
- Album-Cover - Die Stehkrägen
Mitte 2007 wurde das Video zu dem Song „Eure Armut kotzt uns an“ von der Gruppe „Die Stehkrägen“ im Internet veröffentlicht, welches für einige Furore sorgte. In diesem stellten sich die Mitglieder der Gruppe (Yachtmeister, Goldmann X, MC Erbgraf, Bon C und DJ Bling Bling) als die Kinder extrem reicher Leute dar, die mit dem Geld um sich werfen konnten und ärmere Bevölkerungsschichten verachteten. Zeilen aus dem von der Sängerin La Crosse gesungenen Refrain des Titels wie „Hey kleiner Mann, deine Armut kotzt mich an, hast du keinen Vater keine Mutter die was kann“ stießen genauso übel auf, wie die Betitelung von Bedienungen und Klopersonal als „Versager“. Auf ihrer offiziellen Website ließen die Jungs verlauten, dass sie der Gegenpol zu „Hartz 4 Rap“ ala’ Aggro Berlin seien und gaben in diversen gestellten Reportagen Bemerkungen wie „Jeder der am Band arbeitet ist ein Versager“ von sich. Groß angekündigt wurde ihr Debütalbum „Aus gutem Hause“, dass sich mit Titeln wie „Kaviar für Somalia“ oder „Hartz 4 aber bitte nicht hier“ ähnlich geschmackssicher gab.
Reine Satire?
Anfangs waren die Medien noch schockiert von diesem Auftreten, doch schnell wurde klar, dass es sich bei dem Projekt um eine Satire, sowohl auf die Münchner Schicki Micki Gesellschaft, als auch auf den, von den Medien gerne mal als lächerlich abgestempelten, Straßenrap Marke Berlin handeln sollte. Die Köpfe hinter dem Unternehmen seien die Crew der Satire Show „Nachtgestalten“ (zu hören auf dem Münchner Radiosender M 94.5) und die Protagonisten der Stehkrägen wären keineswegs Bewohner des Nobel-Viertels Grünwald, wie es ihre Lebensläufe vorgaben. Aus der Unterschicht kämen sie allerdings ebenfalls nicht.
Damit waren für den Großteil der Medienvertreter (die Süddeutsche Zeitung, die in diesem Fall einiges an Aufklärung geleistet hat, mal außen vor gelassen) die Fronten klar. Im Laufe des Stehkrägen Hypes wurden unzählige Artikel veröffentlicht, die sich darum drehten, dass endlich eine Alternative zu dem „schlechten“, die Kinder verderbenden Rap aus Berlin gefunden sei und das Projekt wurde wahlweise sehr positiv beleuchtet oder gleich komplett in den Himmel gelobt. Man konnte in vielen Artikel richtig die Freude der Journalisten zwischen den Zeilen heraus lesen, endlich den ihnen verhassten „Ghetto“-Größen wie Sido und Bushido eine passende Antwort servieren zu können. Das viele der Zeilen aus „Eure Armut kotzt uns an“ reichlich wenig mit Humor zu tun hatten, sondern lediglich auf recht plumpe Weise die Unterschicht angriffen, wurde im Großteil der Artikel einfach unter den Tisch fallen gelassen.
Ist das noch in Ordnung?
„Die sagen, dass das alles nicht wirklich ernst gemeint ist, also können die sagen was sie wollen“. Nebenbei sei bemerkt, dass der viel angepriesene Konkurrent zu den damaligen Deutschrap Größen eigentlich keiner war, was die Unwissenheit der Presse bei genauerem Hinsehen bloß stellt. Von Aggro Grünwald (wie sich das Label innovativ nennt) gab es nämlich seit ihrem Bestehen keinerlei Veröffentlichung, die sie für den Markt interessant hätten machen können. Einzig ein teures, provokantes Musikvideo reichte aus, um die Presse das Phänomen künstlich aufblasen zu lassen. Sogar in diversen TV Formaten (z.B. bei Taff) wurden sie erst auf Grund ihrer Texte in Frage gestellt und dann für die „humoristische“ Auflösung umjubelt.
Dass es eigentlich nicht salonfähig sein dürfte, arme Menschen in Texten zu demütigen, völlig egal ob man selbst steinreich ist oder eben aus der Mittelschicht kommt, dafür interessierte sich niemand. Ganz nach dem Motto „Satire darf alles“. Es schien fast so, als ob diverse Schreiber soziale Missstände für eine Erfindung der Deutschrapper hielten und daher kein Problem darin sahen, wenn sich eine andere fiktive Gruppe darüber lustig machte. Höchstwahrscheinlich wären die Stehkrägen nie so bekannt geworden, wären sie nicht ständig in den Medien aufgetaucht, denn abgesehen davon gab das Thema nicht viel her.
Die Hintergründe
Noch fraglicher wurde die Schose, als die Süddeutsche Zeitung (die so ziemlich die einzigen waren, die die Sache von Anfang an skeptisch betrachtet hatten) aufdeckte, dass es sich bei dem Geldgeber hinter Aggro Grünwald um die Starnberger Aktiengesellschaft Levitian Ag, deren Vorsitzender Philipp Walusis aus dem noblen Münchner Vorort Pöcking stammt, handelte. Richtig interessant wurde es aber erst bei den anderen Vorstandsmitgliedern: Da las man die Namen Ludwig von Bayern und Severin Meister – und da pfeifen Kenner des Münchner Hochadligen- und Superreichen-Milieus dann doch durch die Zähne.
Hier agierte nicht nur die jüngste Generation der Wittelsbacher, sondern auch die der Habsburger. Ludwig Heinrich Prinz von Bayern, 25, ist der Sohn von „Bierbrauer“ Prinz Luitpold und Nachfahre der bayerischen Könige. Severin Meister dagegen ist ein Enkel Otto von Habsburgs und damit Sprössling der österreichischen Kaiserfamilie. Zusammen mit Mauritz von Einem (Junge-Union-Aktivist, niedersächsischer Landadel) und ein paar bürgerlichen Kumpanen hatten sich hier also zwei legendäre Dynastien zusammengetan, um dem Rest der Welt mal eine deutliche Botschaft zu übermitteln: „Eure Armut kotzt uns an!“
Mit diesen Informationen im Rücken konnte sich niemand mehr wirklich zu den Stehkrägen, die wie eine zur Unterhaltung der Oberschicht zusammen gecastete Band wirkten, bekennen.
In den Medien wurde es still um die Gruppe, die zuvor trotz mangelhafter musikalischer Fähigkeiten und extrem menschenverachtender Ideologien gehypet wurde. Hip-Hop-Fachzeitschriften wie die Juice oder Backspin hatten dem Thema von Anfang an keine Aufmerksamkeit geschenkt, da die Jungs weder rappen konnten, noch über anständige Beats (genau genommen war es nur einer) verfügten. Es erscheint fast so, als wäre die einzige Daseinsberechtigung der Stehkrägen gewesen, diverse Journalisten in ihrer Verabscheuung gegen die Unterschicht zu bekräftigen. Anders lässt es sich kaum erklären, warum das Thema nicht komplett ignoriert oder schlichtweg als das bezeichnet worden ist, was es war: Ein geschmackloser und menschenverachtender Scherz.
