
- weisses Dorf El Acebuchal in Andalusien - Christine Rödel
Die Herrschaft der Mauren in Andalusien hinterließ ihre Spuren. Die unter anderem vom Klima bestimmten Lebensgewohnheiten nahmen auch erheblichen Einfluss auf ihre Architektur. Mit Besetzung der iberischen Halbinsel im Jahre 710 gelangte der architektonisch maurische Stil nach Spanien und hebt sich kunstvoll aus den herkömmlichen Bauwerken hervor. Aus dieser schöpferischen Vielfalt konnte eine unvergleichliche Kultur entstehen, die auf das ganze Mittelalter ausstrahlte und bis heute ihre Reize im andalusischen Spanien entfaltet.
Fortschritt mit friedlichem Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden
Nachdem die Mauren etwa zwei Drittel von Spanien erobert hatten, herrschten sie rund 800 Jahre lang und verliehen insbesondere Andalusien seine politische und kulturelle Blüte. Damit war es gegenüber anderen europäischen Ländern in wirtschaftlicher und intellektueller Hinsicht weit voraus. Der Reichtum zeigte sich nicht nur in den neuen Errungenschaften von technisch komplizierten Bewässerungsanlagen in der Landwirtschaft, sondern jede Stadt verfügte über Moscheen, Synagogen, Kirchen, öffentliche Bäder, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Krankenhäuser und Kanalisationen.
An den Höfen der Fürsten trafen sich Künstler, Musiker, Dichter und wissenschaftliche Gelehrte, deren Erkenntnisse nachhaltige Einflüsse auf die Entwicklung europäischer Universitäten nahm. Dieser Fortschritt ist dem friedlichen Zusammenleben der verschiedenen Kulturen zwischen den Muslimen, Christen und Juden zu verdanken, die durch beachtliche Toleranz herausragt, welche bis ins aktuelle Zeitgeschehen hineinschwingt.
Materielle Güter sind lediglich von Allah geliehen
Im Zentrum der jeweiligen Städte, der Medina, tätigten die Handwerker ihre Geschäfte und beteten. Die Privatsphäre gehörte ausschließlich in das Wohnhaus, das den Familienmitgliedern vorbehalten war. Schon die arabische Bezeichnung für Haus "dar" birgt in seinem Wortstamm einen in sich geschlossenen und eingekreisten Raum, den der Familie.
Die islamische Lebensauffassung, dass das zur Schau stellen von materiellen Gütern und persönlichem Reichtum verpönt sei, da all diese Sachen nur von Allah geliehen seien, prägt auch die schlichte Gestaltung der Außenwände der Wohnhäuser. Ihr architektonisches Wesensmerkmal findet sich in den kubischen Gleichförmigkeiten ohne Verzierungen wieder. Im Inneren jedoch, dem für und von der Familie geschützten Areal, stand jede Herrlichkeit von Glanz und Prunk zur Verfügung.
Leichte Möbel zur flexiblen Zimmernutzung
Jedes Wohnhaus verfügte außerdem auch über einen öffentlichen Bereich, der sich mitunter auch außerhalb des eigentlichen Wohnhauses befinden konnte. Hier empfing der Hausherr seine männlichen Besucher. Die Nutzung der jeweiligen Räume war nicht in der Art strikt festgelegt, wie es heute in Europa üblich ist, wo jeder einzelne Raum seiner Funktion entsprechend mit den jeweiligen Möbeln ausgestattet wird. Die Muslimen gestalteten ihre Räume, den jeweils erforderlichen Bedürfnissen entsprechend und lebten in einer selbstverständlichen permanenten Flexibilität.
Die Ausstattung mit Möbeln erschloss sich damit, dass sie jederzeit an anderen Plätzen deponiert werden konnten. Aus diesem Grund umgaben sie sich mit leichten Möbeln, wie Truhen, Teppichen, Sitzkissen, Klapptischen, tragbaren Geräten und auch transportablen Tonherden. Ihre Wohnräume waren nicht durch so massives zweckgebundenes Mobiliar gekennzeichnet. Das ermöglichte, dass sich die Familie jederzeit den neuen Gegebenheiten mit wenigen Handgriffen neu anpassen konnte, ohne hierfür schwerwiegenden Aufwand betreiben zu müssen.
Gestaltung der Innenräume im Mudéjar-Stil
Die scheinbar spartanische Einrichtung, die ihre praktischen Zwecke erfüllt, führte mit sich, dass man im Gegenzug besonderen Wert auf die künstlerisch wertvolle Gestaltung der Innenräume legte. Das betraf die Böden gleichermaßen wie Wände und Decken. Geziert im Mudéjar-Stil finden sich in den Innenräumen der maurischen Gebäude wahre Schätze wieder. Der Stil ist eine Bau- und Dekorationsform, die von maurischen Künstlern und Handwerkern erschaffen wurde. In dieser Form wurden Wohnhäuser, Paläste und Kirchen bis zum 16. Jahrhundert gestaltet. Der Mudéjar-Stil hat nach wie vor Bestand und seine Ornamente und Motive sind heute auch noch in und außerhalb von Andalusien in neuen Gebäuden zu finden.
Quelle:Casa Residentia, Wohnarchitektur und Interieurs Spanien, Könemann Verlagsgesellschaft, 418 Seiten
