
- Historischer Stadtbahner 2303/5447 - Harald Rossa
1921 wurde bei der Deutschen Reichsbahn Gesellschaft (DRG) entschieden, den Verkehr auf der Berliner Stadtbahn, den Vorortstrecken und der Ringbahn auf elektrischen Betrieb umzustellen. Dabei entschied man sich für ein System mit seitlicher, von unten bestrichener Stromschiene und einem Gleichstromsystem mit 750 Volt.
Am 8. August 1924 ging die erste so elektrifizierte Strecke vom Stettiner Vorortbahnhof, dem heutigen Nordbahnhof nach Bernau in Betrieb. 1925 bis 1927 folgten die Strecken nach Oranienburg und Velten. Die beim Betrieb nach Bernau gesammelten Erfahrungen führten zu einem neuen Fahrzeugkonzept mit dem Prinzip des Viertelzuges. Das wurde erstmals bei der Baureihe 168 verfolgt.
Am 15. Mai 1929 fuhren zum letzten Mal mit Dampfloks bespannte Züge auf den Vorortgleisen der Stadt- und Ringbahn. Rund 230 Kilometer waren bis dahin auf den elektrischen Betrieb umgestellt worden. Zum 1. Dezember 1930 wurden die Berliner Stadt-, Ring- und Vorortbahnen unter dem neuen Signum „S-Bahn“ vereint.
Der „Stadtbahner“ ET 165
Der Stadtbahner, amtlich bei der DRG ET 165 und später bei der DR Baureihe 275 und schließlich BR 475 bei der Deutschen Bahn (DBAG) war eine Weiterentwicklung der ersten elektrischen Züge für die Berliner S-Bahn. Sie wurden zwischen 1927 und 1932 gebaut wurde.
Am 11. Juni 1928 fuhr der erste Zug dieser Baureihe auf der neu elektrifizierten Strecke von Potsdam über die Stadtbahn nach Erkner. So kamen die ET 165 zu dem nicht amtlichen Namen „Stadtbahner“. 1932 wurde für die Wannseebahn das letzte Los von 51 Viertelzügen geliefert der Variante ET 165.8 geliefert. Bis Ende 1933 wurden insgesamt 1.276 Wagen bzw. 638 Viertelzüge von diesem Typ gebaut. Ein Rekord in der der deutschen Eisenbahngeschichte. Und rekordverdächtig ist auch die Einsatzdauer der Stadtbahner. Züge dieser Baureihe waren noch bis zum 21. Dezember 1997 im Berliner S-Bahnnetz eingesetzt. Bis Mai 2004 wurden sie bis auf einige Museumstücke verschrottet.
Die Technik der ET 165
Der ET 165 ist ein knapp 36 Meter langer Viertelzug aus einem elektrischen Triebwagen und einem Steuerwagen ohne Antrieb. Später wurden die Steuerwagen durch Beiwagen abgelöst. Bis zu vier Viertelzüge konnten zu einem rund 145 Meter langen Vollzug formiert werden.
Vorbild war Baureihe ET 168, auch „Oranienburger“ genant, von 1925. Der ET 165 musste gegenüber dem Oranienburger deutlich abspecken. Das wurde geschafft. 16 Tonnen weniger brachten die Stadtbahner auf die Waage. Neu war bei diesem Modell die Möglichkeit des Schließens der Türen durch den Triebwagenführer.
Die Stadtbahner wurden von vielen Waggonbaufirmen gebaut. Die elektrische Ausrüstung übernahm das Reichsbahnausbesserungswerk Berlin-Schöneweide.
Einsatz und Verbleib der Stadtbahner
Den Krieg überstanden 432 Viertelzüge dieser Bauserie. Zwischen 1965 und 1969 wurde ein Teil für den Einmannbetrieb durch Einbau von Abfertigungsfunk und Sicherheitsfahrschaltung umgerüstet. Bis dahin übernahm ein Triebwagenschaffner die Abfertigung des Zuges am Bahnsteig. Dabei erhielten diese Wagen auch eine neue Beleuchtung mit 2 Scheinwerfern. Von den nicht umgerüsteten Wagen wurde viel zu so genannten Passvierteln umgebaut, die bis 1987 in der Zugmitte eingesetzt wurden.
Ab 1968 bis 1990 wurden insgesamt 79 Wagen der Stadtbahner von der Hauptwerkstatt Schöneweide zu U-Bahnzügen der Bauart “E” umgebaut. Die waren teilweise bis 1994 auf der Großprofillinie vom Alexanderplatz nach Friedrichsfelde bzw. Hönow im Einsatz.
Ab 1979 wurden die Stadtbahner erneut modernisiert und erhielte eine neue Stirn. Sie wurden ab 1970 als Baureihe 276 geführt. 1992 wurden die Triebwagen zu Br 476 und die Beiwagen zur BR 876. Diese Umbauten wurden bis 1987 durchgeführt. Züge dieser Umbauserie waren bis 1999 im Einsatz.
Museumswagen des Stadtbahners
Ein Stadtbahner ist als Museumszug noch auf Schienen unterwgs: das Steuerviertel 2303/5447. Der Zug wurde zur 750-Jahrfeier Berlins anno 1987 in den Zustand von 1929 zurück versetzt. 1990 wurden weitere Züge historisch hergerichtet: ET/ES 165 231 und ET/EB 165 471 im Zustand der 50er Jahre und 3662/6121 trägt äußerlich die Hülle Zustand der 30er Jahre. Der Verein Historische S-Bahn e.V. betreut diese Schätze.
Die Daten der Stadtbahner
- Gelieferte Fahrzeuge: 638 Triebwagen, 465 Steuerwagen, 173 Beiwagen
- Hersteller der Wagen: Wegmann, Busch, Orenstein & Koppel, Linke-Hoffmann, Wumag, Vereinigte Westdeutsche Waggonfabriken Köln-Deutz
- Elektrische Ausrüstung: Einbau im RAW Schöneweide
- Bauzeit: 1928 bis 1932
- Länge: 35.460 mm
- Breite: 3.000 mm
- Fußbodenhöhe: 1.100 mm
- Achsfolge: Bo'Bo'+2'2'
- Spurweite: 1.435 mm
- Drehzapfenabstand: 11.800 mm
- Drehgestellachsstand: 2.500 mm
- Leermasse: 65,5 t, davon Triebwagen 37,9 t
- Höchstgeschwindigkeit: 80 km/h
- Beschleunigung: 0,3 und 0,5 m/s² je nach Fahrschalterstellung
- Raddurchmesser: 900 mm
- Stromsystem: 750 V Gleichstrom
- Stromversorgung: über seitliche, von unten bestrichene Stromschiene
- Anzahl der Fahrmotoren: 4 Stück a 90 KW
- Leistung: 360 kW
- Bremse: Knorr-Personenzugbremse mit elektro-pneumatischer Betätigung
- Kupplung: Scharfenbergkupplung
- Platzangebot: 115 Sitzplätze auf Holzbänken
