Die Stechäpfel sind reif

Was ist gute Literatur? Sie bleibt frisch!

Mit dem Frühling bricht wieder die Flut der Neuerscheinungen im Literaturgeschäft herein. Ein Rückblick auf bleibende Bücher der vergangenen drei Jahre soll erlaubt sein

Jede Sorte von Glück hat Brigitte Reimann Zeit ihres kurzen Lebens gesucht, intensiv gelebt, und intensiv dem Abschied von der Welt in die Augen gesehen. Jede Sorte von Glück, so hat der Aufbau-Verlag die Briefe der Schriftstellerin an ihre Eltern betitelt. Die Herausgeberinnen Heide Hampel und Angela Drescher haben über Jahre das leidenschaftliche und fürwahr selten sorgenfreie Leben der Autorin und Ehefrau Brigitte Reimann studiert, und hier ein angenehmes Bild der Gedanken- und Gefühlswelt dieser außergewöhnlichen Erscheinung gezeichnet. Schön, dass Schwermut und Verzweiflung an der unheilbaren Krankheit nicht so offensichtlich werden, sondern der unbändige Lebensmut der Schriftstellerin bis in ihre letzten Tage.

(Brigitte Reimann: Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern. Aufbau-Verlag 2008, 459 Seiten, 24,95 €, ISBN 978-3-351-03247-0)

Oscar Wilde würde heutzutage nicht nur jeden noch so namhaften (und in Wirklichkeit ratlosen) Ratgeberautor über die Mann-Frau-Problematik im Schatten stehen lassen, sondern hat ebenso Bemerkenswertes über Gott und die Welt hinterlassen. Das kleine Buch „Die Wahrheit der Lüge“ versammelt kurze Prosastücke und Gleichnisse aus der schmucken Feder des großen Romanciers und Lebemanns, die an Klugheit und Weitsicht schwer zu übertreffen sind.

(Oscar Wilde: Die Wahrheit der Lüge. Artemis & Winkler 2008, 160 Seiten, 7,95 €, ISBN 978-3-5380-6358-7)

"Noch einmal auf die schiefe Bahn": Rühmkorf

Peter Rühmkorf, der mit fast achtzig verstorbene langjährige Hüter des expressionistischen Gedankenguts in Lyrikform, brillierte und verführte letztens mit einer eigenen Gedichtsammlung „Paradiesvogelschiß“ . „Noch einmal völlig neu auf die schiefe Bahn geraten“, dies ist für Rühmkorf zugleich Anspruch und Wunsch in den späten Tagen gewesen. Nichts lässt der unerbittliche Lyriker mit dem ihm eigenen sarkastischen Unterton ungeschoren: von der braven „Unschuld vom Lande“ bis zur heutigen Jugend samt ihrer bedenklichen Blindheit. Die Gedichte des unverbrauchten Literaten sind so frech wie frei – durchsetzt mit einer hübschen Frische und sprudelndem Witz. Wo Sinn endet und Unsinn beginnt oder beides Blüten treibt – Rühmkorfs Gedichte bieten in dieser Hinsicht jedes für sich Überraschendes.(Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß. Rowohlt 2008, 142 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3-498-05782-4)

Robert Menasse, Jahrgang 1954, versuchte in seinem Roman „Don Juan de la Mancha oder Die Erziehung der Lust“, die Schönheit der Lust gegen das Erstarren der Lust zu verteidigen. Erstaunlicherweise obsiegt die Schönheit, wenngleich die Helden des erotischen Bildungsromans wohl selbst nicht an diese Läuterung glauben mögen. So halten sich Nathan, Christa, Gregor und Anne, die nichts Anderes sind als Alltagsmenschen, an einer Illusion fest, und gewinnen tatsächlich den Genuss an ihren Lebensläufen zurück – sogar im Zurückdenken über 50 Jahre hinweg. Wie immer in den Romanen des Wiener Autors geht das nicht ohne Wirrungen ab, vermischen sich mitunter zusammenhangslose Dinge zur Erkenntnis des Diffusen im menschlichen Leben. Wenn wir schon nicht handeln, so handeln wir wenigstens aus Lust. Sie wird nicht zugrunde gehen, und wir müssen sie nur immer wieder sehen lernen.

(Robert Menasse: Don Juan de la Mancha oder Die Erziehung der Lust. Suhrkamp 2009, 275 Seiten, 8,90 €, ISBN 978-3-518-46040-5)

"Dilettanten des Ichs" bei Strauß

Wenn sich das "Familienleben" im bunkerartigen Umfeld eines neuzeitlichen Gewerbeparks abspielt, dann wird der Autor solcher Geschichten wohl Botho Strauß heißen. Tatsächlich wunderlich erzählt er in "Die Unbeholfenen" (Untertitel: Eine Bewußtseinsnovelle) von einer Außenwelt weit vor einer beliebigen Stadt, wo es gerade noch so lebendig zugeht, dass "in den nächsten Minuten mit einem ärgerlichen Zwischenfall zu rechnen ist". Strauß entfaltet vor dem Leser ein zum Scheitern verurteiltes Leben außerhalb dieser scheinbar sicheren Betonwände. Die Helden der Novelle müssen zu "Dilettanten ihres Ichs" werden, und sie agieren bei dem Dramatiker Strauß in einem spröden Nichts, von dem sie gefangen sind, ohne dass sie es auch nur ahnen.

(Botho Strauß: Die Unbeholfenen. Bewußtseinsnovelle. DTV 2010, 123 Seiten, 9,90 €, ISBN 978-3-423-13827-7)

Gedichte von Thomas Brasch finden im kleinen Band "Was ich mir wünsche" eine sichere Heimat. Der wundervolle Lyriker Brasch wird geehrt von seiner schönsten Seite, inklusive einiger Gedichte aus dem Nachlass. Das Buch enthält Liebes- und Zeitgedichte zwischen Hoffnungsfülle und Hoffnungslosigkeit - was bleibt von Liebe, bleibt etwas? Wir haben 66 Gedichte vor uns, voller Nüchternheit, Aufnahmen von Momenten, nichts Bleibendem, doch so herrlich poetisch und gefühlvoll.

(Thomas Brasch: Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe. Suhrkamp 2007, 102 Seiten, 11,80 €, ISBN 978-3-518-22413-7)

Die „Stechäpfel“ sind reif geworden, jene von Ulla Hahn herausgegebene, verdienstvolle Sammlung der Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. In der Reclam-Bibliothek kamen sie jetzt in einer erweiterten Ausgabe heraus. Das Buch ist eine Fundgrube der lyrischen Weltliteratur, umfasst eine Auswahl wahrhaft weiblich empfundener Texte von Autorinnen aller Kontinente und Epochen. Von Sappho bis Sylvia Plath, Ingeborg Bachmann bis Shu Ting kommen ungezählte namhafte Lyrikerinnen zu Wort, besonders bissig und temperamentvoll im Kapitel „Nachruf“ (auf die Männerwelt). Löblicherweise hat die Erotik auch ihren Raum, wie der Beitrag von Gioconda Belli zeigt.

(Hg Ulla Hahn: Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Reclam 2008, 468 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3-15-010665-5)

Wann soll man das lesen?: Tellkamp

„Ohne Fleiß kein Preis“. Wie wurden wir einst in Kinder- und Schulzeit mit dieser Weisheit geplagt, ehe wir dann später erkennen durften, dass die süßen Trauben am besten mit List und Tücke zu bekommen sind ... Hin wie her, Uwe Tellkamp ist so etwas wie ein Traditionalist, und bekam als Lohn für seinen Dresden-Roman „Der Turm“ nicht nur einen Literaturpreis. Bei allem Sprachtalent mutet uns Tellkamp zu viel zu, ist seine Schilderung der Sub-Gesellschaft auf dem Dresdner Weißen Hirsch in den letzten DDR-Jahren übergenau und letztlich einfach anstrengend. „Wann soll man das alles lesen?“ – eine grundsätzliche, in diesem Fall von Sujet-Überfrachtung aber leider berechtigte Frage.

(Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Suhrkamp 2010, 976 Seiten, 12,90 €, ISBN 978-3-518-46160-0)

Sven Bernitt, Stephanie Taubert

Sven Bernitt - Sven Bernitt ist seit 2002 unabhängiger Buchhändler in Dresden (www.leselust-dresden.de) und war einige Jahre Journalist in ...

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