Ein Reich ist formal ein Herrschaftsgebiet eines Königs oder Kaisers oder sonstigen Herrschers entsprechenden Ranges, das oft mehrere Nationalitäten in einem Staatsverband umfasst.
Was historisch bei den Azteken eindeutig zu beweisen ist, ist das Vorhandensein einer Metropole. In diesem Fall handelt es sich nicht nur um die Hauptstadt Tenochtitlan, mit einer geschätzten Einwohnerzahl zur Blütezeit von 200.000 Menschen, sondern um die drei Hauptstädte Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan des 1428 gegründeten Dreibundes. Dieses Zentrum dominierte seine Provinzen und übte politische Kontrolle aus.
Ein Vorgang, der unbedingt zum Funktionieren eines Reiches gehört, ist der Imperialismus. Dazu habe ich den Artikel "Imperialismus im Aztekischen Reich" verfasst.
Der Staat der Azteken
Ein gut funktionierender Staat gilt ebenfalls als Prämisse für ein Reich und dessen Machtausübung. Wichtig für den aztekischen Staat war die Zentralregierung mit einer Gewaltenteilung. Die Azteken nannten ihren Staat altepetl, für den es nur ein paar notwendige Bedingungen gab: Es musste ein von einem dynastischen Herrscher (tlatoani) zu beherrschendes Territorium existieren, dass in Untereinheiten (calpolli) aufgeteilt war.
Im Zentrum der drei Herrschaftsstädte regierte jeweils ein eigener tlatoani. Dieser kümmerte sich innenpolitisch um die öffentliche Sicherheit, das Erziehungswesen und die soziale Kontrolle. Zudem war er auf außenpolitischer Ebene mit der Sicherung der Grenzen beschäftigt und war oberster Befehlshaber des Militärs. An seiner Seite standen vier Richter in einem Gerichtshof, die über Zivil- und Strafverfahren zu entscheiden hatten.
Die Aufteilung des Aztekischen Reiches
Neben dem Zentrum gab es ein Kerngebiet aus unmittelbaren Einflusszonen, die jeweils einem der drei Herrschaftszentren direkt zugeordnet waren. Daneben existierten die tributpflichtigen peripheren Gebiete. Kerngebiet und Peripherie waren intern in lokale Herrschertümer mit zentralen Städten und davon abhängigen Orten gegliedert. Diese Orte nun waren in Siedlungsbezirke (calpoltin) aufgeteilt. Die Bezirke bestanden zumeist aus einer Gruppe gemeinsamer Vorfahren, hatten oft ihre eigenen Götter, einen eigenen Tempel und einen Marktplatz. Zu den administrativen Amtsträgern eines calpolli gehörten immer Exekutivbeamte, Tributverwalter, Tributeintreiber und mindestens ein Anführer des Arbeitdienstes.
Die ökonomische, militärische, politische, soziale und kulturelle Macht lag in den Metropolen: Sie waren sowohl die Zeremonialzentren, als auch der Wohnort vieler Handwerker und Händler. Von dort wurden die verschiedensten Akteure in alle Ecken des Reiches geschickt.
Das komplexe Tributsystem verlangte die Einsetzung einer großen Menge von Bürokraten auf der Verwaltungsebene. Dazu kamen Kaufleute und Händler. Da die Tributprodukte alle auf lokaler Ebene hergestellt wurden, benötigte das Aztekische Reich eine gute Infrastruktur. Die Produkte mussten in die Hauptstadt gelangen. Händler und Kaufleute kontrollierten dieses Vorgehen und waren für die Aufrechterhaltung wirtschaftlicher Beziehungen zuständig.
Das aztekische Heer
Der größte Kritikpunkt am Aztekischen Reich war immer das angebliche Nichtvorhandensein eines stehenden Heeres. Das scheint allerdings eine Fehleinschätzung zu sein, denn alle Jungen wurden entweder zum Kriegsdienst oder zum Priesteramt ausgebildet. Es gab lediglich eine verhältnismäßig schwache Heerestätigkeit im Zentrum des Reiches. Doch waren die Krieger nahezu überall auf gleichem Niveau ausgebildet, was dazu führte, dass ein kampfstarkes Heer jederzeit abrufbar war.
Besonders in den Grenzzonen existierte ein ständiger Wehrdienst (yaoquizcayotl). So hatte das Aztekische Reich sehr wohl einen starken militärischen Apparat. Kriegsgefangene wurden entweder als Arbeitskräftereservoir oder als Menschenopfer (oder beides, jedoch zeitlich nacheinander) benötigt. Es existierte ein ausgeprägtes militärisches Leistungs- und Aufstiegssystem.
Die interne Gliederung des Aztekischen Reiches
Auch intern war das Aztekische Reich streng hierarchisch gegliedert. Eine grundlegende Trennung bestand zwischen den Adeligen (pilli, pipiltin) und den Gemeinfreien (macehualli, macehualtin). Die macehualtin machten die Masse der Bevölkerung aus. Innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe beruhten die Unterschiede auf der ungleichen Verfügung von Land, unterschiedlicher Tributpflicht und Arbeitsbelastung. Das Reich verlangte von jedem nichtadeligen Haushalt Tribut.
Die pipiltin hingegen hatten das Recht auf die Ausbildung in einer Priesterschule (calmecac) und den Zugang zu den höchsten militärischen Ämtern. Durch Erfolge war ein sozialer Aufstieg gewiss, aber Normenbrüche hatten für alle einen sozialen Abstieg zur Folge.
Die Struktur des Aztekischen Reiches
Das Aztekische Reich war die Herrschaft einer Elite: eine Adelsherrschaft. Die religiösen Feste waren ein wichtiger Bestandteil aztekischer Machtdemonstration. Die aztekische Staatsidee wurde von Kontrollmechanismen dominiert: Sie gründete sich auf Rechtsverbindlichkeit und Obergewalt. So war das Aztekische Reich gewissermaßen ein früher Rechtsstaat. Für die Reichsentwicklung war das strikte Wertesystem, die Orientierung an Leistung unter hohem Risiko, Prestige und der Besitz an Statusgütern elementar wichtig. Genau genommen war das Aztekische Reich, getragen von einem durch Religion und Militär gestützten Staat mit einer immensen Rechtsverbindlichkeit, nach europäischen Maßstäben fast idealtypisch.
