h. vollständig ohne Rechtschreibfehler. Doch das sollte dem modernen, kritischen Leser nicht genügen. So bleibt nur der Rat, von diesem Buch die Finger zu lassen.
Angaben zum Buch
Scholz, Friedrich G.: Die Spielregeln des Lebens. 12 Gesetze, die unser Schicksal lenken. Weilersbach 2011 (Reichel Verlag).
ISBN: 978-3-941435-16-2
